Nie mehr Schule - nach Feierabend

16. September 2003, 18:49
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SP-Chef Gusenbauer und Bildungsministerin Gehrer im STANDARD- Streitgespräch über Reformen im Schulwesen

Die Ganztagsschule für alle ist noch immer ein rotes Tuch für Schwarze. Das Streitgespräch zwischen SP-Chef Alfred Gusenbauer und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer moderierte Martina Salomon.

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STANDARD: Jahrelang war die Schule ideologischer Kampfplatz zwischen SPÖ und ÖVP. Gibt's auch jetzt noch bildungspolitische Knackpunkte?

Gusenbauer: Offensichtlich! Wenn zum Beispiel Innenminister Ernst Strasser im STANDARD-Gespräch meint, Ganztagsschulen führten zu vandalisierenden Jugendlichen in den Großstädten, habe ich das Gefühl, dass er die bildungspolitische Debatte der letzten Jahrzehnte nicht mitverfolgt hat. Ein höherer Anteil an Ganztagsschulen führt zu besseren Ergebnissen - siehe Pisa-Sieger Finnland.

Gehrer: Ganztagsschule hieße: In ganz Österreich sind - zentral verordnet - alle Kinder den ganzen Tag in der Schule. Dafür bin ich nicht. Wir wollen Tagesbetreuung und Lernhilfe weiter ausbauen. Nach der Pisa-Studie ist die Qualität und nicht die Organisation für den Erfolg ausschlaggebend.

Gusenbauer: Das Modell der Halbtagsschule führt dazu, dass sich soziale Unterschiede stark auf das Bildungsniveau der Kinder auswirken. In Österreich ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Akademikerkind wieder Akademiker wird, um ein Vielfaches höher als bei einem Arbeiterkind. Auch das Ausmaß der Nachhilfestunden ist eine gewisse Defizitanzeige.

Gehrer: Ich wünsche mir genauso, dass man die Nachhilfe zurückdrängt. Ich sage: Jedem Kind beste Chancen. Aber über eine Ganztagsschule löse ich nicht die Frage der Schülerbelastung. Die löse ich, indem ich die Entrümpelung des Lehrplans ernst nehme und Leistungsstandards definiere.

Gusenbauer: Die Ganztagsschule mit einer Vermischung von Unterricht, Förderung, Sport und Kultur stellt eine geringere Schülerbelastung dar als der jetzt sehr stark verdichtete Vormittagsteil. Meine Vision wäre: Wenn Schüler und Lehrer fünf Tage lang um 16.30 Uhr nach Hause gehen, dann sollte das Thema Schule für sie erledigt sein - was natürlich nach sich zieht, dass der Lehrer-Arbeitsplatz die Schule sein sollte. Selbstredend sind da bauliche Veränderungen notwendig. Das würde gemeinsame Betreuung von Schulstufen ermöglichen und arbeitsteilige Vorbereitung des Unterrichts. Ich habe den Eindruck, dass wir sehr viele leere Kilometer machen, weil das bei uns sehr stark individualisiert ist. Könnten wir uns darauf einigen: Vermehren wir die Zahl öffentlicher Ganztagsschulen als eines von mehreren Angeboten?

Gehrer: Es spielt sich nicht ganz so ab, wie Sie das glauben: dass es einen starren Unterrichts- und einen Freizeitblock gibt. Sorgen wir für die besten Angebote, aber auf der Wahlfreiheit bestehe ich.

STANDARD: Und der Ganztagsarbeitsplatz Schule? Das hat übrigens auch Ihr Koalitionspartner im Sommer gefordert.

Gehrer: Haben S' schon wieder ein Spargelessen mit Jörg Haider gehabt?

Gusenbauer: Spargel ist ein Saisongemüse ...

Gehrer: Nein, im Ernst: Erstens ist das eine Raumfrage. Zweitens: Das, was Landeshauptmann Haider fordert, ist eine Veränderung des Dienstrechts. Herr Gusenbauer verlangt mehr Teamarbeit, und das wäre schon etwas, was wir anstreben sollten. Wobei wir nicht davon ausgehen können, dass die gesamte Vorbereitung in der Schule stattfinden kann.

STANDARD: Wäre ein Kurssystem für Oberstufenschüler sinnvoll?

Gehrer: Ich habe in diesem Zusammenhang Schulversuche angeregt. Ein Kurssystem könnte vor der Matura den Vorteil bringen, dass man ein paar Fächer abhaken und sich dann auf seine Kernfächer konzentrieren kann. Das wäre mir ein Anliegen. Gusenbauer: Das halte ich für einen absolut positiven Schritt. Die Auseinandersetzung mit der individuellen Begabung ist etwas sehr Entscheidendes. Wir sollten nicht danach selektieren, was jemand nicht kann, sondern danach, was jemand kann.

