Zwei Fäuste für den Weltfrieden

2. Oktober 2003, 17:10
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Die Compilation "Hits and Misses" feiert den Mythos vom Boxer als Freiheitsheld und Klassenkämpfer

Der Mythos vom Boxer als Freiheitsheld und Klassenkämpfer: Muhammad Alis unvergleichliche Karriere fand auch in der Popmusik ihren Niederschlag: "Hits and Misses"


"Float like a butterfly, sting like a bee, you can't hit, what you can't see." Cassius Clay alias Muhammad Ali befreite Anfang der 60er Jahre mit seinem elegant tänzelnden, verspielten Stil nicht nur den Boxsport vom Nimbus des grobschlächtigen Prügelns. Als erster Athlet in der Geschichte erkannte der Mann aus Louisville, Kentucky, auch eines: Die großen Tragödien des Lebens finden hier, auf der Bühne des Rings, ihre kleine Entsprechung. Und Bühne bedeutet: Entertainment!

Und mit Entertainment zwischen professionellem Großmaultum und ebensolcher sportlichen Begabung lässt sich im Zeitalter der Massenmedien viel Geld machen. Immerhin gelangte der Mann später bei seiner nach der Kriegsdienstverweigerung in Vietnam, einer Boxsperre und der Aberkennung des Weltmeistertitels erfolgten Rückkehr in den Ring Anfang der 70er Jahre zu unermesslichem Reichtum.

Schließlich musste es ja irgendwie positiv zu Buche schlagen, wenn damals aufgrund des Zeitunterschieds zwischen den USA und Europa auch halb Österreich um vier Uhr früh aufstand und den Fernseher einschaltete, weil Ali kämpfte. Unvergessen etwa auch Alis Rumble In The Jungle in Zaire 1974 gegen George Foreman.

Ein Sport, der vom Mythos handelt, machte auch Ali selbst zum mythologisch verklärten Superhelden, dessen Sprüche und Sager bald zum Allgemeingut der Popgeschichte wurden. Bekannter als damals selbst die Beatles bleibt etwa seine Ablehnung des Vietnamkriegs bis heute unvergessen: "Ich habe keinen Streit mit den Vietcong. Sie haben mich niemals Nigger genannt." Der Kämpfer gegen soziale Unterdrückung, Rassismus, das von ihm genussvoll gepflegte Rebellentum gegen das Establishment der USA und schließlich im Widerspruch zu seinem eigenen finanziellen Fortkommen auch noch gegen den Kapitalismus an sich, sein umstrittenes Engagement für die Nation of Islam, all dies machte Ali damals auch für die so genannte Dritte Welt attraktiv.

Im Kino konnte man dieses Heldenleben nicht nur jüngst im Biopic Ali mit Will Smith in der Hauptrolle bestaunen oder in der oscar-gekrönten Doku When We Were Kings. Auch Intellektuelle und Schriftsteller/Innen wie Jan Philipp Reemtsma (Mehr Als Ein Champion), David Remnick (King Of The World) und neben Joyce Carol Oates (Über Boxen) noch zig andere zeigten sich im Laufe der letzten 40 Jahre vom Phänomen Muhammad Ali fasziniert.

Wie der Münchner Journalist und Black-Music-Spezialist Jonathan Fischer nun nach seiner beispielhaften zeitgenössischen Gospel-Anthologie Overcome! und der Kompilation Black & Proud: The Soul Of The Black Panther Era, einer musikalischen Rundreise durch die gesellschaftskritische und politisch-kodierte afroamerikanische Musik der späten 60er und frühen 70er Jahre belegt: Selbstverständlich hat sich auch die Musikwelt immer wieder mit Ali beschäftigt.

Muhammad Ali selbst veröffentlichte neben einigen Sprechplatten, in denen er den gewitzten Ahnherren aller späteren Rapper und Slam-Poetry-Künstler gibt, Mitte der 70er Jahre auch einen Versuch im Pop-Genre: I'm The Greatest. Dieser ist auf der jetzt erscheinenden musikalischen Hommage Hits And Misses - Muhammad Ali And The Ultimate Sound Of Fistfighting ebenso vertreten wie seine ehemaligen Kontrahenten Joe Frazier mit der Disconummer Try It Again oder George Foreman, der nach seiner Boxkarriere ein Mann Gottes wurde, mit einer Predigt.

Faszinierend an dieser vorbildlich aufbereiteten Schau: Zwischen Rednecks wie dem weißen Countrysänger Tom Russell, dem afrikanischen Trio Madjesi, dem brasilianischen Superstar Jorge Ben, US-Rhythm'n'Blues-Sängern wie dem großen Don Covay oder Sir Mack Rice oder jamaikanischen Stars wie Dennis Alcapone oder Big Youth und einer kubanischen Verbeugung vor Ali weiß jeder Künstler den Mythos vom Boxer als Freiheitshelden für sich zu nutzen. Auch wenn der Musik mitunter etwas historische Patina anhaftet: Tanzen kann man dazu allemal! (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2003)

Von Christian Schachinger
  • Diverse Interpreten  Hits and Misses (Hoanzl)
    foto: hoanzl

    Diverse Interpreten
    Hits and Misses
    (Hoanzl)

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