Apocalypse Mallorca

26. September 2003, 21:29
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Michael Marek

Nichts scheint an seinen expressiven Bauten gewöhnlich zu sein: Zickzackförmige Grundrisse mit labyrinthischen Räumen, schiefen Ebenen und spitzwinklig zulaufenden Wänden, die ein beklemmendes Gefühl der Enge und Orientierungslosigkeit beim Betrachter hinterlassen; gekippte Böden, auf denen man das Gefühl hat umzustürzen und schräge Decken mit unzähligen kleinen Lichtschlitzen. Daniel Libeskind gilt als eine der schillerndsten Persönlichkeiten in der internationalen Architektenszene. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der US-Amerikaner den Auftrag für den größten und wohl spektakulärsten Wolkenkratzer unserer Gegenwart erhalten hat: den Neubau des World Trade Centers am Ground Zero in Manhattan, New York.

Dabei konnte Libeskind nach Osnabrück, Berlin und Manchester gerade erst sein viertes Gebäude fertig stellen lassen - ein Atelier - und Galeriehaus für die wenig bekannte Künstlerin Barbara Weil, das zugleich ein Gegenmodell zu den pompösen Atelierpalästen eines Makart, Stuck oder den geometrisch funktionalen Meisterhäusern eines Walter Gropius ist. Auf dem ehemaligen Tennisplatz der 70-jährigen US-Amerikanerin steht Libeskinds wuchtiger, expressiver Entwurf. Nicht in Tokio, Paris oder Sydney, sondern auf Mallorca in Port d'Antratx findet sich der private Neubau. "Der Unterschied zum Studio Weil ist", erläutert Libeskind, "dass es ein Projekt der reinen Freude ist, in dem es nur um Kunst und Architektur geht, nicht um Schicksale. Es handelt von der Schönheit des Lebens und des Himmels, von der Schönheit der Kunst und der Umgebung hier."

Das beschaulich-mondäne kleine Fischerdorf im äußersten Südwesten der Balearen-Insel gilt als Treffpunkt der Schickimickis und Reichen. Seinen Ruf verdankt es den reizvollen Berghängen, die mit Luxusvillen zugebaut sind. Hier wohnen Claudia Schiffer und Sabine Christiansen; Heino, Udo Lindenberg und Michael Douglas speisen in lauschigen Innenhöfen bei Gourmetromantik mit abendlicher Fackelbeleuchtung. Nebenan versucht Boris Becker, sein Handicap mit den kleinen weißen Hartbällen zu verbessern. Pauschaltouristen und Ballermänner sucht man vergeblich. Wer die enge, gewundene Küstenstraße von Port d'Antratx weiter in Richtung der Halbinsel La Mola entlangfährt, kommt an der Deutsche-Bank-Filiale vorbei, am "Matratzenlager", an der Immobilienzweigstelle von Engel & Völkers, an kleinen Bodegas und internationalen Designerboutiquen. Es gibt einen Yachthafen, auf der anderen Seite der Bucht liegt ein Rentnerparadies, sagen die Einheimischen spöttisch, mit Villenappartements für all diejenigen, die über das entsprechende Kleingeld verfügen. Und dann plötzlich taucht der Libeskindsche Bau auf, der so gar nicht in diesen Ort der Stars und Sternchen passen will, die hier abseits der wöchentlichen Talkshowroutine ausspannen wollen. Ein machtvolles, aus Beton gegossenes weißes Gebäude ragt in den bewölkten blauen Himmel. Das Studio Weil ist Blickfang und Fremdkörper, alles andere als eine unauffällige, von Akazien und Steinmauern umgebene Wochenendvilla. Und es steht wie ein Wahrzeichen für Urbanität und Experiment.

Wie beim Jüdischen Museum in Berlin oder dem Imperial War Museum North in Manchester haben sich Libeskind und seine Mitarbeiter in Port d'Antratx für einen symbolischen, skulpturalen Gebäudekörper entschieden: Der zweigeschoßige zylindrisch gestaltete Bau erinnert an einen Plattenspeicher und dokumentiert Libeskinds geradezu obsessiven Hang zur Dramatik. Das Studio Weil wirkt wie eine gekrümmte Schildmauer, in die ein riesiges Loch gebrochen wurde, wie eine Wunde, ein auf den Kopf gestellter Krater mit ausgefransten Rändern, der durch eine außen gelegene Treppe vom anderen Gebäudeteil getrennt ist. Eine "Open Gallery", so Libeskind, einem Einschussloch ähnlich, vielleicht als Anspielung auf die Zerbrechlichkeit unserer Welt? Darin hängen Weils zwei bis drei Meter große Skulpturen, eine Art öffentliches Schaufenster und Werbefläche zugleich. "Mnemonic Cartwheels", nennt der Architekt seine Version eines zeitgemäßen Künstlerateliers und zitiert dabei den 1233 in Palma de Mallorca geborenen Philosophen Ramon Llull, der ein System konzentrischer Kreise zur Erklärung der Welt verwendet hatte.

