Ungewaschene Fenster an der Universität Wien

29. September 2003, 16:48
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Eine Protestaktion mit Symbolwirkung - Kommentar der anderen von Ruth Wodak

In diesen Tagen mehren sich Berichte über Kürzungen des Universitätsbudgets und des Forschungsetats des Fonds für Wissenschaft und Forschung. Pressekonferenzen finden statt, Statistiken werden veröffentlicht, Proteste laufen im zuständigen Ministerium ein.

Der Entschluss des Rektors der Universität Wien, aufgrund von Geldmangel das Fensterputzen einzustellen, ist da nur konsequent: eine Maßnahme mit starker Symbolwirkung, die hoffentlich die zuständigen Entscheidungsgremien eher beeindrucken wird als die vielen - sicher ungelesenen - E-Mails, die in den letzten Wochen an die Adresse der Regierung geschrieben wurden. Ungewaschene Fenster bedeuten, dass weniger Licht in die Räume dringt, wo geforscht und gelehrt/gelernt wird, und damit: weniger Einblick!

Aber auch der Ausblick wird getrübt - genauer: der Blick ins Weite. Denn die drastische Kürzung von Reisekosten und Bibliotheksbudgets führt auch dazu, dass der Blick ins Ausland, in die internationale Forschungslandschaft erschwert wird. Vice versa: Welche internationalen Experten besuchen schon gerne Gebäude mit schmutzigen Fenstern? Denn ungeputzte Scheiben signalisieren üblicherweise, dass das Gebäude nicht genutzt wird - nicht eben förderlich für das Image der Universitäten. Vor der so genannten "Universitätsreform" hat uns das Ministerium auf seiner Homepage uni-welt klasse.at. von mehr Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Wissenschaft vorgeschwärmt und die "Reform" durch solche Vorgaben legitimiert. Wie aber passen solche - wichtigen - Ziele mit ungewaschenen Fenstern, mit zu wenigen Büchern oder einschneidenden Kürzungen in der Lehre usw. zusammen? Keine Einsicht? Gut, dann soll es dunkel werden. Denn auch die Kosten für "mehr Licht" werden wohl kaum beglichen werden können - es sei denn, die Professoren betrachten die Situation als Aufforderung zur Selbsthilfe: Weniger Lehrverpflichtungen, mehr Fensterputzen?!

PS von einem, der seit Jahren täglich an der Fensterfront des Anatomie-Instituts in der Währinger Straße vorbeifährt: Woran erkennt man den Unterschied zwischen Normalzustand und Protestaktion? (red) (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21. 9.2003)

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