"Weinet, Völker Oesterreichs, weinet!"

10. Oktober 2003, 11:39
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Das Stichwort "ANNO - AustriaN Newspaper Online" - steht für eines der ehrgeizigsten Unternehmen der Österreichischen Nationalbibliothek: die Digitalisierung österreichischer Zeitungen aus 300 Jahren

Wien - Mit einem ganzseitigen Porträt von Kaiser Franz Josef I. eröffnete die christlich-soziale Wiener Reichspost ihre Ausgabe vom 22. November 1916. Den genaueren Grund für die immerhin außergewöhnliche Titelgestaltung der Tageszeitung erfuhren die Leser spätestens eine Seite weiter: Schwarz umflort erscholl ein Nachruf auf den verstorbenen Habsburger, der sich über einen Großteil des Blattes erstreckte. Die Reichspost trauerte mit Ausrufezeichen: "Weinet, Völker Oesterreichs, weinet! Euer Kaiser ist tot! Läutet die Trauerglocken, lasset die dunklen Fahnen flattern, legt die Kleider an, die ihr tragt, wenn Ihr euer Liebstes verloret - Euer väterlicher Kaiser ist nicht mehr!"

Dass die publizistische Bestürzung über das herrscherliche Ableben nun weltweit - und äußerst bequem - nachzulesen ist, verdankt sich einem ehrgeizigen Projekt der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB). Bereits im Frühjahr 2003 wurde begonnen, die umfangreichen Bestände des Hauses an österreichischen Zeitungen und Zeitschriften Seite für Seite zu digitalisieren und öffentlich zugänglich für jeden Interessierten ins Internet zu stellen. Rund 350.000 Zeitungsseiten sind mittlerweile verfügbar, wöchentlich kommen 50.000 neue hinzu.


300 Jahre Zeitungen

Bis Ende nächsten Jahres soll auf diese Weise ein Großteil der österreichischen Zeitungen aus rund 300 Jahren frei zugänglich gemacht werden. Nicht nur der Nachruf auf den Monarchen, die Reaktionen der Blätter auf den Justizpalastbrand am 15. Juli 1927 oder das Attentat auf Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo werden nachzulesen sein, auch weiter zurückliegende Ereignisse wie der Sturm auf die Bastille, Auslöser der Französischen Revolution im Juli 1789, finden künftig ihren k.-k.-publizistischen Nachhall im Netz.
Bisher waren Interessierte gezwungen, sich höchstselbst in die kühlen Keller der ÖNB am Heldenplatz zu begeben, wo sie nach mühsamem Ausfüllen der Anmeldeformulare einen Mikrofilm ausgehändigt erhielten, den sie mit viel Geschick in halb blinde Lesegeräte einfädeln und Fundseiten kopieren konnten.

Mit der Digitalisierung erübrigt sich für Forscher aus Timbuktu oder Vorarlberg nicht nur die Reise nach Wien, auch die Qualität der optischen Auflösung ist deutlich verbessert. Weshalb es durchaus nicht nur die große Geschichte sein muss, die zum Schmökern in den historischen Blättern verlockt, sondern beispielsweise der - nicht zuletzt kulturhistorische - Reiz der zeitgenössischen Werbe-Inserate.


Zufallsfunde

So nutzt etwa an besagtem 22. November 1916 der Glühlampenerzeuger Metax die Gunst der historischen Stunde, um mit einer Teufelsfratze auf die zwingende Kraft der Elektrifizierung zu verweisen. Und eine Buchhandlung in der Strozzigasse 8 bewirbt den Bestseller Das Eheleben als "eine Darstellung der Forderungen des sittlichen Ehe-Ideals, sowie eine Besprechung der Aufgaben, die die Höherentwicklung eines Volkes an die beiden Geschlechter stelle", um im Kleingedruckten zu präzisieren, das "für die weiteren Kreise des Volkes geschriebene Buch" zeige diesen, "wie nach den Forderungen des Naturgesetzes das menschliche Geschlechtsleben beurteilt und betätigt werden soll."

Bislang sind solche Funde dem Zufall geschuldet. Noch sind die Zeitungen allein nach Namen und Datum der Publikation abrufbar und Seite für Seite durchzusehen. Die ÖNB hofft allerdings, sie in Kürze auch textlich durchsuchbar zu machen, um so die Suche nach Stichworten oder Autoren zu ermöglichen - ungeklärt ist allein die Finanzierung des aufwändigen Projekts. Jährlich 160.000 Euro stehen momentan für ANNO zur Verfügung, zu wenig für die komplexe Texterfassung.

Neben der Reichspost, einzelnen Ausgaben der Wiener Zeitung und dem Pester Lloyd stehen heute bereits die illustrierten Wochenschriften Die Bombe und Der Floh im Netz, Publikationen, deren Existenz bisher allein vereinzelten Forschern bekannt war und deren Lektüre ungeahnte Entdeckerfreuden offeriert. Größere Publikationen wie die Neue Freie Presse sollen folgen. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Printausgabe, 01.10.2003)

  • Das Titelblatt der Wiener "Reichspost" am 22. November 1916 ziert das Porträt des eben verstorbenen Kaisers.
Dank "ANNO - AustriaN Newspaper Online", dem ehrgeizigen Zeitungs-
Digitali-
sierungs-
Projekt der ÖNB, ist das historische Dokument heute frei zugänglich im Internet.
    oenb

    Das Titelblatt der Wiener "Reichspost" am 22. November 1916 ziert das Porträt des eben verstorbenen Kaisers. Dank "ANNO - AustriaN Newspaper Online", dem ehrgeizigen Zeitungs- Digitali- sierungs- Projekt der ÖNB, ist das historische Dokument heute frei zugänglich im Internet.

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