Den "unerfüllten Traum" der Pressefreiheit erfüllen

15. September 2003, 16:05
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Jährliche Vollversammlung des International Press Institutes in Salzburg eröffnet - Schüssel für informierte Gesellschaft" statt Informationsgesellschaft

Mehr als 220 führende Medienmanager aus aller Welt sind Samstag Abend zur offiziellen Eröffnung des 52. Weltkongresses des International Press Institute (IPI) in Salzburg zusammengekommen. Und sie haben einen "unerfüllten Traum", wie es IPI-Vorsitzender Jorge E. Fascetto ausdrückte: Meinungsfreiheit für alle Bürger.

"Unsicherheit und Angst sind überall präsent", sagte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) und bezog sich auch auf den Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh vor einigen Tagen. Solche Geschehnisse zeigten, dass Politik als "Projektionsfläche" für Emotionen sei - sowohl positive als auch negative. "Das kann eine explosive Mischung werden."

"Zwei Seiten einer Medaille"

Politik und Medien seien aber "zwei Seiten einer Medaille". Und die Medien versuchen nach Schüssels Ansicht nicht immer, mit objektiver Information der Verunsicherung der Menschen Abhilfe zu schaffen. "Eher umgekehrt: Information kann Unsicherheit erzeugen", so der Bundeskanzler. Oft werde in einem "pessimistischen Ton" berichtet. Vielen komplexen Themen könne man außerdem mit der Formel "keep it short and simple" nicht gerecht werden. Schüssels Aufforderung daher an die Medien: Sie sollen "die Informationsgesellschaft in eine informierte Gesellschaft transformieren".

Konsequenzen des globalen "Kriegs gegen den Terror"

In vielen Staaten aber haben die Medien derzeit noch ganz andere Sorgen. Der Salzburger Bürgermeister Heinz Schaden (S) erinnerte daran, dass es allein im vergangenen Jahr in Staaten, in denen insgesamt über 100 Millionen Bürger leben, eine substanzielle Verschlechterung der Pressefreiheit gegeben habe. "Dies ist natürlich auch eine der Konsequenzen des globalen 'Kriegs gegen den Terror'", so Schaden. Das IPI als "Watchdog" erfülle hier eine unverzichtbare Aufgabe.

Medien in kulturellen Auseinandersetzungen gefordert

Die Rolle der Medien im angeblichen "Clash of Civilisations" stand Sonntag Vormittag im Mittelpunkt der ersten Podiumsdiskussion beim Weltkongress des International Press Institute. Deutlich medienkritisch äußerte sich Bernard Margueritte, Präsident des International Communications Forum mit Sitz in Warschau: Die Medien erfüllten ihre Rolle als Vermittler gegenseitigen Verständnisses nicht, sagte er. "Wir haben versagt!"

Bei den Rednern herrschte aber Skepsis vor, ob der Kampf der Zivilisationen, wie in Samuel Huntington prophezeit hat, überhaupt eingetreten ist. Als ein "reduzierendes Konzept" bezeichnete etwa Mogens Schmidt, Direktor der UNESCO-Abteilung für Meinungsfreiheit, Demokratie und Frieden diesen Ansatz.

"Fast Culture"

Wenn Hass in der interkulturellen Auseinandersetzung den Ton angibt, tragen die Medien Marguerittes Ansicht nach entscheidend dazu bei: "Hass ist Mangel an Wissen." Er verwies auf die bedenkliche weltweite "Konzentration von Medienmacht", wodurch es "immer schwerer wird, die lokale Identität einer Stadt, eines Landes oder gar einer Kultur zu respektieren". Wie Fast Food setze sich auch "Fast Culture" durch, und trotz Globalisierung stehe man vor dem Paradoxon, "immer weniger voneinander zu wissen". Darüber hinaus stehe für die großen Player des Medienbusinesses "Profit und nicht Qualität" im Vordergrund. Fazit der Medienschelte des früheren "Le Monde"-Journalisten: "Wir Medienleute müssen unsere Visionen ändern und unsere Würde wiederfinden."

Dem kulturpessimistischen Grundton, der in einer Debatte über allfällige Kulturkämpfe kaum vermeidbar ist, wollte Anthony Heard, früherer Redakteur bei der südafrikanischen "Cape Times", entgegensteuern. Habe er jahrzehntelang zusehen müssen, wie sein Land "von Desaster zu Desaster stolperte", entstehe nun seit bald zehn Jahren eine demokratische, antirassistische Gesellschaft. "Die Schubkraft in Südafrika wirkte ganz entgegen Huntingtons Theorie", betonte Heard.

Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (V) merkte ebenfalls an, dass laut Studien die Demokratie weltweit ein äußerst gutes Image genieße. Noch allzu oft aber gebe es "nur Lippenbekenntnisse" anstatt eines globalen Konsenses über demokratiepolitische Standards. Auch Ferrero-Waldner sieht hier die Medien gefordert und wünscht sich einen "globalen code of conduct", der auf die "Sprache des Hasses" verzichtet. Generell ist Pressefreiheit schlicht "der Sauerstoff der Demokratie". Eine Definition, der sich auch die Diskussionsteilnehmer anschlossen. Schmidt: "Es mag banal sein, das zu sagen, aber es stimmt." (APA)

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