Rundschau: Zombies mit Migrationshintergrund

    Ansichtssache14. Juni 2014, 10:00
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    50 Jahre Science Fiction bei Heyne plus Romane von Larry Niven, Ursula K. Le Guin, Karl Schroeder und Jeff VanderMeer

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    coverfoto: heyne

    Ursula K. Le Guin: "Die linke Hand der Dunkelheit"

    Broschiert, 397 Seiten, € 9,30, Heyne 2014 (Original: "The Left Hand of Darkness", 1969)

    Hier also der Klassiker schlechthin in dieser Rundschau und ein Meilenstein in mehrfacher Hinsicht. Das 1969 erschienene "The Left Hand of Darkness" bedeutete nicht nur den Durchbruch für die große Ursula K. Le Guin als Autorin. Der Hugo- und Nebula-gekrönte Roman war auch ein wegweisendes Werk in Sachen feministischer und genderbewusster Science Fiction. Wie wegweisend, merkt man(n) unter anderem daran, dass heutige SF-LeserInnen diese Ausrichtung gar nicht als sonderlich auffällig empfinden dürften. Eine solche Selbstverständlichkeit musste aber erst einmal errungen werden - und eine der Pionierinnen war eben Ursula K. Le Guin.

    Der Plot

    Im Grunde seines Herzens ist "Die linke Hand der Dunkelheit" ein klassisches planetares Abenteuer. Inklusive eines wochenlangen Gewaltmarsches über eine Welt, die gerade eine Eiszeit durchlebt. Hier auf Gethen - von galaktischen BesucherInnen bezeichnenderweise "Winter" genannt - kennt man wirklich dutzende verschiedene Ausdrücke für Schnee ... und Le Guin nennt sie ungefähr alle. Neben den vielen anderen, oft diskutierten Stärken des Romans sollte man auch nicht vergessen, dass diese fiktive Welt mit außerordentlicher Liebe zum Detail ausgestaltet wurde. Was mit einem ebenso gedrechselten wie fließenden Stil einhergeht, der eine erstaunliche Informationsdichte transportiert. Sobald man erst einmal in Le Guins Flow ist, ein echter Genuss!

    Gethen ist noch in Einzelstaaten gegliedert, zwei davon lernen wir kennen: Karhide, ein recht heterogenes Königreich, in dem sich alles darum dreht, das Gesicht zu wahren. Und die nüchtern-bürokratische Commensalität von Orgoreyn, die etwas fortgeschrittener wirkt - wovon man sich aber nicht täuschen lassen sollte. Obwohl man auf Gethen alles eher langsam angeht und nicht mal Ansätze zum Sprung in den Weltraum zeigt, ist man draußen in der Galaxis längst auf die Welt aufmerksam geworden. Der Roman gehört zum "Ökumene"-Zyklus, in dem eine über mehrere Planeten verstreute Menschheit einen zwanglosen Bund eingegangen ist. Die Erde ist darin übrigens nicht die Urheimat der Menschen, sondern eine der Welten, auf denen die "Saat" der Menschheit ausgestreut wurde.

    Die Hauptfiguren

    Genly Ai ist der Abgesandte der Ökumene, der die BewohnerInnen von Gethen zu einem Beitritt bewegen soll - im Alleingang, weil man vonseiten der Ökumene keine Invasionsängste wecken will. Trotzdem hat Ai erhebliche Schwierigkeiten, sein Anliegen vorzubringen: Erst in Karhide, dann im vermeintlich aufgeschlosseneren Orgoreyn, wo Ai in politischem Hickhack, dann im Arbeitslager und schließlich auf einem Trek übers ewige Eis landet.

    Hilfe erhält er ausgerechnet von jemandem, dem er die längste Zeit misstraut hat: dem in Karhide in Ungnade gefallenen Lord Estraven. Der Roman ist ganz wesentlich auch die Geschichte der freundschaftlichen Annäherung zwischen zwei Menschen, die erst einmal eine Menge von Hürden zu überwinden haben. Die Missverständnisse, die sich zwischen den beiden immer wieder ergeben, sind ihren völlig unterschiedlichen Denkweisen geschuldet und bieten viel Raum zum Philosophieren - ein typisches Element von Social SF.