STANDARD: Es gibt einen Run von der Volksschule aufs Gymnasium, dem offenbar zu wenig Angebot gegenüber steht.

Gehrer: Wir werden die Gymnasien weiter ausbauen. Die Frage ist nur: Wie stark erweitere ich alles, wenn ich weiß, dass wir in wenigen Jahren sehr viel weniger Schüler haben werden?

Gusenbauer: Das ist für jene, die jetzt im Ausbildungsalter sind, aber wenig tröstend.

Gehrer: Es werden alle einen Ausbildungsplatz bekommen.

STANDARD: Herr Gusenbauer, Sie haben Ihr Kind im Lycée. Dort gibt es nach dem französischen Schulwesen eine Zentralmatura. Fänden Sie das auch für Österreich gut?

Gusenbauer: Gewisse Dinge finde ich am französischen Schulwesen gut: ständige Leistungsfeststellungen etwa. Weil das so normal ist, gibt es den in Österreich üblichen Schularbeitsstress nicht. Die Zielsetzung Zentralmatura als Anreiz für die Schulen halte ich für völlig richtig.

Gehrer: Da widersprechen Sie aber ihrer eigenen Argumentation: Man kann nicht einerseits eine Zentralmatura verlangen und andererseits fordern, dass individuelle Begabungen berücksichtigt werden. Ich bin aber für vergleichbare Standards.

STANDARD: Was bedeutet Elite für Sie beide?

Gusenbauer: Eliten sind in einer Gesellschaft wichtig und notwendig. Nur muss man sich im Klaren darüber sein, dass von der Elite niemand leben kann. Die weltweit erfolgreichsten Volkswirtschaften sind jene, die es schaffen, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung in ihrer bildungsmäßigen Entwicklung mitzunehmen.

STANDARD: Wir haben keine Nobelpreisträger ...

Gehrer: Die sind aber nicht die Elite in einer Gesellschaft. Menschen mit Führungsqualität, die eine gute Ausbildung haben und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen - die braucht's.

STANDARD: In einigen Jahren wird man Schulen wegen Kindermangels schließen müssen. Braucht's nicht doch eine Politik, die sagt: Mehr Kinder sind wünschenswert?

Gusenbauer: Natürlich sind mehr Kinder wünschenswert. Aber das muss eine individuelle Entscheidung bleiben. Die Politik muss Rahmenbedingung schaffen. Ich verstehe nicht, warum sich Österreich nicht Best-Practice-Modelle in anderen Ländern mit höherer Geburtenrate anschaut, zum Beispiel Frankreich.

STANDARD: Frau Minister, tut Ihnen Ihre "Party"-Ansage Leid?

Gehrer: Überhaupt nicht. Ich habe niemandem etwas vorgeworfen. Die Frage ist, wie wir der Jugend helfen können, ihren durchaus vorhandenen Kinderwunsch zu verwirklichen. Bei der Kinderbetreuung sind auch die Kommunen und die Länder gefordert. Ganz wichtig sind mir flexible Arbeitszeitmodelle.

Gusenbauer: Von der Politik bekommt die Jugend aber die Message: Für euch wird's schwieriger, und am Ende gibt's noch weniger Pension.

Gehrer: Lassen wir die Kirche im Dorf. Wir haben noch immer eine niedrigere Jugendarbeitslosigkeit als beispielsweise das hochgelobte Finnland mit seinem guten Schulsystem. Zeigen wir auch auf, welche Chancen Jugendliche in diesem wachsenden Europa haben. In zehn Jahren werden wir uns fragen: Wo bekommen wir die guten Fachkräfte her? Da rufe ich Sie dann an! (DER STANDARD, Printausgabe, 6./7. 9.2003)

  • SPÖ-Chef Gusenbauer wünscht sich Ganztagsschulen, in denen Lehrer und Schüler den vollen Tag verbringen - aber danach müsste alles erledigt sein. Ministerin Gehrer hat dagegen Vorbehalte. Dissens herrscht auch bei der Zentralmatura
    foto: standard/cremer

    SPÖ-Chef Gusenbauer wünscht sich Ganztagsschulen, in denen Lehrer und Schüler den vollen Tag verbringen - aber danach müsste alles erledigt sein. Ministerin Gehrer hat dagegen Vorbehalte. Dissens herrscht auch bei der Zentralmatura

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