Rundschau: Zombies mit Migrationshintergrund

    Ansichtssache14. Juni 2014, 10:00
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    50 Jahre Science Fiction bei Heyne plus Romane von Larry Niven, Ursula K. Le Guin, Karl Schroeder und Jeff VanderMeer

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    coverfoto: tor books

    David Walton: "Quintessence"

    Broschiert, 320 Seiten, Tor Books 2014

    Ich weiß nicht, woher's kommt, aber ich hatte mal wieder Lust auf ein Abenteuer zur See. Eines aus der Zeit, als Abenteuer noch wirklich abenteuerlich waren. Als die Erde noch eine flache Scheibe war und der Ozean von riesigen Meeresungeheuern wimmelte, die Schiffe mit Mann und Maus ins Verderben zogen.

    Das Szenario

    Und David Walton liefert. Ein US-amerikanischer Autor, der ab den Nuller Jahren eine ganze Reihe von Erzählungen querbeet durch SF und Fantasy veröffentlicht hat, bei uns aber noch weitgehend unbekannt ist. Mit "Quintessence" führt er uns ins 16. Jahrhundert, also mitten ins sogenannte Zeitalter der Entdeckungen - geografischer ebenso wie wissenschaftlicher. Der neuzeitliche Paradigmenwandel, beginnender Kolonialismus und religiöse Konflikte (in England hat gerade die blutige Phase vor der Regentschaft Elizabeths begonnen): All das klingt in "Quintessence" an.

    ... und doch gibt es in dieser Alternate History, die bis zur Handlungszeit ganz dem Verlauf unserer Geschichte gefolgt ist, einen entscheidenden Unterschied. All das, was man sich in unserer Realität über das Wesen der Welt so zusammenspann, existiert hier wirklich - und wird nun in der Ära der Entdeckungsfahrten auch gefunden: Der Rand der Welt, die Quelle der ewigen Jugend, die Möglichkeit beliebige Materie in Gold zu verwandeln ... absonderlich fremde Tiere und kostbare Gewürze gibt's gratis obendrauf.

    Die Hauptfiguren und ihre Weltanschauungen

    Im Prolog des Romans kehrt eine Expedition aus dem mythischen Westen nach England zurück. Was sie mitgebracht hat - und nicht zuletzt die exotische Weise, in der sämtliche Expeditionsmitglieder auf der Heimfahrt zu Tode gekommen sind -, scheucht den großen Alchemisten Christopher Sinclair auf. Er setzt alles daran, umgehend eine neue Expedition auszuschicken, und schreckt dabei vor keinem Mittel zurück. Sinclair ist ein ebenso monomanischer wie extrem manipulativer Charakter - und doch, das sei hier betont, macht Walton ihn nicht zum Bösewicht des Romans.

    Der Arzt Stephen Parris kriegt Sinclairs Skrupellosigkeit am eigenen Leib zu spüren. Immerhin verliert er dank Sinclair seine Existenzgrundlage, wodurch ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als sich der Expedition anzuschließen. Familienmensch Parris ist deutlich geerdeter als Sinclair - mag er seine Ehefrau auch gelegentlich in Rage bringen, wenn mal wieder eine Leiche zum Sezieren auf dem Küchentisch liegt. Zugleich verkörpern die beiden zwei unterschiedliche Prinzipien: Sinclair steht für die Alchemie (die in dieser Welt allerdings funktioniert) samt ihrer Geheimniskrämerei und ihres Einzelgängertums. Parris hingegen praktiziert Wissenschaft im modernen Sinne - und betont ausdrücklich die Bedeutung von Informationsaustausch und Vernetzung. Der Konflikt zwischen diesen beiden Sichtweisen wird sich in vielfältiger Weise durch den ganzen Roman ziehen.

