Die große Macht, Nein zu sagen

29. Oktober 2003, 19:47
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Regisseurin Emilie Deleuze im Interview über "Mister V.", ihr eigenwilliges Drama um ein Pferd, das Menschen nicht ausstehen kann

Die französische Filmemacherin Emilie Deleuze erzählt in "Mister V." ein eigenwilliges Drama um ein Pferd, das Menschen nicht ausstehen kann. Dominik Kamalzadeh sprach mit ihr über die Beziehung zu Tieren, Sam Peckinpah und Bartleby.

Mister V. ist ein ungestümer Zuchthengst. In Emilie Deleuzes gleichnamigem Film ist er der Protagonist, der das Dasein einer Pferdezüchterfamilie nachhaltig verändert: Im Zuge eines Versicherungsbetrugs soll er getötet werden, dann aber tötet er selbst. Und anstatt gebändigt zu werden, zwingt er seinen Besitzer Lucas (Mathieu Demy), zunehmend selbst zu verwildern.

Es ist dieses unorthodoxe Verhältnis zwischen Mensch und Tier, das Deleuze auf gänzlich unpsychologische Weise eindrücklich mitvollzieht. Wie schon in ihrem Debüt Peau neuve muss sich ein Mann einer gänzlich neuen Herausforderung stellen. Sein Gegenüber kämpft jedoch darum, das zu bleiben, was er ist. Mister V. ist ein Film, der nach einem Einverständnis jenseits von Beherrschung sucht.



STANDARD: Ein Pferd ist eine ziemlich ungewöhnliche Hauptfigur für einen Film. Was hat Sie daran interessiert?

Deleuze: Das Erste, woran ich dachte, war: Pferde haben viel mit Filmen zu tun. Allerdings nur auf zwei Arten: Erstens kommen sie im Western vor – da werden sie geritten, was für mich nicht infrage kam. Also ohne einen Reiter. Der Gedanke dabei war, dem Tier so nahe wie möglich zu kommen. Erst dann suchte ich nach einem Weg, diese Idee glaubwürdig zu machen, ein Milieu, in dem Menschen mit Pferden leben, ohne sie zu reiten. Das andere Thema war die Geschichte eines Betrugs – eines hübschen Betrugs.

STANDARD: Die erste Szene erinnert an Hitchcock: eine Suspense-Situation während einer Auktion.

Deleuze: Schön, dass Sie an Hitchcock dachten. Meine Idee war, die Figuren ganz ohne Dialog zu etablieren. Dafür über diese Situation, wo einer den anderen beobachtet: Ich schätze dieses Gefühl, in einen Film zu gehen und dann diese unergründliche Spannung zu spüren. Man schaut auf Menschen, aber man weiß noch nichts über sie.

STANDARD: Der Thriller ist so etwas wie der Subtext in Ihrem Film. Warum gibt es diesen Genrebezug?

Deleuze: Weil ich das Genre einfach mag ... Es war in Wien, wo ich bei der Retrospektive zum Hollywood-Kino der 60er tolle Filme gesehen habe: eine wunderbare Phase im US-Kino – Sam Peckinpah, Monte Hellman, der frühe Scorsese. Diese Filme funktionieren alle ganz ähnlich, beginnen mit einem gewichtigen Ereignis. Bring Me the Head of Alfredo Garcia ist dafür ein sehr gutes Beispiel: Zehn Minuten erzählt er eine große Geschichte, aber dann beginnt etwas ganz anderes, plötzlich ist da eine unglaubliche Freiheit, werden viele Fluchtlinien möglich. Danach suche ich nun selbst: Aber es ist ein schwieriges Unterfangen, weil man sich zwischen zwei Bereichen aufhält. Mister V. ist kein Thriller, aber auch kein psychologisches Drama.

STANDARD: Die Beziehung von Lucas zum Pferd ist keine der Domestizierung. Eher wird Ersterer zum Tier. Welche Idee stand da dahinter?

Deleuze: Ich schrieb an dem Buch, und es gelang mir nicht, ihr Verhältnis realistisch zu schildern. Dann las ich The Crossing von Cormac McCarthy: Da findet ein junger Bursche eine Wölfin und bringt sie zurück in die Berge – deren Verhältnis zueinander hat mich fasziniert und begeistert. Keiner dominiert den anderen. McCarthy beschreibt, was bleibt, wenn es keine Form der Domestizierung gibt. Auch ich versuche zu verhandeln, ob es überhaupt eine Beziehung ohne dieses Element der Unterdrückung geben kann. Es ist die Geschichte eines Mannes, der keine Pferde mag, und die eines Pferdes, das keine Menschen mag.

STANDARD: Was löst Mister V. in den Menschen aus?

Deleuze: Mister V. macht alle verrückt. Jeder ist durch ihn auf die eine oder andere Art betroffen. Er ist eine Konzentration aller anderen. Mister V. ist so mächtig, weil er nicht zwei, sondern nur ein Problem hat: nämlich die nächste Stunde zu erleben. Das ist alles. Dieser Überlebenskampf ist eine große Macht; das Pferd ist nur Gegenwart, alles andere würde seinen Tod bedeuten. Seine Wildheit ist Überleben. Es ist ähnlich wie bei Herman Melvilles Bartleby, da geht es um die gleiche Macht: Man hat jemanden vor sich, der Nein sagt. Die Konsequenzen dieses Neins kümmern ihn nicht. Mister V. sagt auch Nein. Es gibt keine Alternative für ihn.

STANDARD: Einmal beginnen Lucas und das Pferd zu steppen: Ist das ihre Sprache?

Deleuze: Ja, es ist eine Sprache, aber nur aus dem Blickwinkel von Lucas. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Mister V. nicht weiß, wie man tanzt. Lucas hofft es, er träumt davon, dass sie zueinander finden, um danach zu tanzen. Das war die Idee.
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2003)

20.10., Urania 21.00;

Wh.: 21.10., Metro 16.00

  • Lucas (Mathieu Demy) scheitert in "Mister V." daran, das Zuchtpferd zu domestizieren
    foto: viennale

    Lucas (Mathieu Demy) scheitert in "Mister V." daran, das Zuchtpferd zu domestizieren

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Regisseurin Emilie Deleuze: "Der Gedanke war, dem Tier so nahe wie möglich zu kommen"

    Zur Person

    Emilie Deleuze, geb. 1964, Tochter des Philosophen Gilles Deleuze; neben Kurzfilmen realisierte sie 1999 ihr mehrfach ausgezeichnetes Spielfilmdebüt "Peau neuve".

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