Israel droht mit weiteren Angriffen

8. Oktober 2003, 09:03
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Syrien wirft Sharon Kriegstreiberei vor

Eine Serie von Zwischenfällen im Dreiländereck Israel–Syrien–Libanon hat alle Beteiligten hellhörig gemacht, trotz des dazugehörigen Säbelrasselns gilt eine ausgewachsene militärische Konfrontation aber als unwahrscheinlich.

"An jedem Ort und in jeder Weise"

Israel werde nicht davor zurückscheuen, seine Feinde "an jedem Ort und in jeder Weise" zu treffen, sagte Premier Ariel Sharon am Dienstag bei einer Zeremonie zum Gedenken an die Gefallenen des Jom-Kippur-Krieges vor 30 Jahren, zugleich werde es "keine Gelegenheit für ein Arrangement mit unseren Nachbarn und einen umfassenden Frieden versäumen". Generalstabschef Moshe Yaalon wurde deutlicher und nannte Syrien, Libanon und den Iran als "verantwortlich für die Versuche, jede Möglichkeit der Beruhigung in der Region und besonders in der palästinensischen Arena zu torpedieren". Der syrische Präsident Bashar el-Assad wiederum warf Israel in einem Zeitungsinterview vor, es wolle "Syrien und die Region in weitere Kriege hineinziehen", denn Israel habe "eine Regierung des Krieges".

Dienstagfrüh war bei einer Explosion in einem Dorf im Südlibanon ein fünfjähriger Bub getötet worden – die Libanesen beschuldigten Israel, die Israelis vermuteten hingegen, die Hisbollah-Miliz habe Mörsergranaten oder Raketen abgefeuert. Tags zuvor war ein israelischer Soldat in Metulla offenbar von einem Scharfschützen von jenseits der Grenze erschossen worden. Nach israelischer Auslegung deuten beide Zwischenfälle darauf hin, dass die Hisbollah stellvertretend für Syrien aktiv geworden sei, nachdem die Israelis am Sonntag als Reaktion auf einen Terroranschlag erstmals ein mutmaßliches palästinensisches Ausbildungslager auf syrischem Boden angegriffen hatten. Feuergefechte wurden auch im Gebiet der umstrittenen Shebaa-Farmen gemeldet.

Bush äußert Verständnis

Sehr genau wurde in Israel George Bushs verständnisvoller Ton registriert: "Israel muss sich bei der Verteidigung seines Heimatlands keine Beschränkungen auferlegen", hatte der US-Präsident gesagt, es sollte allerdings "eine Eskalation vermeiden".

Der neue palästinensische Premier Ahmed Korei schließt indes wie sein gescheiterter Vorgänger Mahmud Abbas ein gewaltsames Vorgehen gegen die radikalen Palästinensergruppen aus, will aber die "Anarchie" beenden und mit Israel über einen "umfassenden Waffenstillstand" verhandeln. Das provisorische "Notstandskabinett", das am Dienstag angelobt wurde, hat nur neun Mitglieder, braucht keine Bewilligung durch das Parlament und soll nur 30 Tage im Amt bleiben. Außenminister Nabil Shaath und Finanzminister Salem Fayad behielten ihre Posten, der neue Innenminister Nasser Youssef dürfte wenig Einfluss haben, weil ein von Autonomiechef Yassir Arafat geleiteter "nationaler Sicherheitsrat" in Sicherheitsfragen entscheiden soll. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2003)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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