Die Wirtschaft soll heulen

15. September 2003, 09:41
3 Postings

Vor dreißig Jahren wurde die Unidad-Popular-Regierung des Präsidenten Allende gewaltsam gestürzt - Ein Rückblick auf die Rolle der USA in der Vorgeschichte des Staatsstreichs vom 11. September 1973

Die chilenischen Präsidentschaftswahlen von 1964 markierten eine Änderung der US-Politik gegenüber Chile. Bis zu diesem Zeitpunkt war es vor allem offizielle Hilfe, die Chile "vor dem Kommunismus bewahren" sollte: Die offizielle Entwicklungshilfe betrug von 1947-1970 rund eine Milliarde US-Dollar. Ab 1961 etablierte die Central Intelligence Agency (CIA) "operationale Beziehungen" zu wesentlichen politischen Parteien. Für die Wahlen von 1964 wurden die ersten größeren verdeckten Aktionen gestartet. Die CIA führte eine massive antikommunistische Propagandakampagne durch. Allein die direkte Parteienfinanzierung der CIA betrug 1964 drei Millionen US-Dollar. Zum Vergleich: Hätte eine ausländische Regierung mit einem ähnlichen Betrag pro Kopf der Bevölkerung in die US-Präsidentschaftswahlen 1964 interveniert, wären die gesamten Wahlausgaben beider Präsidentschaftskandidaten um mehr als das Doppelte überboten worden. Als die rechte Koalition Demokratische Front zerbrach, kam die gesamte US-Unterstützung dem christdemokratischen Kandidaten zugute: Eduardo Frei wurde zum Präsidenten gewählt. Die CIA setzte aber ihre Bemühungen fort: Zwischen 1964 und 1970 wurden 20 verdeckte Projekte durchgeführt.

Die Präsidentschaftswahlen von 1970: Eine "Schreckenskampagne"

Bei den chilenischen Präsidentschaftswahlen von 1970 nahm die US-Regierung eine weniger aktive Haltung ein. Sie unterstützte keinen Kandidaten direkt, sondern startete eine "Schreckenskampagne" gegen die Wahl von Salvador Allende. Nichtsdestotrotz gab es US-Unterstützung für einen Kandidaten: Die International Telephone and Telegraph Company (ITT) unterstützte Jorge Alessandri, der für die Konservative Partei kandidierte, mit 350.000 US-Dollar. Ungefähr derselbe Betrag wurde Alessandri von anderen US-Unternehmen gespendet. Diese Anstrengungen blieben ohne Erfolg. Bei seiner vierten Kandidatur errang Salvador Allende in der Wahl am 4. September 1970 die relative Mehrheit an Stimmen. Die "Schreckenskampagne" gegen Allende hatte aber die Bevölkerung polarisiert und Allende hatte nicht die notwendige absolute Mehrheit an Stimmen erreicht. Nach der chilenischen Verfassung musste nun der Kongress zwischen den beiden stimmenstärksten Kandidaten des ersten Wahlgangs, Allende und Alessandri, entscheiden.

"Make the economy scream!"

Die USA handelten sofort. US-Präsident Richard Nixon informierte CIA-Direktor Richard Helms, dass ein Allende-Regime in Chile für die USA nicht akzeptabel sein würde: Er instruierte die CIA, eine direkte Rolle in der Organisation eines militärischen Coup d'État zu spielen. Helms verließ ein Treffen am 15. September 1970 mit Nixons Befehl: "make the economy scream!" Die Anweisungen von US-Außenminister Henry Kissinger waren ebenso deutlich. Die CIA kabelte nach einem Treffen mit Kissinger an das CIA-Hauptquartier in Santiago: "Es ist feste und fortgesetzte Politik, dass Allende durch einen Coup gestürzt wird. Es wäre vorzuziehen, dies vor dem 24. Oktober (Tag der Wahl im chilenischen Kongress, Anm. d. Autors) geklärt zu haben, aber Bemühungen in diese Richtung werden energisch nach diesem Datum fortgesetzt werden." Die US-Regierung setzte auf zwei Strategien. Die "offizielle" sollte mittels politischer, ökonomischer und propagandistischer Aktivitäten Allendes Gegner dazu bewegen, dessen Regierungsübernahme durch politische oder militärische Mittel zu verhindern (track I). Track II sollte direkt das chilenische Militär motivieren, gegen Allende tätig zu werden. Beide tracks hatten einen Staatsstreich zum Ziel, aber track I sollte einen solchen nur mit dem Einverständnis des amtierenden Präsidenten Frei durchführen.

Bei ITT war man über die Situation bestens informiert und spekulierte in einem geheimen Memorandum, ob das chilenische Militär "fähig wäre, mit landesweiter Gewalt oder einem Bürgerkrieg zurechtzukommen".

