Warnschüsse in Belgrads Innenstadt

16. September 2003, 18:49
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Im Zusammenhang mit dem Djindjic-Mord beginnt ein Prozess gegen hunderte Mafiosi

Am Dienstag beginnt in Belgrad ein "historischer Prozess" gegen die serbische Mafia. Hunderte Mitglieder mehrerer krimineller und terroristischer Gruppen sollen ein für alle Mal hinter Schloss und Riegel gebracht werden - viele erwartet lebenslängliche Haft. Sie alle verhaftete die serbische Polizei nach dem am 12. März verübten tödlichen Attentat auf Serbiens Reformpremier Zoran Djindjic während der so genannten "Aktion Säbel".

In Serbien gebe es kein organisiertes Verbrechen mehr, verkündete das serbische Innenministerium stolz. Der Prozess sei der letzte Akt im Kampf des Staates gegen die organisierte Kriminalität. Serbische Medien bezweifeln jedoch, dass die "Aktion Säbel" so erfolgreich war. Einige Experten meinen dagegen, die Anklage gegen die Mafia im bevorstehenden Prozess habe viele Schwächen.

Denn einerseits soll die Polizei zu Geständnissen oft durch "übermäßige Anwendung von Gewalt" gekommen sein. Die Anklage, heißt es, stütze sich außerdem hauptsächlich nicht auf materielle Beweise, sondern auf Zeugenaussagen. Und Zeugen könnten eingeschüchtert werden und ihre Aussage ändern. Ein weiterer Schönheitsfehler sei, dass sich viele der ehemals Verhafteten wieder auf freiem Fuß befänden.

Andererseits befindet sich der Hauptverdächtige für das Attentat auf Djindjic, Milorad Lukovic, ein ehemaliger Kommandant der serbischen Sondereinheiten, nach wie vor auf der Flucht; ebenso der für den Mord eines Polizeigenerals angeklagte Verbrecher Zeljko Maksimovic Maka.

Es ist fragwürdig, ob die serbische Justiz dem Prozess gewachsen ist - die mögliche Verbindung zwischen dem für das Attentat auf Djindjic verantwortlichen "Clan von Zemun" und der Polizei ist bisher nicht aufgeklärt, die Spur zu möglichen Auftraggebern nicht verfolgt worden.

Am Wochenende feuerten unbekannte Täter aus einem grauen Audi - dem Markenzeichen der serbischen Profikiller - vor dem serbischen Regierungsgebäude im Zentrum Belgrads "Warnschüsse" in die Luft. Sondereinheiten wurden in höchsten Alarm versetzt, schwer bewaffnete Polizisten blockierten die Innenstadt und alle wichtigen Verkehrsknoten, kontrollierten Autos, und die Identität von Passanten.

"Den Kampf gegen das organisierte Verbrechen haben wir immer noch nicht gewonnen", verkündete die regierende Demokratische Partei. Die Regierung werde sich jedoch nicht einschüchtern lassen. Serbische Politiker werden von Leibwächtertrupps bewacht. Nach mehreren Dutzend Morden im vergangenen Jahrzehnt gilt Politiker zu Recht als ein lebensgefährlicher Job.

Die instabile politische Lage in Serbien schaffe wieder Raum für die Mafia, sagen einige Politiker. Zwei Drittel der Bürger Serbiens hätten laut Umfragen kein Vertrauen in die von Korruptionsskandalen erschütterte Regierung. Dass Neureiche von Milosevic' Gnaden in der serbischen Politik nach wie vor mitmischen, daran zweifelt niemand. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2003)

Andrej Ivanji aus Belgrad

Nach den Verhaftungen im Zusammenhang mit dem Djindjic-Attentat steht in Serbien ein Monsterprozess an. Hunderte Mafiosi sollen verurteilt werden. Das "besiegte" organisierte Verbrechen schlägt indes zurück: Unbekannte schossen vor dem Regierungssitz in die Luft.
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