Hier wird die 70-jährige Barbara Weil mit ihren Gemälden und Plastiken einziehen - ein Ort, an dem privates und öffentliches Leben auf 300 Quadratmetern aufeinander treffen, sich ästhetische Produktion und Vertrieb miteinander verschränken sollen. Eine 750.000 Euro teure Werkstatt (Libeskinds Honorar nicht mitgerechnet) und ein Ausstellungsraum zugleich, an denen die mallorquinischen Arbeiter über drei Jahre gearbeitet haben und die nicht leicht zu realisieren waren. Libes-kind selbst, der zweimal in Port d'Antratx war, ist für Konzeption, Entwurf und gedanklichen Überbau zuständig gewesen, seine Mitarbeiter für die praktische Realisierung.

Im Innern des Gebäudes hat man das Gefühl, Fremder und Entdecker zugleich zu sein. Der Grundriss ist alles andere als quadratisch, praktisch, modern. Stets kann man sich im Studio verirren, es gibt keinen Zentralpunkt, um dem sich alles gruppiert, stattdessen: Überall Verwinkelungen, hinter jeder Wand lauern neue Perspektiven. Nichts an diesem Ort scheint festgefügt. An einigen Punkten muss man sich bücken, um überhaupt in die Ecken zu gelangen. "Was ich herausstellen möchte, ist die Fragwürdigkeit der Architektur, alles an ihr ist fragwürdig. Bauwerke müssen diese Ansicht befördern, anstatt die Leute zu betäuben, indem man sie glauben macht, in einer stabilen Welt zu leben, in der sich nichts ändert und alles in Ordnung ist."

Ob die Künstlerin mit ihren Werken dem Eigenleben des Hauses mit all seinen Schrägen, Dunkelstellen und Lichtschlitzen wird trotzen können, das muss sich erst noch erweisen. Bereits in Berlin beim Jüdischen Museum und beim Imperial War Museum in Manchester erwiesen sich die karge Schönheit und die nicht funktionale Ausdruckskraft der Räumlichkeiten als Problem. Libeskinds Gebäude sind selber "Ausstellung" und wollen besichtigt werden. Dass seine Bauten nur als eigenständige Gebäude wirken und damit der eher lästigen Funktion des Ausstellens enthoben sind, diesen Vorwurf der Zweckfeindlichkeit und des Überfrachtens mit Symbolen weist Libeskind allerdings von sich: "Ich bestreite, dass meine Architektur weniger nützlich ist als einige dieser geistlosen Schachteln, die am Potsdamer Platz stehen. Das Leben selbst ist überladen! Wir reflektieren immer, wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen. Wir sind selbst Symbole, etwas Unbekanntes und Geheimnisvolles zugleich. Architektur muss dies artikulieren und darf nicht nur ein Spiel mit den technischen Möglichkeiten sein."

Wie in all seinen bisherigen Entwürfen zeigt sich auch auf Mallorca Libeskinds Begeisterung für die Beton gewordene Symbolik. Seine architektonische Urzelle und das eigentliche Meisterwerk ist das 1998 fertig gestellte Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück - nicht nur deshalb, weil es Libeskinds erster realisierter Entwurf war, sondern weil Form und Inhalt hier eine schlüssige Symbiose eingehen zwischen Architektur und der tragischen Biografie des Malers Felix Nussbaum, der während der NS-Herrschaft ermordet wurde. Alle anderen Gebäude erscheinen dagegen wie Selbstplagiate, das Zitieren der immer gleichen architektonischen Hülle mit austauschbaren Symbolgehalten. Zu Recht haben seine Kritiker moniert, dass Libeskinds Entwürfe mit Bedeutungen überladen seien. Wie 1999 beim Jüdischen Museum Berlin, das die enge Wechselbeziehung zwischen jüdischer und Berliner Geschichte allzu programmatisch aufgenommen hat. Vom "Jew-Rassic Park" war die Rede und vom musealen Disneyland. In der bundesdeutschen Hauptstadt wollte Libeskind eine kulturelle Leere erfahrbar machen, die Abwesenheit von mehr als 170.000 Juden, die vor der Schoah in Berlin gelebt hatten und während der NS-Zeit ermordet wurden. Dafür stand sein Entwurf der leeren Räume, so genannter "voids": spärlich beleuchtet und nicht begehbar. In Manchester dagegen hat Libeskind eine zerborstene Erdkugel gewählt, aus deren Scherben er drei riesige Einzelteile auswählte und neu verzahnt zusammengefügte - als Anspielung auf die Kriege zur See, zu Land und in der Luft und als Hinweis auf den Zerfall unserer Welt. Ein Versuch der darin endet, die Besucher mit einem optisch-klanglichen Sperrfeuer aus Architektur, Tönen und Bildern zu überwältigen, sozusagen leibhaftig am Schrecken des Krieges teilhaben zu lassen.