    Und so sticht der Segler "Western Star" ein weiteres Mal gen Westen in See. Mit an Bord ist nicht nur eine Gruppe protestantischer Kolonisten, die vor der neuen katholischen Königin Mary und der auch nach England geschwappten Inquisition flüchten. Da wäre auch noch Parris' Teenager-Tochter Catherine, die sich so gar nicht mit der zeittypischen Frauenrolle als Heimchen am Herd abfinden will, sondern ihrerseits ein Interesse an der Wissenschaft hegt. Dazu wird sie noch reichlich Gelegenheit bekommen - vor allem deshalb, weil auch ein blinder (und unsichtbarer) Passagier mitreist, der sich seinerzeit bei der Vorgängerexpedition an Bord geschlichen hat: Ein Bewohner des Landes im Westen, wo der Ozean in Kaskaden ins Nichts stürzt. Und er ist kein Mensch, sondern ein intelligenter Mantikor.

    We're not in Kansas anymore

    Mantikore bleiben zugleich Waltons einziger Zugriff auf das bestehende mythologische Arsenal. Ansonsten erweist sich sein Fantasy-Szenario als erfreulich originell. Wenn beispielsweise ein gebirgsgroßer Behemoth über dem Meer schwebt und von Schwärmen räuberischer Fische mit Metallknochen attackiert wird, dann hat das mehr mit Wayne D. Barlowes "Alien Planet" als mit herkömmlicher Fantasyfauna zu tun.

    Wunder über Wunder warten in der Neuen Welt, und verantwortlich dafür ist das, wonach Sinclair sein ganzes Leben gesucht hat: Die Materia prima, eben die Quintessence der Welt, die an deren Rand viel stärker wirkt als daheim in Europa. Wer sie beherrscht, kann physikalische Eigenschaften nach Belieben ändern - etwa unsichtbar werden, sein Gewicht und seine atomare Zusammensetzung wechseln und sogar Tote aus dem Jenseits zurückholen. Und all das tut die Fauna und Flora des Landes im Westen auch. Wo sich in unserer Welt im isolierten Australien ein evolutionärer Wettlauf in Sachen Giftigkeit entsponnen hat, wird hier der Einsatz von Quintessence zu immer neuen tollen Effekten getrieben.

    ... überaus praktischen Effekten manchmal. Und die Neo-Siedler machen sich diese Effekte nicht nur zunutze, rasch entwickeln sie auch eigene Anwendungen: bis hin zur Quantenverschränkung und der Erzeugung eines Schwarzen Lochs. All das aber stets fußend auf Paracelsus' Lehre von den "Urstoffen", nicht schlecht! Und so ganz nebenbei erschließt sich einigen von ihnen dabei das Wesen der Welt: He spun, astonished, the wonder of this sight taking his attention from the danger of the situation. Sinclair had discovered this, and yet not told them? This was more than just seeing invisible creatures. It was an invisible world. He had no doubt he was seeing the connection between the quintessence of the stars and life on earth, the source of all this island's magic.

    Großer Spaß

    Die Lust am Entdecken trägt den Roman ebenso wie die Konflikte, die sich zwischen den Hauptfiguren aufgrund ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen ergeben. "Quintessence" ist damit die längste Zeit spannend genug, ohne ein herkömmliches Gut-Böse-Szenario zu bemühen. Da fand ich es dann fast ein wenig schade, wenn schließlich doch noch eine Schiffsladung Schurken angeschwommen kommt. Aber gut, der Autor wollte halt einen Showdown (und lässt's dafür auch gewaltig krachen).

    David Walton ist kein Neal Stephenson. Trotz der zahlreichen geschichtlichen und wissenschaftshistorischen Themen, die hier angerissen werden, bleibt "Quintessence" in erster Linie ein großes Seemannsgarn. Aber eines von der sehr unterhaltsamen Sorte. Und wer gerne noch mehr Abenteuer dieser Art lesen würde, für den gibt's eine gute Nachricht: Der Nachfolgeband "Quintessence Sky" ist ebenfalls bereits erschienen.

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