"Multitasking"-Mensch auf dem Vormarsch

17. September 2003, 20:38
2 Postings

"Simultanten" schaffen Essen, Fernsehen und Telefonieren gleichzeitig - Wellness als Versuch, sich Zeit zurückzukaufen

Hamburg - "Multitasking" lautet das aus der Computertechnik entlehnte Schlagwort und besagt, dass mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden - vor allem am Arbeitsplatz. "Unsere Gesellschaft wird immer schneller", stellt das Hamburger Trendbüro fest. "Überall wird versucht, Zeit herauszuholen. Man schläft kürzer, man isst schneller. Selbst das Duschen wird beschleunigt." Die Generation der so genannten Netzwerkkinder (ab 1980 geboren) sei es bereits gewohnt, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

"Die Simultanten sind unter uns", berichtet das Zukunftsinstitut (Kelkheim/Hessen). "Wer Zeit sparen will, trinkt den Kaffee auf dem Weg zur U-Bahn, verfolgt die Nachrichten auf dem Ergometer im Fitness-Studio und telefoniert beim Fernsehen."

Wasser in Gel-Form

Vorreiter in Sachen schneller leben sind die USA und Japan. Für mobile Esser gibt es dort statt Joghurt das "Go-Gurt", Gemüse aus der Tube und Wasser in Gel-Form. Doch auch in Deutschland ändern sich die Sitten: Ein Viertel frühstückt laut jüngsten Forschungen nicht mehr zu Hause. Schon prangen Kaffeehalter am Armaturenbrett im Mittelklassewagen.

Doch der parallele Lebensstil ist umstritten, vor allem in der Arbeitswelt. "Multitasking macht krank", warnen US-Forscher und verweisen auf "Pseudo-ADS" - ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Die Krankheit führe zu verkürzten Aufmerksamkeitsspannen, die von einer technologisch geförderten, permanenten Informations-Überdosis herrührten. Angeblich drohen sogar Probleme mit dem Kurzzeit-Gedächtnis.

Werbung

Längst hat die Werbung den "Simultanten" entdeckt. Ein Fernsehspot für eine Telefonauskunft zeigt eine junge Mutter, die telefoniert und gleichzeitig ihren Sprössling überwachen müsste. Doch für einen Augenblick bleibt er unbeaufsichtigt - und stößt eine Riesenvase übers Geländer. Die Botschaft lautet: Hören Sie sich keine nervige Bandansage an, wir geben die Nummer persönlich durch.

Einer repräsentativen Umfrage zufolge trauen die Deutschen eher den Frauen zu, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, als Männern. 66 Prozent der Männer erledigen nach eigenem Bekunden immer nur eine Sache. Dagegen gab etwa die Hälfte der Frauen an, sich mit mehreren Sachen gleichzeitig zu beschäftigen.

Allerdings: Es gibt auch die Gegenbewegung. "Diejenigen, die beschleunigen, sind auch diejenigen, die entschleunigen", sagt Andreas Steinle vom Hamburger Trendbüro. "Mehr Stress wird durch mehr Wellness kompensiert. Wellness ist der Versuch, sich Zeit zurückzukaufen."(APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Vor allem Frauen wird zugetraut, das Multitasking zu beherrschen

Share if you care.