Wo Klänge atmen dürfen

6. Oktober 2003, 22:00
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Die Viennale würdigt das Label ECM

Mag das große Fressen zwischen den CD-Giganten EMI, Warner, Sony, BMG und Universal bald dazu führen, dass es in Hinkunft keine fünf Multis mehr geben wird; dennoch kann eine kleine Firma aus München auch in diesen garstigen CD-Zeiten nach wie vor relativ gelassen ihren Geschäften nachgehen und sich ihrer Unabhängigkeit erfreuen. ECM hat zwar da und dort Vertriebsverträge mit Multis. Ansonsten aber ist alles so wie es seit den späten 60er-Jahren war, als Label-Chef Manfred Eicher begann, dem internationalen Jazz eine kleine, aber sehr anspruchsvolle Heimat zu geben, also klein und frei.

Saxofonist Jan Garbarek und Pianist Keith Jarrett wären nicht dort, wo sie heute sind, hätte es ECM nicht gegeben (das gilt natürlich auch umgekehrt). Und auch Leute wie Bill Frisell und Chick Corea, die nicht mehr Teil der "Familie" sind, konnten hier Bedeutsames leisten - mithilfe von Eicher, der als Produzent nahezu aller CDs, die das Münchner Label publiziert hat, die Künstler betreut hat. Außer, er war einmal durch Krankheit verhindert.

Eicher gründete die Firma mit geborgten 16.000 Mark und wollte der amerikanischen Mainstream-Soundästhetik eine andere gegenüberstellen und hatte ein bisschen Glück, mit dem Köln Concert von Keith Jarrett einen echten Knüller produziert zu haben, der die finanziellen Möglichkeiten schuf, ein bisschen zu experimentieren.

ECM ist heute eine Firma mit zehn Mitarbeitern, hat ein Büro in New York und eines in Tokio. Und Eicher trifft seine Entscheidungen als Musiker, was bedeutet, auch Dinge, die schwer verkäuflich sind, zu versuchen. Einerseits, weil man sie für wichtig hält; andererseits, weil man einfach dokumentieren will, welche Entwicklungen Stammkünstler so durchmachen.

Die Stilpalette ist breit: Man lässt Jan Garbarek mit dem Hilliard Ensemble zusammenarbeiten oder entdeckt mit Khmer den Trompeter Nils Petter Moelvar. Zudem finden sich im Katalog auch Namen wie Luciano Berio und Kurtág. Und nun hat auch Pianist András Schiff die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach eingespielt - ECM ist also beim Normalrepertoire angelangt.

Bei aller Vielfalt, sehr oft ist bei ECM ein entspannter, malerischer Sound zu finden, der auf den Hörer meditativ wirkt, Assoziationsfreiräume bietet, da hier Noten und Klänge ausgiebig an der Grenze zur Stille durchatmen dürfen. Auf schöne Art und Weise steht die Zeit scheinbar still, und was Wunder, dass diese Musik, die mitunter wie eine noch zu bemalende Leinwand wirkt, auf filmische Assoziationskünstler einen gewissen Reiz ausübt.

Logisch also, dass Klänge von ECM-Künstlern wie Arvo Pärt, Jan Garbarek und Dino Saluzzi zu laufenden Bildern "mittönen". Und konsequent auch, dass sich zwischen Manfred Eicher und dem Filmemacher Jean-Luc Godard eine produktive Zusammenarbeit entwickelt hat. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7.10.2003)

Von
Ljubisa Tosic

Viennale-Konzert zum ECM-Tribute:

Tomasz Stanko &Gianluigi Trovesi
23. 10.,
Gartenbau, 20.30

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