CIA plante Bestechung

Die Unternehmensleitung sah Präsident Frei als Schlüsselfigur an, hatte aber keine große Achtung vor seiner Person. Er habe privat erklärt, dass Allende davon abgehalten werden müsste, das Regierungsamt zu übernehmen, sich aber offiziell aus dem Kampf herausgehalten, gefangen zwischen dem Druck der USA und jenem seiner eigenen Partei, von der große Teile für Allende waren: "Die Chance", hieß es in einem ITT-Memo über Frei, "die Präsidentschaft noch weitere sechs Jahre einzunehmen, könnte die notwendige Stärke für seine Entscheidung liefern." Die politische Strategie sah vor, Frei, der nach der Verfassung 1970 nicht ein weiteres Mal antreten hatte dürfen, mit einem verfassungsmäßigen Trick eine weitere Präsidentschaft zu ermöglichen. Der Kongress sollte für Jorge Alessandri stimmen, der im Gegenzug zurücktreten würde. Neuwahlen sollten eine Wiederwahl Freis bringen. Die CIA plante, dafür Kongressmitglieder zu bestechen.

Marxisten hätten sich nicht provozieren lassen

ITT diskutierte mit Jorge Alessandris engstem Berater, Arturo Matte, die Möglichkeiten, eine Wahl Allendes zu verhindern. Eine konstitutionelle Lösung hätte durch massive interne Unruhen, Streiks und "städtische und ländliche Kriegsführung" herbeigeführt werden können, die eine Intervention der Armee moralisch gerechtfertigt erscheinen hätte lassen. "Die Marxisten" hätten sich aber nicht provozieren lassen: "Du kannst ihnen auf der Straße ins Gesicht spucken", habe Matte gesagt, "und sie werden danke sagen."

Die Schlussfolgerungen dieser Diskussion waren folgende: Frei würde nicht ohne Bedrohung der Verfassung handeln, also musste für diese Bedrohung "durch Provokation auf die eine oder andere Art gesorgt werden". ITT bot an, Geld oder andere Notwendigkeiten zur Verfügung zu stellen.

Druck auf Unternehmen, Investitionen zu kürzen

Auch die Strategen in Washington waren zunehmend überzeugt davon, dass nur eine ökonomische Krise eine Situation für einen Staatsstreich herbeiführen würde. Die USA sperrten Kredite, übten Druck auf Unternehmen aus, die Investitionen zu kürzen, und traten an andere Länder für eine Kooperation in diesem Unterfangen heran.

Die ökonomische Offensive gegen Chile im Rahmen von track I sollte die internationale Reaktion im Falle einer Regierungsübernahme Allendes zeigen. Auf track II machte die CIA zwischen 5. und 20. Oktober 1970 21 Kontakte zu Schlüsselfiguren in Armee und Polizei. Der führende Armeekommandant Rene Schneider weigerte sich jedoch, gegen die Verfassung tätig zu werden. Schneider zu "neutralisieren" erschien folglich als Voraussetzung für einen Staatsstreich. Zwei Tage vor der Wahl im Kongress wurde General Schneider erschossen. Die Bemühungen der US-Regierung schlugen fehl. Salvador Allende wurde am 24. Oktober 1970 zum Präsidenten gewählt.

1970-1973: US-Regierung gegen Präsident Salvador Allende

Die US-Regierung setzte die Wirtschafts- und Propagandakriegsführung nach Allendes Wahl fort. Neben der bilateralen Blockade sollte die chilenische Ökonomie durch finanzielle Austrocknung weiter unter Druck geraten. "Die blanken Zahlen erzählen die Geschichte", heißt es in einem Report für den US-Senat: Die USA nutzten ihre "beherrschende Position in internationalen Finanzinstitutionen, um den Fluss von neuen multilateralen Krediten oder anderer finanzieller Hilfe auszutrocknen". Ob die Vorgehensweise der USA und der multilateralen Finanzinstitutionen politisch motiviert war oder ökonomisch, blieb Gegenstand von Diskussionen. Laut Senatsbericht erschien es klar, "dass die amerikanische ökonomische Politik mehr durch politische Opposition gegen das Allende-Regime geleitet war als durch reine technische Beurteilung von Chiles Finanzen".

USA bilden weiter chilenische Soldaten aus

Die USA hielten nach der Regierungsübernahme Allendes den engen Kontakt zum chilenischen Militär aufrecht und fuhren fort, chilenische Soldaten auszubilden. Die CIA startete ein Programm der Infiltration in die chilenische Armee, dessen Ziel ein Staatsstreich war. Der Staatsstreichversuch einer Rebellengruppe am 29. Juni 1973 schlug fehl, bevor schließlich jene Gruppe um Augusto Pinochet die Regierung Allende am 11. September 1973 stürzte.

Die US-Beteiligung an diesem speziellen Umsturzversuch blieb ein Disput. Der Sturz der Regierung Allende war jedenfalls erklärtes Ziel der US-Regierung gewesen. (DER STANDARD, Printausgabe, 6. 9. 2003)

Von Rudy Weißenbacher
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Danilo Bartulin, rechts, Leibarzt und Chef der Leibwache, lebt heute auf Kuba, die beiden Leibwächter sind verschollen, Allende starb kurz nach dem Verlassen seines Palastes. Und der Fotograf ist bis heute anonym geblieben.

Share if you care.