Libeskind lächelt, ein Leuchten erstrahlt auf seinem Gesicht, wenn er über seine eigene Biografie spricht (viele seiner jüdischen Verwandten starben in den Gaskammern) und seine Vorstellungen, was Architektur heute zu leisten habe. In rasender Geschwindigkeit redet da einer ins Mikrofon, der mit Hingabe auf unsere Fragen antwortet, stets freundlich, im schwarzen Hemd, schwarzen Sakko und neuer Designerbrille. Ein Assoziationsfeuerwerk, das der 57-Jährige abliefert und das Politiker und Bauherren, Investoren und Medien aus aller Welt in den Bann zieht:

In der Öffentlichkeit gilt Libeskind als ein Wanderer zwischen den Kulturen und Kontinenten, zwischen Architektur, Philosophie und Kunst. So jedenfalls feiern ihn die Medien: als einen der wichtigsten Architekten der Gegenwart, der von einem Vortrag zum nächsten Vertragsabschluss reist, sympathisch und weltoffen, redselig und begeistert von den Interpretationen des eigenen Werks. Ein Medienprofi, der zwischen den zahllosen Mitarbeiterkonferenzen und Fernsehinterviews behände umzugehen weiß mit verschiedenen Interessengruppen. Derzeit planen Libeskind und seine Mitarbeiter eine Reihe von Projekten wie die "Spirale", den Erweiterungsbau des renommierten Victoria and Albert Museums in London, das Jüdische Museum San Francisco, den Umbau des militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden oder das "Westside"-Freizeit- und Einkaufszentrum im Schweizer Brünnen. Das wichtigste Projekt aber ist Libeskinds Entwurf eines 541 Meter hohen Wolkenkratzers, der die zerstörten Zwillingstürme des World Trade Centers um 130 Meter überragen wird: "Gardens of the World", so lautet Libeskinds Name für seine fünf kantigen geometrischen Hochhäuser und einen gläsernen, schlanken Turm im Zentrum, dessen Spitze 1776 Fuß in die Wolken ragen wird. Mit der symbolischen Zahl 1776 will der Architekt an das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erinnern. Aber führt das nicht zur Banalisierung der Geschichte, zur Verhöhnung der Opfer?

"1776 ist ein sehr besonderes Datum und steht für die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, dem ersten Dokument in der Weltgeschichte, das von der Gleichheit aller Menschen spricht. Das kann man nicht wie ein leeres Symbol behandeln. Die Unabhängigkeitserklärung hat eine Bedeutung, andernfalls wäre es das Ende Amerikas und der freien Welt. Weder Politiker noch die Propaganda können sich ihrer bemächtigen. Die Unabhängigkeitserklärung gehört all freien Menschen. Daran glaube ich. Die Opfer vom 11. September sind zu Helden geworden, obwohl oder gerade weil sie gewöhnliche Menschen waren, die zu ihrer Arbeit gingen. Aber dann geschah etwas Schreckliches. Wir müssen uns daran erinnern und dies in etwas Positives wenden. Wir dürfen nicht einfach sagen, dass etwas Schlech- tes geschehen und wie eine Seuche über uns gekommen ist. Wir müssen etwas daraus lernen, lernen, eine neue Stadt in New York zu bauen." []
architektur@derStandard.at

In Port d'Antratx auf der Baleareninsel ist das neueste Projekt des US-amerikanischen Architekten Daniel Libeskind fertig gestellt worden, ein Studio für die Künstlerin Barbara Weil. Meisterwerk, Selbstplagiat oder Wiederkehr des immer Gleichen?
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