Londoner Verkehrsexperte: City-Maut schwer übertragbar

19. Oktober 2003, 17:46
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"Die Verlierer sind die Unternehmer im Zentrum" - Maut und Pargebühr halten nicht nur Autos sondern auch Kunden vom Zentrum fern

Graz - Als "wirksames Instrument des Mobilitätsmanagements" bezeichnete der Londoner Verkehrsexperte Univ.Prof. Michael Bell (Imperial College of Science and Technology) bei einem Vortrag in Graz die City-Maut in London.

Der Lenkungseffekt sei, wie eine Evaluierung nach drei Monaten gezeigt habe, stärker als erwartet ausgefallen. Allerdings: "Die Verlierer sind die Unternehmer im Zentrum". Eine Übertragbarkeit des Londoner Modells auf andere Städte sieht Bell nicht, insbesondere deshalb nicht, weil der "Leidensdruck" durch Staus in der britischen Hauptstadt extrem hoch war.

Der Verkehr hat sich seit Einführung der Maut in der Kernzone (21 Quadratkilometer, nur 1,3 Prozent von Greater London, Anm.) im Februar um 20 Prozent reduziert, der Verkehrsfluss konnte eindeutig verbessert werden, berichtete Bell, der eine Gastprofessur an der Grazer TU hat.

Maut und Parkgebühr

Kassiert werden pro Tag und Auto an die 8 Euro, elektronisch über Handy, Internet oder auch in Geschäften und Tankstellen. Nach Einschätzung von Bell ein moderater Obolus, zu dem allerdings im Zentrum noch saftige Parkgebühren von 1,40 Euro pro zehn Minuten dazukommen.

Ausgenommen sind Autos mit alternativen Antrieben

Überwacht wird über Kameras, mit deren Hilfe die Kennzeichen automatisch eingelesen und mit den Zahlungseingängen vergleichen werden - mit 90-prozentiger Präzision, wie London Transport beteuert. Wer nicht zahlt, dem drohen 120 Euro Strafe. 4000 Mandate werden im Schnitt pro Tag ausgestellt. Ausgenommen sind Autos mit alternativen Antrieben, Einsatzfahrzeuge, Zweiräder, Taxis, Anrainer zahlen nur zehn Prozent. Die Einnahmen - 180 Mio. Euro wurden prognostiziert - werden zweckgebunden für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs verwendet.

Verschiebungen der Verkehrsströme

Einigermaßen überraschend waren die Verschiebungen der Verkehrsströme: Im Mautgebiet gingen die Fahrgastzahlen in den U-Bahnen leicht zurück, die Nutzung der - verstärkten - Buslinien stieg sprunghaft an, was Bell auf die nun schneller vorankommenden und damit konkurrenzfähigeren Busse zurückführt. Außerhalb der Kernzone hat sich hingegen wenig geändert, die Reisezeiten nahmen tendenziell zu und die Gesamtverkehrsreduktion ist mit ein bis zwei Prozent eher marginal.

75 Prozent der Geschäfte im Zentrum klagen über rückläufige Umsätze

Ernüchternd ist eine aktuelle Umfrage der Chamber of Commerce, der zur Folge 75 Prozent der Geschäfte im Zentrum über rückläufige Umsätze klagt, 60 Prozent der Unternehmer sehen die City-Maut als Ursache. Am schlimmsten betroffen sind kleine Handelsunternehmer und da vor allem jene, die knapp außerhalb der Mautzone etabliert sind. Ein Viertel der Gewerbetreibenden überlegt eine Standortverlegung. Gleichzeitig boomen die Shopping Center am Stadtrand.

An eine Rücknahme des 300 Mio. Euro teuren Mautsystems glaubt Bell nicht, doch auch eine Ausweitung, wie ursprünglich von Bürgermeister Ken Livingstone überlegt, zeichne sich nicht ab. (APA)

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