Rundschau: Zombies mit Migrationshintergrund

    Ansichtssache14. Juni 2014, 10:00
    56 Postings

    50 Jahre Science Fiction bei Heyne plus Romane von Larry Niven, Ursula K. Le Guin, Karl Schroeder und Jeff VanderMeer

    Bild 11 von 11
    coverfoto: farrar, strauß and giroux

    Jeff VanderMeer: "Authority"

    Broschiert, 341 Seiten, FSG 2014

    Und zum Abschluss noch einmal Paranoia total! Nach "Annihilation", dem genialen Auftaktband von Jeff VanderMeers "Southern Reach"-Trilogie, war die Neugierde ja groß, wie der Autor das Spannungslevel aufrechterhalten will. Er tut es, indem er einen Kontrapunkt setzt: "Authority" reflektiert die Geschehnisse aus Band 1 aus einer neuen Perspektive, stürzt dabei einiges an vermeintlich gesichertem Wissen um und gibt tatsächlich einige Antworten. Die aber umgehend noch mehr Fragen aufwerfen.

    Andere Perspektive ...

    Für ein Werk, das seinen Reiz daraus bezieht, dass es so vieles im Vagen belässt, grenzt es fast schon an einen Infodump, wenn auch mal ein paar harte Zahlen und Fakten geliefert werden. 32 Jahre ist es mittlerweile her, dass sich an irgendeinem entlegenen Küstenstreifen - vermutlich im Südosten der USA - die Area X manifestiert hat: Ein 70 Meilen langes Gebiet, das von einer (fast) unsichtbaren Barriere umgeben ist, die bis in die Stratosphäre reicht. Wer zuvor dort gewohnt hatte, ist ebenso verschwunden wie alle sonstigen Anzeichen der Zivilisation. Area X präsentiert sich als unberührte Wildnis, deren Natur aber irgendeine schwer in Worte zu fassende Fremdheit ausstrahlt. Und diese Fremdheit scheint auch von all denen Besitz zu ergreifen, die Area X betreten.

    38 Expeditionen hat die als "Southern Reach" bezeichnete Behörde bereits in die Region geschickt; offiziell zugegeben werden nur zwölf. Die wenigen Rückkehrer waren zumeist körperlich, vor allem aber geistig für den Rest ihres Lebens gezeichnet. "Annihilation" schilderte die Erlebnisse der "zwölften" Expedition. Da deren Mitglieder im Verlauf von Band 1 entweder gestorben oder verschwunden sind, ist es keine Überraschung, dass "Authority" neue Hauptpersonen einführt. Sehr wohl stellt es aber eine Überraschung dar, dass drei der vier Frauen der Expedition nun trotzdem wieder da sind. Oder zumindest etwas, das so aussieht wie sie.

    ... einer neuen Hauptfigur

    Wir teilen also das mulmige Gefühl, das John Rodriguez alias "Control" befällt, wenn er die Biologin (die Erzählerin von Band 1) nach ihren Erlebnissen befragt, an die sie sich angeblich nur bruchstückhaft erinnern kann. Die Konfrontationen mit ihr bringen ihn regelmäßig aus dem Gleichgewicht ... als wäre das nicht ohnehin schon fragil genug. Als neuer Direktor von Southern Reach hat Control nicht nur mit den Mysterien von Area X zu kämpfen, sondern auch mit Widerständen von Seiten des alten Personals und jeder Menge seltsamer Verhaltensweisen seiner MitarbeiterInnen. Zudem wird er von persönlichen Dämonen geplagt, und das nicht nur in den beunruhigenden Träumen, die ihn nachts befallen.

    Control stammt aus einer alten Geheimdienstdynastie. Seine Mutter stellt sich uns als geheimnisvolle Strippenzieherin im Hintergrund dar, Controls Verhältnis zu ihr ist gelinde gesagt ambivalent. Control's mother often seemed to him like a flash of light across a distant night sky. Here and gone, gone and here, and always remembered; perhaps wondered what it had been - what had caused the light. But you couldn't truly know it. Manchmal wirken Controls Assoziationen wie die Ausgeburten einer geradezu kindlichen Fantasie - etwa wenn er mit seinem anonymen Vorgesetzten "Voice" via Handy kommuniziert und sich ihn/sie als Megalodon vorstellt, der in einem wortwörtlichen Think Tank schwimmt.

