Jazz macht Völlegefühl

22. Oktober 2003, 14:08
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Van Morrison und Elvis Costello versuchen sich derzeit an gediegenen und anspruchsvollen Alterswerken. Das klingt etwas unlustig

Einmal muss es schon auch gesagt werden: Jazz ist das Letzte. Im klassischen Sinn natürlich. Abseits der Funktionsharmonik darf natürlich jeder hupen oder mit dem Laptop ins Publikum rotzen, so lange Menschen als Publikum bereit sind, bei freier Musik ihre Gesundheit an der Schank aufs Spiel zu setzen. Wir hier wollen heute aber von Ostinato, Schlagzeug mit dem Besen, blauen Noten, Walking Bass und den Mond mit einem Saxophon antröten reden. Wir verhandeln hier bei ohnehin schon akutem Völlegefühl wegen so viel Gediegenheit bei den edlen Noten auch noch klebrige Streicherensembles, die selbst Frank Sinatra zu viel gewesen wären. Der Swing als solches? Abzulehnen! Dann rumst auch noch der zwölftaktige Blues rein, der in Chicago ausgewiesen wurde, weil er aussieht wie eine E-Dur-Tonleiter.

Gerade auch, wenn man bedenkt, dass hier die letzten Dinge im Herbst des Lebens verhandelt werden und Künstler sich aus zwar durchaus verständlichen, aber dann doch wieder nicht nachvollziehbaren Gründen darauf verlegen wollen, für eine fiktive Nachwelt an großen Alterswerken zu arbeiten, sind Van Morrison und Elvis Costello gerade nach allen Regeln der Kunst gescheitert. Morrisons neue CD titelt What's Wrong With This Picture?. Costello hat North veröffentlicht.

Nach mehr als uninspirierten Alben wie Back On Top oder Down The Road, auf dem der irische Grantler Van Morrison den seit mindestens 20 Jahren bestens auf dem Markt eingeführten Celtic-Folk- und Balladen-Iren gab, ohne besonders viel von sich selbst preis zu geben, hat der 58-jährige jetzt gerade beim renommierten Jazzlabel Blue Note unterschrieben. Das führt dazu, dass sich Van Morrison hörbar unter der Last seines Körpers zunehmend japsend wieder etwas mehr bemüht, sein emotionales Spektrum auch außerhalb gesicherter Autopilot-Programme zur Geltung zu bringen. Allerdings schreit hier dann auch jede Note zwischen dem schon vor gut 40 Jahren abgespielten Hadern Saint James Infirmary und 08/15-Selbstbetrug wie Too Many Myths nach jener sensiblen Atmosphäre, die Van Morrison zum beliebten Soundtrack-Gast in diversen Hollywood-Filmen macht, in denen Meg Ryan ein Rolle spielt. Der Weg ist nicht weit zwischen Sleepless in Seattle und Proof of Life.

Mit einer Nummer wie Little Village, in der die süßlichen Geigen noch mit dazugestellten Mandolinen kalorienmäßig in den Wahnsinn getrieben werden, schafft es der alte Schuft dann allerdings gegen Ende doch noch, kurze Begeisterung hervorzurufen. Dass anschließend wieder ein fader Zwölftakter namens Fame pupst und das Album mit dem Song Get On With The Show endet, muss aber eindeutig als Drohung angesehen werden. Zwei Wünsche ans Christkind: ein Album, das zumindest in die Sichtnähe der Live-Platte It's Too Late To Stop Now aus 1974 kommt (so lange ist das nämlich eigentlich her, dass . . .) - und einmal noch ein Österreichkonzert, bei dem mehr geboten wird als akustischer Nachdurst. Bitte!

Elvis Costello macht diesbezüglich nichts falsch. Sein erster und letzter Auftritt in Österreich liegt gut 20 Jahre zurück. Dafür hat es den Mann nach seiner jüngsten Scheidung und seiner neuen Liebe zu Jazzdiva Diana Krall trotz dem hervorragenden letzten Album When I Was Cruel wieder einmal dorthin verschlagen, wo der gallige Sarkast mit der Stromgitarre im Herzen absolut nichts zu suchen hat: Die Songs von North baden trotz einiger textlicher Schärfen liebestrunken in der Streichersulz von Sinatra, die er schon mit US-Schlagerkomponist Burt Bacharach auf Painted From Memory erfolglos bewältigte. Unerheblich, gleich wieder vergessen - aber ebenfalls: unendlich gediegen! Er veröffentlicht jetzt auf dem Label Deutsche Grammophon. Das ist so, wie wenn AC/DC nüchtern ein Unplugged-Konzert geben würden. Also wirklich schlimm.
(DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2003)

Von
Christian Schachinger
  • Elvis Costello North (Universal)
    foto: universal

    Elvis Costello
    North
    (Universal)

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