    Die Sache mit der Ambisexualität

    Der wesentlichste Faktor - und der, der den Roman berühmt gemacht hat - ist der Umstand, dass die Menschen von Gethen als einzige im bekannten Universum "ambisexuell" sind. Die meiste Zeit leben sie in einem androgynen Zustand. Etwa einmal im Monat geraten sie dann in die Kemmer: Sie werden sexuell aktiv und nehmen - vorausgesetzt, es ist ein Partner vorhanden - einen "männlichen" oder "weiblichen" Zustand an ... Bezeichnungen, die für sie natürlich nicht existieren. Jemand, der wie Ai seine Sexualität non-stop (eigentlich buchstäblich) vor sich herträgt, wird bei ihnen als "pervers" belächelt.

    Obwohl Ai aus einer aufgeschlossenen Gesellschaft kommt, bereitet ihm dies einige Probleme. Immer wieder interpretiert er optische Merkmale, aber auch Verhaltensweisen oder Ansichten einzelner PlanetarierInnen als "maskulin" oder "feminin". Was natürlich völlig absurd ist - erst recht, wenn seine Bewertungen ein- und derselben Person von Situation zu Situation wechseln - und zeigt, wie sehr er trotz seiner Offenheit doch in seinem bipolaren Denken gefangen bleibt.

    Ein interessantes Detail noch: Le Guin bezeichnet die Menschen von Gethen durchgehend als "er". Geschlechtsneutrale Pronomen gab es zwar auch schon zu der Zeit, als sie den Roman schrieb. Aber die Verwendung wurde erst später (ein bisschen) gebräuchlicher. Kunstwörter wie "ys" in Ian McDonalds "Cyberabad" etwa (und dazu ist noch niemandem die Bezeichnung "feministische SF" eingefallen). Aber nicht nur in der Literatur, sondern auch in der realen Welt. So gab es vor zwei Jahren erst in Schweden eine politische Diskussion um die Verwendung des Neo-Pronomens "hen" statt "han" (er) und "hon" (sie). Die Welt hat sich fürwahr weitergedreht.

    Gründlich nachgedacht, mit Esprit formuliert

    Neuartige sexuelle Erfahrungen lässt Le Guin ihren Protagonisten übrigens nicht machen, falls das jetzt jemand vermuten sollte. Stattdessen spinnt sie den Gedanken einer weitgehend eingeschlechtlichen Gesellschaft ohne "natürliches" Rollenverhalten weiter und überlegt, was eine solche Grundlage für soziale Auswirkungen haben könnte. Der Sexualität wird Raum gegeben, reichlich Raum, aber sozusagen ein separater Raum. Die Gesellschaft von Gethen ist in ihren alltäglichen Funktionen und ihrer Kontinuität frei von Konflikten, die ihren Ursprung in der Sexualität haben. Oder: Man bedenke: Eine Einteilung der Menschheit in stärkere und schwächere Hälfte, in Beschützer und Beschützte, in Beherrschende und Beherrschte, in Eigentümer und Eigentum, in Aktive und Passive existiert nicht.

    Es wird sogar gemutmaßt, dass es auf Gethen vielleicht deswegen (noch) keine Kriege gibt - obwohl sich Le Guin ein Hintertürchen offen lässt, um nicht einseitig-ideologisch rüberzukommen, und die harschen Umweltbedingungen Gethens als alternative Erklärung dafür anbietet, warum man sich hier einfach keine Kriege leisten kann. In dem Zusammenhang fallen übrigens immer wieder Sätze wie Zucker - siehe etwa diese Passage hier: Nein, er wollte etwas Unfehlbares, die unfehlbare, schnellste und dauerhafteste Methode, ein Volk zu einer Nation zusammenzuschweißen: den Krieg. Seine Vorstellungen in dieser Hinsicht konnten bestimmt nicht allzu präzise sein, aber sie waren logisch. Das einzige andere Mittel, ein Volk in seiner Gesamtheit schnell zu mobilisieren, ist eine neue Religion; es war gerade keine zur Hand, also musste er es mit einem Krieg versuchen.

    Und so liest sich der Roman wegen seiner Intelligenz überaus vergnüglich - das fängt schon im Vorwort an, das dem Roman seit den Ausgaben von 1976 vorangestellt wurde. Etwa wenn sich Le Guin über das der Science Fiction gerne angedichtete Vorhersagepotenzial in Sachen gesellschaftlicher Fehlentwicklungen lustig macht und SF mit Gesundheitsstudien unter Laborbedingungen vergleicht: Wenn man es bis zum logischen Extrem treibt, wird so ziemlich alles deprimierend, wenn nicht krebsbildend. Word! Nach all den Jahrzehnten immer noch hervorragende Lektüre - ein Klassiker eben.

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