Kieferersatz aus dem Knochenmark

28. September 2003, 17:16
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Bisher nur per Spende aus dem eigenen Knochengerüst - neue Methode in Wien erfolgreich ausprobiert

Knochenersatz im Kiefer ist häufiger notwendig, als man vielleicht glauben mag: dann nämlich, wenn es sich aufgrund einer Entzündung des knöchernen Halteapparats der Zähne stark zurückbildet. Auch schlichtes Zahnziehen lässt Kieferknochen schrumpfen. Transplantationen werden notwendig, wenn man Beiß- und Kaufunktion vollständig erhalten will und keinen Abbruch der Schönheit duldet: Der Patienten spendet aus dem eigenen Knochengerüst Partikel zur Restaurierung des eigenen Kiefers.

In jüngster Zeit entwickeln Mediziner mögliche Alternativen, die diese Prozedur mit zwei Operationen (am Körper und im Kiefer) einmal nicht mehr notwendig machen sollte: Die derzeit populärste ist wohl "Tissue Engineering". Hier werden adulte Stammzellen, die dem Knochenmark entnommen werden, hochgezüchtet. Etwa 3000 sind es, die sich im Labor innerhalb von vier Wochen zu zwölf Millionen Knochenzellen umwandeln lassen. Mittels Trägermaterial (entweder ein Kunststoff oder ein mineralischer Stoff) werden sie schließlich dem Patienten implantiert - so wie das kürzlich in Österreich passiert ist. Georg Watzek, Vorstand der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde sagt, dass diese Methode bisher hierzulande bei zwei Patienten angewandt wurde - von ihm selbst durchgeführt. "Beide fühlen sich heute sehr wohl."

Natürlich habe man sie auf Risiken aufmerksam gemacht: "Dass sich keine Knochen bilden, ist das einzige uns bekannte Risiko." Selbstverständlich könnte es theoretisch auch zu Abstoßungen des Trägermaterials kommen. Watzek bekennt, dass man hier noch keine wirklich hundertprozentig Erfolg versprechende Lösung gefunden habe. "Die beste Variante wäre ein Material, dass sich nach einiger Zeit auflöst und daher vom Körper nicht mehr als fremd betrachtet wird." Der Kieferchirurg ist aber zuversichtlich, dass es zu keinen Problemen kommen wird. "Wir haben Tests durchgeführt, die sehr gut verlaufen sind."

Alle weiteren möglichen Alternativen seien über ein Experimentierstadium im Labor noch nicht hinausgekommen: Zum Beispiel die Behandlung des Patienten mit Knochenwachstumshormonen, was in den USA bei Wirbelkörperproblemen schon gemacht wird. Im Kieferbereich freilich noch nicht. Oder die Behandlung mit gentechnologisch veränderten Zellen, die mit Viren so beeinflusst werden können, damit sie ein Knochenwachstumshormon produzieren. "Alle Methoden werden natürlich ausführlich getestet und auf ihre Unbedenklichkeit überprüft, ehe man sie am Menschen versucht", meint Watzek mit einem Blick auf die ethische Verantwortung als Arzt.

Vorsichtig optimistisch

Beim Knochenaufbau ist wie auch bei der Herstellung von Implantaten der Computer nicht mehr wegzudenken (siehe Wissen). Watzek zum STANDARD: "Mit Hilfe einer Computertomographie und eines Scanningverfahrens ist es heute möglich, den Patienten innerhalb einer Stunde mit fertigen Implantaten und Zähnen zu versorgen." Beim Nachproduzieren von Knochen für den Kiefer zeigt er sich vorsichtig optimistisch. "Aber wir befinden uns auf einem interessanten Weg, der viele Möglichkeiten für die Zukunft offenbart." (pi/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 9. 2003)

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