    Und natürlich ist es für Controls geistige Stabilität nicht förderlich, dass er nun für eine ebenso kafkaeske wie heruntergekommen wirkende Behörde arbeitet, deren Angehörige allesamt nicht ganz dicht zu sein scheinen. Rivalisierende Geheimdienst-Fraktionen, Doppelidentitäten, Angst machendes Beweismaterial, Geheimnisse, wohin man nur schaut, Lauschangriffe und Manipulation durch Hypnose: All das fügt dem literarischen Mix von Band 1 nun noch eine Prise John le Carré hinzu. "Authority" unterscheidet sich zwar im Setting von "Annihilation", behält aber den wichtigsten Faktor bei: das Gefühl, entrückt zu sein, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

    Die Macht der Worte

    "Terroir" wird zu einem zentralen Begriff des Romans, gemeint ist die Gesamtheit aller Faktoren, die an einem bestimmten Ort wirksam sind. In Band 1 war dieser Ort Area X, nun ist es die Southern-Reach-Behörde selbst. Und sie erweist sich als um keinen Deut weniger unheimlich oder surreal als die fremd gewordene Natur draußen. Warum hat sich Controls Amtsvorgängerin als Psychologin in die letzte Expedition eingeschmuggelt? (Sie war also die Kontrahentin der Erzählerin von Band 1, wie wir nun ganz beiläufig erfahren.) Warum hat sie eine mumifizierte Maus und eine nicht tot zu kriegende Pflanze aus Area X in ihrem Schreibtisch aufbewahrt? Und warum hat sie die Wände mit denselben Sätzen vollgekritzelt, die man in Band 1 im Inneren von Area X, geschrieben von einem nicht-menschlichen Wesen, vorgefunden hatte?

    ... unverständliche, an eine Beschwörung erinnernde Sätze, die man bei Southern Reach genauso ungern ausspricht wie das Wort "Aliens", das hier erstmals zögerlich fällt. Denn Worten wohnt eine Macht inne, die das Denken verändern könnte. Daran sollte man übrigens auch bei der Lektüre denken: Wie ein paar gekonnte Wortspiele zeigen, ist Sprache für Jeff VanderMeer kein bloßes Transportvehikel für den Plot; seine Bücher fordern aufmerksames Lesen.

    Bald auch auf Deutsch erhältlich!

    Dafür, dass Mittelteile meistens der schwächste Part von Trilogien sind (Setting und Plot sind etabliert, Höhepunkt und Auflösung müssen aber noch warten), versteht es "Authority", ordentlich zu fesseln. Denn ohne es zu bemerken, geraten nach und nach alle unter den Einfluss dessen, was sie nur zu studieren glauben. Und Area X beginnt sich zu verändern - da stehen im dritten Teil noch große Dinge bevor.

    Der Abschlussteil "Acceptance" wird Anfang September erscheinen. Nahezu zeitgleich - gute Nachrichten für alle, die wegen VanderMeers intensiver Sprache vor der Originallektüre zurückschrecken - wird der Verlag Antje Kunstmann mit "Auslöschung" die Trilogie in deutscher Übersetzung starten.

    Und so geht es weiter

    In der nächsten Rundschau singen wir nicht den Post-WM-Blues, sondern - endlich!!! - die Wasserstoffsonate. Zwei Autoren, die ich sehr schätze - Daryl Gregory und Will McIntosh -, haben Neues herausgebracht. Und die eine oder andere Überraschung (auch für mich) wird es bis dahin wohl auch noch geben. "Bis dahin" ist gleichbedeutend mit "Bitte um etwas Geduld": Soccer kills the Lesezeit. Für Ungeduldige wird aber über die übliche Verlinkung aus dem Forum heraus das Gerüst der nächsten Rundschau zugänglich sein - angehende UrlauberInnen können sich da vielleicht noch rechtzeitig den einen oder anderen Strandbuchtipp vorab abholen. (Josefson, derStandard.at, 14. 6. 2014)

    Share if you care.