Zwischen Multikulti und Völkerkerker

4. Oktober 2003, 10:30
posten

Herrschaftskomplex hinter Klischee vom gemütlichen Vielvölkeridyll

Durch die Osterweiterung Europas bekommt auch die Auseinandersetzung mit der multiethnischen Geschichte Österreichs höchst aktuelle Dimension. War doch die Habsburgermonarchie im 19. und 20. Jahrhundert Paradebeispiel für das Bemühen, unterschiedlichste Ethnien und Kulturen in einem politischen Konstrukt dauerhaft zu vereinen. Wie die komplexe Realität dieses Zusammenlebens tatsächlich aussah, analysierten österreichische und ungarische Kulturwissenschafter in einem vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekt.

"Dabei ging es uns vor allem darum", erklärt Projektleiter Wolfgang Müller-Funk, "die Geschichte der Monarchie jenseits von Nostalgie und einer generellen Verurteilung als Völkerkerker anhand kulturwissenschaftlicher Methoden zu beschreiben." Untersucht wurden unterschiedliche Textgattungen, die zwischen 1870 und 1918 im Raum der Monarchie entstanden sind: neben literarischen Texten auch zahlreiche Feuilletons, die gängige Reiseliteratur sowie diverse Ausstellungen.

Kultur bildet sich in symbolischen Formen ab, die wiederum eine Art "kulturelles Ranking" erzeugen. So hatte etwa ein österreichischer Verwaltungsbeamter in Bosnien oder Galizien durchaus gewisse Ähnlichkeit mit einem klassischen Kolonialbeamten. "Das hängt damit zusammen", erklärt Müller-Funk, "dass auch im europäischen Herrschaftsbereich die große Erzählung von Fortschritt eine zentrale Rolle spielte. Anhand dieser Achse wurden Kulturen nach ihrem Entwicklungsgrad eingeordnet."

Zu Galizien finden sich in damaligen Medien häufig Berichte über hohe Kindersterblichkeit, wobei nicht nur die Rückständigkeit der Region betont wurde, sondern ebenso die Verpflichtung der Herrschenden - Vertreter der deutschsprachigen Kernländer -, Fortschritt auch in diese Regionen zu bringen. Wie im klassischen Kolonialismus wurden dort durch Nutzung von Rohstoffen beträchtliche Gewinne erzielt (etwa Holz aus Bosnien für Eisenbahnschwellen), parallel dazu rechtfertigen sich die Herrschaftseliten mit ihrer "zivilisatorischen Mission". Es ist auch ein typisch kolonialer Prozess, dass die Jugend aus "unterentwickelten" Teilen der Monarchie zum Studium nach Wien und Graz ging. Nach dieser Einübung in die Herrschaftskultur kehrten die jungen Intellektuellen oft als Reformer in ihre alte Heimat zurück oder blieben aus Karrieregründen in den Zentren der Macht.

Die sich darin spiegelnde kulturelle Rangordnung scheint ihre Wirkung nicht verloren zu haben: Wie heutige Österreicher ihre Nachbarn bewerten, unterscheidet sich nicht sehr von der symbolischen und kulturellen Hackordnung einst. Je länger allerdings die Monarchie existierte, desto größer wurden das Abgrenzungsbedürfnis und der Druck auf die kroatischen, slowenischen und böhmischen Intellektuellen, sich ihrer jeweiligen nationalen Sache anzuschließen. Es entstanden eigene Zeitungen, Theater und Museen. Ein Versuch, diesen nationalistischen Tendenzen gegenzusteuern, war das "Kronprinzenwerk". Mit dieser offiziellen, von Kronprinz Rudolf initiierten Textsammlung sollte eine große Erzählung der "Vereinigten Staaten von Österreich" gestaltet werden. Laut Müller-Funk "ein Werk zur Political Correctness der Monarchie, in dem alle Provinzen vorkommen, das übernationalen Patriotismus kreieren und herrschenden Nationalismus überlagern sollte." Vergeblich, wie man weiß.

Der Balkan zur Zeit der Monarchie galt als klassisches "Herz der Finsternis" in Europa: ein von Chaos, Korruption, Gesetzlosigkeit und Schmutz durchdrungener Raum. Seine Bewohner werden in der Literatur häufig als primitiv, undankbar und - im Gegensatz zum Selbstbild des Deutschnationalen, das Ende des 19. Jahrhunderts schon voll ausgebildet war - zum Idealismus unfähig geschildert. Slawische Frauen verkörperten meist die sinnliche Verführerin, sie wurden als willig, unmoralisch und weniger rational dargestellt. "Diese sexualrassistischen Codes hängen eng mit der Erzählung von Fortschritt und Rationalität zusammen", glaubt Wolfgang Müller-Funk. "Während der oder die Zivilisierte als beherrscht und stärker entsexualisiert dargestellt wird, imaginiert man die Primitivere als triebhaftes Wesen, das damit eine gefährliche Attraktivität gewinnt."

Interessant ist die Asymmetrie, auf welche die Forscher bei der Untersuchung der Selbst-und Fremdbildlichkeit gestoßen sind: Denn Herrschaft drückt sich auch darin aus, dass der Herrschende dem unterworfenen Subjekt sein Fremdbild aufdrängt und es zu dessen Selbstbild macht. So fühlen sich die Protagonisten der "unterlegenen" Kulturen häufig selbst primitiv und unterentwickelt, wollen sich in ihrem Anderssein möglichst unsichtbar machen oder die Herrschaftskultur nachahmen. "Assimilation", erklärt Wolfgang Müller-Funk, "wird durch äußeren und inneren Druck vorangetrieben. Man assimiliert sich ja vor allem, um kein Unterprivilegierter mehr zu sein." (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 10. 2003)

Share if you care.