Laurentis Albtraum

19. September 2003, 14:03
posten

In Veit Heinichens Krimi laufen Sinn- und Tätersuche parallel

Triest im März 2002. Tatsächlich war es ein kühler Monat, in dem die Sonne häufig nicht durch den Nebel drang. Tatsächlich regierte in der Stadt eine Koalition von Berlusconi-Leuten und Ultrarechten, die zeitgenössische Kunst als Pornografie verteufelten und mittels Denkmälern und Gedenktafeln die Geschichte im nationalistischen Sinn umzustellen trachteten. Und in der Ausgabe des geschwätzigen Triestiner Piccolo vom 8. März ist wirklich nachzulesen, dass die Dynamik der Hafenstadt wegen eines Treffens des deutschen Bundeskanzlers Schröder mit seinem italienischen Kollegen Berlusconi zum Erliegen kam.

Vom flüchtenden Rumänen, der von Schröders Kavalkade überfahren wurde, erfährt man aber nur in Veit Heinichens neuem Triest-Krimi Tod auf der Warteliste. Er ist also Fiktion und dennoch höchst plausibel. Der Rumäne ist nämlich aus einer illegalen Transplantationsklinik für Superreiche im Karst entflohen, weil er durch Zufall von dem Plan erfahren hatte, ihn durch Entnahme gleich beider Nieren, des Herzens, der Lunge, der Leber und des Pankreas zu einer "Strohleiche" (die Hülle eines Menschen, die man hinterher ausgestopft hätte) zu machen. Veit Heinichen hat dieses für die Krimiszene neue Milieu, das natürlich keine italienische bzw. Triestiner Spezialität ist, detailreich und tiefgründig recherchiert. Die Ärmsten der Armen werden dazu gezwungen, mit ihren Körperteilen reiche Kunden aus den Industrieländern zu beliefern, die "mit Gier auf den Körper des anderen schauen wie auf ein Ersatzteillager, mit dem wir das eigene Leben verlängern können". Selten hat ein Roman mit solcher Direktheit Ausbeutungsverhältnisse so unmittelbar als körperliche Ausplünderung von Menschen durch Menschen dargestellt.

Dass diese Geschichte in Triest angesiedelt ist, obwohl sie doch auch in Indien, der Türkei und vielen anderen Ländern und Orten der Welt täglich vorkommt, hat seinen besonderen Grund. Im Zeitalter der Globalisierung wird die multiethnische habsburgische Hafenstadt erneut zu einem Treffpunkt der Kulturen. Zu den Grenzen mit Slowenien - und indirekt - Kroatien kommen Schiffsverbindungen (etwa zu Albanien) und die Fernfahrerrouten. Und wie schon im 19. Jahrhundert produziert das Aufeinanderprallen von Schwächeren und Stärkeren fatale Probleme. Im Verbund mit der unmoralischen und prinzipienlosen politischen Führung der Stadt fühlt sich "das organisierte Verbrechen für die Abwicklung seiner globalisierten Geschäfte inzwischen auch hier zu Hause". Der Roman zeichnet ein bestürzendes menschliches Krisenszenario, dem Commissario Laurenti nur teilweise gewachsen ist. Wie sein Schöpfer Heinichen, dem Laurenti - auch kein gebürtiger Triestiner - in vielem ähnelt, erschließt sich der Commissario seinen Fall durch seine Imagination, die angesichts der Unfassbarkeit der Umstände auch aufs Höchste gefordert ist: Sinnsuche des Erzählers und Tätersuche verlaufen parallel, wodurch die hohe Spannung des Buchs aufgebaut wird.

Mit dem nunmehr dritten Roman dieser Serie suggeriert Heinichens Triestiner Lebenswelt den spezifischen Charakter von Vertrautheit, den man von geografisch basierten Krimis gewohnt ist. Eine intensivere Lektüre lässt jedoch Unbehagen aufkommen. Das teilweise an Fellini erinnernde Romanpersonal wie der zweiundachtzigjährige Alkoholiker und Gerichtsmediziner Galvano oder Commissario Laurentis altjüngferliche Sekretärin Marietta ist zwar liebevoll-ironisch gezeichnet, ihre Charakterisierung erhält aber eine Schärfe, die die Leseridentifikation zumindest erschwert. Die Beziehung zwischen Laurenti und seiner hübschen Frau, der Kunsthändlerin Laura, bleibt problematisch, die Seitensprünge mit der hübschen kroatischen Staatsanwältin iva sind unbefriedigend, und die grausame Kastration, die einem verbrecherischen Chirurgen vom Angehörigen eines Opfers zugefügt wird, erlangt eine für die gesamte Welt dieses Romans zentrale Symbolkraft.

Der Fall kann mit Ach und Krach gelöst werden, aber es bleibt die frustrierte Erkenntnis, "wie viel Trauer in diesem Landstrich verborgen liegt". Die Schönheit der Karstlandschaft vermag diese Trauer zwar nicht auszulöschen, Laurenti - und Heinichen - zeigen jedoch, wie man mit ihr auf durchaus unsentimentale Weise umgehen lernt in den vielen Buschenschanken, hier Osmizzas genannt, und Trattorien, in denen die Protagonisten ihren Vitovska trinken und ihre Branzini verspeisen. Wie schon die beiden Vorgänger ist Heinichens dritter Triest-Krimi auch ein önologisch-kulinarischer Reiseführer der besonderen Art. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13./14.9.2003)

Hinweis: Veit Heinichen präsentiert sein neues Triest-Buch am 19. 9. um 24.00 Uhr, Rund um die Burg, Wien; am 22. 9. um 20.00 Uhr im Literaturhaus Graz; am 23. 9., 19.30 Uhr in der Buchhandlung Heyn Klagenfurt; am 25. 9., 19.30 Uhr Buchhandlung Eckart/La Tavolozza Wien; und am 26. 9. 19.30 Uhr in Rupertus Buchhandlung, Salzburg.

Veit Heinichen
Tod auf der Warteliste.
Roman.

€ 20,50/332 Seiten. Zsolnay, Wien 2003.

Von Walter Grünzweig

  • Artikelbild
    foto: buchcover
Share if you care.