Ober-"Voesterreich" am Tag X im Ausnahmezustand

22. September 2003, 20:13
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Im Land ob der Enns gingen am Freitag die Emotionen hoch: Je nach politischer Interessenlage wurde die Zuteilung der neuen Voest-Aktien bejubelt oder verdammt

Linz - Freitag, der Tag X der Voest-Privatisierung in Oberösterreich: Nach und nach wurden dann die Details der nächtlichen ÖIAG-Beschlüsse bekannt. Groß war die Freude vor allem bei der Raiffeisenlandesbank und der Oberbank. RLB-Boss Ludwig Scharinger zeigte sich "sehr zufrieden", ebenso wie Oberbank-Vorstand Franz Gasselsberger.

Des einen Freud ist oft des andern Leid: Am Voest-Betriebsgelände war Feuer am Dach. Und das nicht nur wegen der Stimmung unter den Mitarbeitern, sondern weil sich ein anonymer Raucher im "Blauen Turm" - dem Sitz der Generaldirektion - unter einem Brandmelder eine Zigarette angezündet hatte. Der Feueralarm konnte den Protestaktionen aber keinen Abbruch tun: 2000 Voestler trafen sich am Werksgelände zu einer Betriebsversammlung.

"Drüba gfoahrn"

Andere Mitarbeiter legten sich - als Landeshauptmann Josef Pühriger eine Straße nahe des Linzer Stahlkochers eröffnen wollte - vor die Rednertribüne und entrollten ein Transparent mit der Aufschrift "Drüba gfoahrn". Das Landeshaupt blieb unbeeindruckt: "Solche Aktionen sind nicht sehr intelligent." In einer anschließenden Pressekonferenz gab sich Pühringer sichtlich zufrieden. Die verfolgten Strategien zur Standort- und Arbeitsplatzsicherung seien "alle aufgegangen". Die Tranchen für die Landesbetriebe seien erwartungsgemäß sehr schmal ausgefallen. "Deswegen habe ich immer den Weg eines Vorverkaufsrechtes des Landes für die Aktienpakete von Oberbank und Raiffeisenbank verfolgt."

Erwartungsgemäß weniger gelöst die Tagesverfassung beim SP-Landesvorsitzenden Erich Haider: "Die Verschleuderungsaktion hat mit einem Fiasko für den Betrieb und Oberösterreich geendet." Das Land sei "verraten" worden. "Das Tor für feindliche Übernahmen steht jetzt weit offen." Die SP werde bei der Finanzmarktaufsicht gegen die Nichtbeteiligung der (landeseigenen, Anm.) TMG Beschwerde einlegen. Auch die Arbeiterkammer überlegt rechtliche Schritte. Rudi Anschober von den OÖ-Grünen sagte, die Versuche der ÖVP, jetzt noch einen oberösterreichischen Kernaktionär "herbeizureden", seien "pure Wählertäuschung" gewesen. (Markus Rohrhofer, Der Standard, Printausgabe, 20.09.2003)

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    Zweitausend Arbeiter fanden sich auf dem Linzer Werks- gelände zu einer Betriebs- versammlung ein: Alles andere als wurscht ist den Voestlern der Verkauf ihres Arbeitgebers, doch "drüba- gfoahrn" war ein weit verbreitetes Gefühl.

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