Null Chancen

10. September 2003, 19:22
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Die USA sind an einem Vertrag für einen Atomteststopp nicht interessiert - von Gudrun Harrer

Die Konferenz, die heute in Wien beginnt, trägt einen sperrigen Titel und hat ein noch sperrigeres Ziel: die "Conference on Facilitating the Entry into Force of the Comprehensive Nuclear-Test-Ban-Treaty", also eine Konferenz, die es "erleichtern" soll, dass der umfassende Atomteststopp-Vertrag (CTBT) von 1996 in Kraft tritt. Die Chancen, dass dies in absehbarer Zeit geschieht, sind indes gleich null. Selbst wenn das Wunder geschähe und die Atomteststopp-Behörde Länder wie Indien, Pakistan, Nordkorea, Israel, Iran, China und die anderen weniger schweren Fälle mit Engelszungen überreden könnte, den Vertrag zu unterschreiben beziehungsweise zu ratifizieren, ein Staat bliebe über, ohne den er nie gültig wird: die USA.

Die Republikaner sahen darin, dass Bill Clinton den Vertrag 1996 - übrigens mit der Füllfeder von John F. Kennedy - unterschrieb, einen gefährlichen Sündenfall: den Verzicht auf ein für die Rüstung wesentliches Instrument. Denn dass neue Atomwaffen ohne kritische Tests jemals in die US-Waffenarsenale aufgenommen werden könnten, ist unwahrscheinlich - und natürlich gerade auch eine der Absichten des CTBT, neben jener, Nichtatomwaffenstaaten mangels Testmöglichkeiten den Weg zu Atomwaffen zu erschweren.

Die US-Regierung hat bereits vor einiger Zeit ihren Plan verkündet, die Forschung an einsetzbaren kleinen Atomwaffen (Mini-Nukes) wieder aufzunehmen. Ein zweites Forschungsziel ist die Verkürzung der technisch benötigten Zeitspanne zwischen der Entscheidung für einen Atomtest und dessen Durchführung, die heute bis zu drei Jahre beträgt. Was nichts anderes heißt, als dass, selbst wenn US-Präsident Bush erst in seiner zweiten Amtszeit Tests durchführen wollte, die Entscheidung dafür bald fallen müsste - bei nicht garantierter Wiederwahl. Es ist aber durchaus möglich, dass nach dem 11. September 2001 auch ein demokratischer Präsident zu dieser Frage anders steht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2003)

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