Adorno über den Kältestrom

5. Oktober 2003, 19:36
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Eine literarische Variation über ein beabsichtigtes Werk des Philosophen

"Wir fütterten das Herz
mit Phantasien /
Die Kost versteinerte
das Herz"

Im Jahre seines Todes macht sich Theodor W. Adorno Notizen zu einem Buch, das er nach Abschluss seiner ästhetischen Theorie zu schreiben beabsichtigte. Er wartete auf das Ende einer schrecklichen Verhandlung, in der es um die Aufteilung des Institutsetats zwischen Studenten, Assistenten und den Leitern des Instituts ging. Seit vier Stunden saßen sie in dem verqualmten Seminarraum. Adorno tränten die Augen. Es schien, als schriebe er Worte der Redner mit. Tatsächlich konzipierte er für sein Buch.

Kälte, davon ging er aus, ist eine die Moderne durchherrschende Strömung. Sie sei, notierte Adorno, "abgezweigt von der libidinösen Energie des Gattungswesens Mensch, ähnlich der Erkenntnisleistung. Anders als diese produziert sie Gleichgültigkeit, den Kältestrom."

"Die Urgeschichte des Subjekts" sei in der Dialektik der Aufklärung umrissen; dort fehle die moderne Metamorphose des Subjektes (das nunmehr in Partikel zerfällt). Wie das? Es ist in Marxens Beobachtung enthalten, dass der Mensch, als Produzent seines Lebens, als Waren- produzent, neben dem Produktionsprozess zu stehen kommt. Dies ist die Ent- fremdung. Es begründet die Beobachtung, dass dort, wo ein Mensch und seine Wirklichkeit voneinander abgeschnitten werden, Kälte entsteht.

Beginn mit Beschreibung der Erdgeschichte

Beginnen sollte das Buch mit einer Beschreibung aus der frühen Erdgeschichte. Wie oberhalb des ältesten Gesteins des Planeten, am Kanadischen Schild, ein ins endlose erstreckter Gletschersee sich bildet. Wie dann die Macht solcher kühlen Wassermassen, die aber auf dem Weg sind, sich zu erwärmen, die Gletscherschranke durchbricht, welche die Ostküste des alten Amerika sperrt.

Die mächtige Flutwelle hat die Wasserfläche der Ozeane um bis zu sechs Meter angehoben, Polkappen und Länder (auch ägyptische) überschwemmt und so die Eiszeiten ausgelöst, in denen wir uns noch immer befinden. Diese "Naturgeschichte", welche die "Intelligenz, die aus der Kälte kam" erzeugte, also eigentlich die Kunst der Wärmehaltung, das Feuer in die Welt bringt, wollte Adorno abgrenzen gegen den Eishauch, der aus den Fantasien und Gefühlen überströmt. Insofern gehöre zu Auschwitz die Behaglichkeit der einzeln siedelnden Familienverbände im Reich. Warmherzige Gefühlsproduktion plus Ausgrenzung=Kältestrom. (Alexander Kluge/DER STANDARD; Printausgabe, 10.09.2003)

Alexander Kluge, 1932 geboren, Schriftsteller, Film- und Fernsehmacher, heuer mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet, begann seine Laufbahn als Anwalt im Frankfurter Institut für Sozialforschung. Theodor W. Adorno vermittelte ihn als "Hospitanten" zu Fritz Lang. Kluges jüngstes Werk, die monumentale Geschichtensammlung "Die Lücke, die der Teufel läßt", in der auch der hier abgedruckte Text erscheint, ist ab Donnerstag im Buchhandel erhältlich. Weitere Hauptwerke: "Chronik der Gefühle" und die gemeinsam mit Oskar Negt verfassten Abhandlungen "Der unterschätzte Mensch".
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