Was Zeitgenossen gerne wissen

19. September 2003, 14:53
1 Posting

Das neue "du": nett, aber belanglos

Die Krise der Kulturzeitschriften und der Magazine – sie wird schon seit mehreren Jahren beschworen. Tatsache ist: Zuerst haben sowohl die Qualitätszeitungen wie auch die politischen Wochenmagazine in Sachen breiterer Vermittlung von Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft heftig aufgerüstet (und den spezialisierten Periodika Leser abspenstig gemacht). Dann wiederum bekamen selbst Flaggschiffe wie die "FAZ" die Wirtschaftskrise heftig zu spüren. Mittlerweile vergeht keine Woche, in der sich nicht einschlägige Arbeitslosenzahlen zu Nachrichten über verkaufte oder eingestellte Publikationen gesellen.

In diesem Szenario verkünden dann etwa Sigrid Löfflers "Literaturen" mit einer verkauften Auflage von rund 18.000 Exemplaren einen "Steigflug": Angepeilt wären aber eigentlich deren 50.000. Und es ist kein Geheimnis, dass Traditionstitel wie "Spex" oder "Theater heute" mittlerweile nur noch von einer kleinen In-Crowd gelesen werden.

"Krise!"

"Krise!" rief man zuletzt auch rund um die Schweizer "Zeitschrift der Kultur" "du", als der österreichische Chefredakteur Christian Seiler an Bord geholt wurde, um einen Sinkflug zu stoppen, der dem Magazin im deutschen Sprachraum gut ein Drittel einer vormaligen Auflage von 30.000 verkauften Exemplaren gekostet hatte. Schließlich wurde mitten in die Vorbereitungen zu Seilers erstem "du" der Verkauf der Zeitschrift angekündigt, die gegenwärtig im Jahr ein Defizit von einer halben Million Franken schreibt, – aus, wie es so schön heißt, "strategischen Gründen".

Immerhin kann der neue mutmaßliche Eigentümer, der Niggli Verlag, aber bereits ersehen, welche Strategien sich die "du-"Redaktion zurecht gelegt hat.

"Was Zeitgenossen wissen müssen"

In einem beispiellosen Gewaltakt an Textakquisition (und vermutlich auch Selbstausbeutung aller Beteiligter) haben Seiler und sein Team eine Spezialausgabe, nichts weniger als ein kleines Lexikon zusammen gestellt: ein ABC zur Frage, "was Zeitgenossen wissen müssen". 302 Einträge von 143 Autoren! Einige davon sind aus der Weltliteratur und Philosophie herbei zitiert, aber selbst wenn man Texte von Flaubert, Habermas, Thomas Mann und Co. abzieht, ist das neue "du" zuallererst einmal vor allem ein Demonstrationsobjekt:

Seht, auf was für gewaltige personelle Ressourcen, Ideen und Horizonte hier zurück gegriffen werden kann! Was für ein Spektrum und Aufwand für die werte, neugierige, vorurteilsfreie Zeitgenossenschaft.

"Was Zeitgenossen gerne wissen"

Die Vorfreude, auch geweckt durch eine äußerst smarte, elegante Grafik – sie wird freilich bei genauerem Lesen ein wenig getrübt: Eigentlich sollte das neue "du" eher den Titel "Was Zeitgenossen gerne wissen" tragen. Wirklich überraschende Stichworte sind kaum zu finden. Viel eher sind hier Trends, Moden und gängige Leitbegriffe der letzten fünf Jahre zusammen getragen.

Der AC Milan steht neben Adorno, "Kompetenz, interkulturelle" neben Konsumismus, schon auf dem Titelbild ergeben Madonna und ein Teletubbie eine amüsante Piéta. Weltoffen darf sich der Leser zu "Williams, Robbie" bekennen – ohne aber mit originelleren Zugängen verwöhnt zu werden, als sie gegenwärtig die grandiose "Weltwoche" oder die anderen Feuilletons bieten.

Gut möglich, dass das alles noch kommt. Die Ankündigung der nächsten Ausgabe – sie ist dem US-Schriftsteller Philip Roth gewidmet – klingt zumindest vielversprechend. Dennoch: Dem alten Problem der Zeitschriftenkrise hält auch das neue "du" wenig mehr entgegen als die gegenwärtige Leier der einschlägigen Kritiker und Autoren: Man muss den Kulturbegriff weiter fassen. www.perlentaucher.de

Nur leisten das gegenwärtig die tagesaktuellen Medien auch, mit dem zusätzlichen Anreiz, wirklich Neues zu bieten. Zunehmend weniger auf ihre Kosten kommen dabei Leser mit Spezialinteressen und einem Hang zur Nischeninformation. Nur ergeben diese Leser nicht ausreichend Stammpublikum für aufwändig produzierte Magazine. Kein Wunder, dass im Internet einschlägige Foren aufblühen. www.perlentaucher.de zum Beispiel ist in seiner täglichen Zusammenstellung internationaler Feuilletons unvergleichlich welthaltiger als dieses "du".

Das alte Problem von Inhalt und Form: Dass sich auf Dauer die ambitionierten Produkte um einiges weniger luxuriös gebärden müssen – diese Tendenz scheint absehbar. Sonst ist noch mit ganz anderen Verlusten an Vielfalt zu rechnen. (Claus Philipp/DER STANDARD, Printausgabe vom 13./14.9.2003)

Share if you care.