"Reformen gehen nicht weit genug"

17. Oktober 2003, 12:28
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Hubertus Erlen, Chef des Pharmakonzerns Schering: Für den Standort Deutschland sind die Reformen auf dem Arbeitsmarkt zentral

Mehr Mut zu Reformen fordert der Chef des Pharmakonzerns Schering, Hubertus Erlen. Im Gesundheitswesen plädiert er für mehr Wettbewerb. Zentral für den Standort Deutschland seien aber die Reformen auf dem Arbeitsmarkt, so der Spitzenmanager.

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Er sei nicht gekommen, um sich "beklagen zu lassen", stellte der Chef des deutschen Pharmakonzerns Schering, Hubertus Erlen, gleich zu Beginn des Gesprächs mit Auslandskorrespondenten in Berlin klar. "Aber wo wir dringend Verbesserungen brauchen, das ist auf dem Arbeitsmarkt." Die Frage, wie diese Reformen angegangen werden, sei zentral für den Standort Deutschland. Er hoffe, dass die Regierung den eingeleiteten Reformprozess "konsequent umsetzt".

Verkrusteter Arbeitsmarkt

8000 der 26.000 Beschäftigten des weltweit tätigen Konzerns mit einem Umsatz von 5,2 Milliarden Euro im Vorjahr sind in Deutschland tätig. Der Arbeitsmarkt sei zu verkrustet, meinte Erlen. Der Schering-Chef kritisierte in diesem Zusammenhang die mangelnde Flexibilität der Gewerkschaften, die für viele Unternehmen ein Problem darstelle. "Es sollte möglich sein, wenn die Mitarbeiter und ihre Vertretung das wollen, in einem Betrieb auch von der Gewerkschaftslinie abweichen zu können. Dass man die betriebliche Ebene stärkt, halte ich für einen berechtigten Ansatz."

Zu den in Deutschland im Vergleich zu Österreich und anderen Ländern sehr ausgeprägten Mitbestimmungsmöglichkeiten der Arbeitnehmer sagte Erlen: "Das ist nichts, womit wir nicht gelernt hätten umzugehen. Aber wir würden es auch nicht erfinden, wenn es das nicht gäbe. Aber eine Welt ohne Mitbestimmung in Deutschland wäre utopisch."

Treue zu Deutschland

Auf die Frage des STANDARD, ob Schering angesichts der skizzierten Schwächen wie andere Konzerne - etwa wie Müller-Milch - einen Rückzug aus Deutschland erwäge, antwortete Erlen: "Wir sind nicht auf dem Rückzug." Dabei werden 90 Prozent des Umsatzes im Ausland erzielt. "Ich sage immer, unsere Arbeitsplätze in Deutschland sind dann ganz sicher, wenn wir im Ausland stark wachsen."

Kritik äußerte Erlen auch an der gerade beschlossenen Gesundheitsreform, die unter anderem Zuzahlungen von zehn Euro pro Arznei vorsieht. "Wir sehen das kritisch, weil es diese Gesundheitsreform nur darauf anlegt, von überall Geld herzubekommen. Was aber fehlt, sind wirkliche Strukturreformen, der auch Druck auf Arzneimittelpreise schafft." Er sei für mehr Wettbewerb, auch wenn dadurch der Konkurrenzdruck unter den Pharmafirmen größer werde. "Wir suchen nicht den Patienten, der möglichst viele Medikamente nimmt."

Nachhaltigkeit gefordert

Die Pharmaindustrie habe zur Gesundheitsreform eine Milliarde Euro beigesteuert. Für Schering bedeute dies einen Zwangsrabatt, der 16 Prozent des Umsatzes betreffe. "Ich klage nicht. Aber ich will, dass man etwas macht, das nachhaltig wirkt."

Dass jetzt schon über eine neue Gesundheitsreform - wie die Bürgerversicherung oder die Kopfpauschalen - diskutiert werde, zeige, dass die Schritte "nicht weit reichend genug" seien. "Es gibt noch viel zu tun in Deutschland", sagte Erlen. (DER STANDARD Printausgabe, 15.10.2003)

Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin
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