"Sie weckte starke Gefühle"

12. September 2003, 17:37
posten

Unabhängig davon, welche Motive den Attentäter zur Ermordung Anna Lindhs bewegt haben, steht fest, dass ihr massives Eintreten für den Euro in einer stark emotionalisierten Atmosphäre geschah. Personenschutz gab es, nach schwedischer Tradition, aber kaum.

Konventionen, auch politischer Art, haben Anna Lindh wenig bedeutet. Um Stimmung für den Beitritt zur Eurozone zu machen, hatte sie sogar einen gemeinsamen Auftritt mit Carl-Henric Svanberg, dem Chef des des schwedischen Handyriesen Ericsson, der die linke Sozialdemokratin dann auch noch auf die Wange küsste.

Ein schwedischer Parlamentsabgeordneter bezeichnete diese Begegnung im Gespräch mit dem STANDARD als "politische Bombe", da seit Olof Palmes Zeiten die Sozialdemokraten zu "Kapitalisten" immer Distanz gehalten hätten. (Bei Ericsson kam noch dazu, dass Svanberg den Wählern plump mit dem Abzug der Firmenzentrale aus Schweden gedroht hatte, wenn sie zum Euro nicht Ja sagten.) Ebenso überraschend war, dass Lindh in einem gemeinsamen Brief mit dem früheren konservativen Premierminister Carl Bildt die 100.000 im Ausland lebenden Schweden aufgefordert hatte, per Briefwahl für den Euro zu stimmen.

Spekulationen über den Hintergrund des Mordes sind nicht angebracht. Es ist aber eine Tatsache, dass - wie der Göteborger Politologe Rutger Lindahl am Donnerstag der Agentur Reuters sagte - Lindh mit ihrer Euro-Kampagne "starke Gefühle geweckt hat".

Wer in den vergangenen Wochen in Schweden die politische Auseinandersetzung verfolgt hat, erlebte einen zumeist skandinavisch-sachlichen Austausch von Argumenten, bei denen es beiden Seiten aber um tief empfundene Grundwerte geht. Sowohl die Euro-Befürworter als auch die Gegner sahen durch die Haltung des jeweils anderen den Wohlfahrtsstaat gefährdet, EU-Kritiker auch die Reste von Schwedens Neutralität.

Zwischenfälle gab es vor dem Mittwoch aber nur wenige: Eine Rangelei vor Informationsständen in Göteborg, ein Polizeieinsatz mit fünfzig Festnahmen in Södertalje südlich von Stockholm, wo linke Euro-Gegner ein Anti-Euro-Treffen der weit rechten Nationaldemokraten stürmten.

Verbale Eskalation

Verbal ist die Auseinandersetzung aber schon seit Wochen eskaliert. Euro-Kritiker bezichtigten die regierenden Sozialdemokraten und die drei bürgerlichen, das Ja unterstützenden Oppositionsparteien eine "Lügenkampagne" durchzuziehen. Ein Politikerin der gegen den Euro auftretenden Linkspartei nannte die Art, wie die meisten Medien für den Euro eintreten, "Schießeisen-Journalismus".

Besonders auffallend war, dass gleich mehrere Politiker im Interview die Zerstrittenheit innerhalb der sozialdemokratischen Partei (wo ja mehrere Regierungsmitglieder gegen den Euro aufgetreten sind) mit dem Wort "Bürgerkrieg" charakterisierten. Es handle sich aber um einen "civilized civil war", fügte ein hoher Gewerkschaftsfunktionär dann hinzu.

Gleichzeitig war zu beobachten, dass die schwedischen Politiker und Staatsrepräsentanten trotz der lebendigen Erinnerung an die Ermordung Olof Palmes nur mit minimalem Personenschutz unterwegs waren. So drängte sich etwa Premierminister Göran Persson nach einer Rede auf dem Uni-Campus Södertörn südlich von Stockholm durch die Menge, ohne dass die Teilnehmer vorher überprüft worden wären.

Und wenige Tage zuvor trat Persson bei der Ostsee-Entwicklungskonferenz in einem Stockholmer Hotel auf, gemeinsam mit König Carl XVI. Gustaf und Kronprinzessin Victoria. Auch dort waren die sichtbaren Sicherheitsvorkehrungen, der Tradition von Schwedens "offener Gesellschaft" (Persson) entsprechend, minimal. (Erhard Stackl, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.9.2003)

  • Anna Lindh: Als Werberin für den Euro mit Premier Persson auf einer Straßenbahn in Göteborg
    foto: standard

    Anna Lindh: Als Werberin für den Euro mit Premier Persson auf einer Straßenbahn in Göteborg

Share if you care.