Rundschau: Zombies mit Migrationshintergrund

    Ansichtssache14. Juni 2014, 10:00
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    50 Jahre Science Fiction bei Heyne plus Romane von Larry Niven, Ursula K. Le Guin, Karl Schroeder und Jeff VanderMeer

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    coverfoto: rowohlt

    Lauren Beukes: "Shining Girls"

    Klappenbroschur, 398 Seiten, € 15,50, Rowohlt 2014 (Original: "The Shining Girls", 2012)

    Die südafrikanische Autorin Lauren Beukes hat sich mit ihren ersten Genreromanen rasch in die Herzen von Kritik und Publikum geschrieben: 2008 "Moxyland" (Science Fiction), gefolgt von "Zoo City" (Alternate History mit Fantasy-Elementen) und schließlich "The Shining Girls". Dass dieses Werk als erstes ins Deutsche übersetzt wurde, liegt wohl weniger daran, dass es im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht mehr in Beukes Heimatland angesiedelt ist. Sondern eher daran, dass es seine Genrezugehörigkeit so durchlässig gestaltet, um auch für ein Mainstreampublikum lesbar zu bleiben.

    Dabei ist es nicht nur - siehe Coverzusatz - ein "Thriller", sondern auch eine Zeitreisegeschichte. Zudem eine von der besonders gelungenen Sorte: Schon lange mehr kein derart hermetisch in sich geschlossenes Geflecht von rückwirkenden Kausalitäten gelesen. Das ist beeindruckend!

    Duell durch die Dekaden

    "Shining Girls" ist ein sich über knapp 400 Seiten erstreckendes Duell zweier Hauptfiguren, deren eine zunächst noch ein nichtsahnendes Kind ist: die 1967 geborene Kirby Mazrachi aus Chicago. Bei der ersten Begegnung mit ihrem späteren Gegner - einer verstörenden Vorahnung auf Späteres - ist sie erst sechs, zeigt aber schon Ansätze eines starken Charakters. Beukes gelingt es, Kirby als plastische Figur zu zeichnen. Kirbys Gegenspieler hingegen wird weitgehend eine Leerstelle bleiben, doch das gehört unmittelbar zur Anlage des Romans.

    Harper Curtis heißt dieser Mann. Er lebt ebenfalls in Chicago - und zwar zur Zeit der Großen Depression der 30er Jahre. Über seinen Hintergrund erfahren wir kaum etwas - zumindest aber, dass er schon einige Menschenleben auf dem Gewissen hat, bevor aus ihm ein Frauen-Serienmörder wird.

    ... also zu einer Zeit, in der Begriffe wie bevor und danach noch Sinn machen. Denn das ändert sich an dem Tag, an dem Harper von einer (inneren oder äußeren?) Stimme zu einem verlassenen Haus am Stadtrand geführt wird. In diesem Haus findet er nicht nur eine Sammlung von Gegenständen aus verschiedenen Zeitaltern, die sich in seiner Vorstellung zu einem Muster verknüpfen. Er stellt auch fest, dass er das Haus zu verschiedenen Zeitebenen hin verlassen kann. Beim Durchschreiten der Haustür kann er nach Belieben jeden Tag von 1929 bis 1993 betreten. Darüberhinaus kann er nicht pendeln (aus gutem Grund, wie sich am Schluss zeigen wird). Aber diesen Spielraum nutzt er aus und mordet sich durch die Dekaden.

    Die Opfer

    Unter seinen Opfern - den "Shining Girls" des Titels - finden sich so unterschiedliche Frauen wie Zora, eine Schweißerin aus dem Zweiten Weltkrieg. Die lesbische Architektin Willie aus der McCarthy-Ära, die in Angst vor politischer Verfolgung lebt. Oder Margot, die Anfang der 70er Jahre Beistand bei Schwangerschaftsabbrüchen leistet, als diese noch illegal sind. Stets hinterlässt Harper einen Alltagsgegenstand bei seinen Opfern, den er der seltsamen Kollektion des Hauses entnommen hat, und nimmt dafür ein anderes "Souvenir" mit.

    Es scheint kein verbindendes Element zwischen all diesen Frauen zu geben - bis auf den Umstand, dass sie alle entschlossen waren, etwas aus ihrem Leben zu machen. Selbst wenn sie dies auf so selbstzerstörerische Weise taten wie Nackttänzerin Klara aus den 30ern, die ihren Körper mit Radium einpinselte, damit er schön leuchtet. Ein rein metaphorisches Leuchten hingegen ist es, das Harper zu seinen Opfern zieht und das er auslöschen will.

    Die Rächerin

    Auch Kirby wurde Jahre nach ihrer ersten Begegnung mit Harper zu seinem Opfer - allerdings hat sie als Einzige mit knapper Not überlebt. Körperlich und seelisch gezeichnet, ist sie wild entschlossen Harper aufzuspüren. Um an Archiv-Wissen zu gelangen (wir sind noch in der Prä-Internet-Ära), beginnt sie ein Praktikum bei einer Zeitung. Woraus sich auch noch eine rührende Doch-nicht-Liebesgeschichte mit dem g'standenen Sportreporter Dan Velasquez entspinnt, aber das sei nur am Rande erwähnt. Die Atmosphäre in einem Newsroom der auslaufenden analogen Ära zeichnet Beukes übrigens ebenso nachlebbar wie Kirbys vielschichtige Beziehung zu ihrer Mutter - eine der Stärken der Autorin.

    Kirby recherchiert indes unerbittlich weiter - hat aber natürlich solange keine Chance Harper zu finden, wie sie am gewohnten chronologischen Denken festhält. Wie sollte sie auch wissen, dass die Ereignisse für Harper einen völlig anderen Zeitablauf haben als für den Rest der Menschheit?

    Kein simpler Krimi

    Dass das als "Thriller" deklarierte "Shining Girls" diese Zeitsprünge mitabsolviert, mag eine erste Hürde für KrimileserInnen sein. Mehr noch als der Aufbau könnte sie aber stören, dass ihnen hier nicht die krimitypischen Informationen zu Motiv und Täterpsychologie geliefert werden. Harper tut das, was er tut, weil er es schon getan hat. Bezeichnend eine Passage, in der er am äußersten Ende seines zeitlichen Reisespektrums eine Leiche in einem Müllcontainer verstecken will - und feststellt, dass schon jemand drinliegt, den er noch gar nicht getötet hat. Was ihn jedoch keine Sekunde lang stutzig macht: Das sollte Harper überraschen. Aber seine Vorstellungskraft ist begrenzt. Diese Leiche ist hier, weil es so sein soll, und das genügt.

    In Zeitreisephilosophie versierte SF-LeserInnen werden mit dem Konzept von self-fulfilling prophecies und Kausalschleifen sicher keine Probleme haben. Und für sie liefert Beukes ein Beispiel exzellenter Konstruktion ab, in der am Ende alle sich selbst bedingenden Faktoren ineinandergreifen. Ok, bis auf den einen Umstand, dass ungeklärt bleibt, warum das Haus Zeitreisen überhaupt ermöglicht. Aber man kann ja nicht alles haben. - Ende des Jahres wird Rowohlt übrigens auch "Zoo City" auf Deutsch herausbringen, das darf man sich schon mal im Kalender eintragen!

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