Spiel mir das Lied von der Tofuwurst

15. September 2003, 11:56
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Welturaufführung von "Endlich Schluss"

Stefan Ender

Wien - Ein Meisterwerk der Doppelbödigkeit, ein Geniestreich der Selbstverleugnung, ein Monument kompositorischer Hinterlist: Ja, Wolfram Wagner hat alle ordentlich hinters Licht geführt.

Sein Auftrag (der Neuen Oper Wien): die musiktheatralische Bearbeitung des Monodramas Endlich Schluss von Peter Turrini. Man erinnert sich: das Geburtstagsgeschenk des meistgespielten lebenden deutschsprachigen Dramatikers an den ehemaligen Burgtheaterdirektor Claus Peymann. Premiere im Juni 1997 am Akademietheater, mit Gert Voss natürlich. Inhalt: Ein Mann zählt bis tausend und bringt sich um. Und denkt bis dahin zurück ans supertolle, superkaputte Erfolgreichenleben: außen hui, innen pfui. Alles gehabt, alles gesehen, alles Mist. Man selbst und die Umwelt sowieso: "Jede Hand, die dich wärmt, jeder Ruf, der dich meint, ist eine Lüge."

Wie nun Turrinis Zählstück musiktheatralisch umsetzen? Silke Hassler wusste Rat. Die Klagenfurter Autorin formte den Theatermonolog zum Opernlibretto um, indem sie dem suizidwilligen Protagonisten einen reflektierenden, kommentierenden und auch handelnden Chor gegenüberstellte: ein buntes Ensemble, bestehend u. a. aus Ehefrau, Kollegen und Nervenarzt, das dramaturgischen Pepp in die Sache bringen sollte.

Eine gute Idee. Eine noch viel bessere aber hatte Wolfram Wagner: Wieso nicht das dominierende Thema der Selbstquälerei auf die Ebene der Musik übertragen? Unverbindliche, nichtssagende, jedes Kompositionsgeschick verleugnende, grotesk banale Klänge zu erschaffen und so dem Publikum auf akustischem Wege jenes Leid zuteil werden zu lassen, das den Protagonisten erschüttert?

Der 41-Jährige machte sich ans Werk, das nicht nach Fisch, nicht nach Fleisch und noch nicht mal nach ungesalzener Tofuwurst klingen sollte, und bastelte unerschrocken dürre Versatzstücke aus Jazz, Musical, einer sehr, sehr gemäßigten Moderne, garniert mit ein paar realakustischen Plattitüden (Tatütata), zur Scary Horror Suicide Show zusammen.

Günter Brus setzte den klingenden Kuddelmuddel kongenial in textiles Kauderwelsch um, Monika Steiner griff mutig in die unterste Schublade der Inszenierungskommode und bot Schall und Rauch, Fallstricke und Todeskrähen. Andreas Jankowitsch trainierte seinem substanziell schönen Bariton ein leichtes Meckervibrato an und zählte sich tapfer dem Tod entgegen, von Walter Kobéra und dem Amadeus Ensemble dann und wann musikalisch unterstützt. Am Ende war der Coup gelungen: Entsetzen, Ratlosigkeit, Bestürzung allüberall. Dann zaghaft anhebender Applaus. "Endlich Schluss".
Noch am 16., 17., 19., 20. u.
23. 9., im Semperdepot, jeweils
20.00. Karten: (01) 427 17

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