Ein Trauma und viele Theorien über Verschwörungen

12. September 2003, 13:41
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Mord an Premier Olof Palme bis heute unaufgeklärt

Das Attentat an Anna Lindh wird auch das Trauma wiederbeleben, das die bis heute nicht aufgeklärte Ermordung von Ministerpräsident Olof Palme in der schwedischen Gesellschaft verursacht hat. Palme war am Abend des 28. Februar 1986 ohne Polizeischutz mit Gattin Lisbet auf dem Heimweg vom Kino, als ihm sein Mörder auflauerte und ihn mit einem Magnum-357-Revolver niederschoss. Seine Frau wurde leicht verletzt. Der Tatort lag an einer Straßenecke des Sveavägen, nur wenige hundert Meter vom Schauplatz des Messeranschlags auf Anna Lindh entfernt.

1989 wurde der Kleinkriminelle Christer Pettersson des Mordes für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt, bald danach in zweiter Instanz jedoch freigesprochen, weil Ermittler Palmes Witwe bei der entscheidenden Gegenüberstellung einen Tipp gegeben hatten, der auf Pettersson hinwies. Dies galt als eine von vielen schweren Schlappen der Ermittler. Lisbet Palme ist bis heute davon überzeugt, dass Pettersson der Täter ist.

Fest steht das weitgehende Versagen des schwedischen Sicherheitsapparats. Die Ermittlungen waren durch eine Kette von Pannen gekennzeichnet, die mit einer verspäteten Großfahndung begann. Von Mitte 1986 an konzentrierte sich die Sonderkommission auf Betreiben des Einsatzleiters Hans Holmer auf die kurdische Separatistenorganisation PKK - ohne Ergebnis. Holmer musste zurücktreten und arbeitete später bei der UN-Suchtgiftkontrollbehörde in Wien.

Weitere Spekulationen über mögliche Drahtzieher betrafen das iranische Khomeini-Regime, südafrikanische Rassisten, den israelischen Geheimdienst Mossad, die amerikanische CIA, die Sowjetunion, das chilenische Militärregime und ein Syndikat internationaler Waffenhändler.

Eine bis heute lebendige Verschwörungstheorie ist die "Polizeispur": Demnach habe eine rechtsextreme Zelle innerhalb der schwedischen Geheimpolizei "Säpo" aus Hass auf den linken Palme den Mord geplant und ausgeführt. Gegen ein Komplott und für eine Einzeltäterschaft spricht, dass die Palmes an jenem Abend erst eine halbe Stunde vorher wussten, dass sie ins Kino gehen wollten. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.9.2003)

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