Frankreich: Armengräber für die Opfer

27. August 2003, 12:31
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Angehörige Hunderter Hitzetoter gesucht

Paris - Hunderte Hitzetote in Frankreich werden offenbar noch gar nicht von ihren Angehörigen vermisst. Allein in Paris gebe es mehr als 300 Leichen, um die sich noch keine Familie gekümmert habe, sagte der französische Staatssekretär für Senioren, Hubert Falco, dem Rundfunksender RMC Info am Montag.

"300 Familien ist nicht aufgefallen, dass ihre Oma, ihr Opa oder ihre Mutter gestorben ist. Das ist schockierend", betonte er weiter. Dies sei ein Zeichen für die soziale Erschlaffung in Frankreich. Mehr als 5000 Menschen, vielleicht sogar 10.000, sollen an den Folgen der extremen Hitze in den ersten beiden Augustwochen gestorben sein.

Gesucht: Angehörige "vergessener" Leichen

Seit Montag seien in Paris mehrere Dutzend Mitarbeiter der Sozialdienste damit beschäftigt, die Angehörigen dieser "vergessenen" Leichen zu finden. Falco wies außerdem die Kritik von Opposition und Öffentlichkeit zurück, die Regierung sei für den Tod der Menschen verantwortlich: "Die Gemeinschaft trägt die Verantwortung, nicht nur die Regierung." Dennoch versprach er, dass die Regierung trotz leerer öffentlicher Kassen versuchen werde, Mittel für die bessere Versorgung der Senioren in Frankreich zur Verfügung zu stellen.

Armengräber

Die Toten, deren Angehörige sich bisher nicht gemeldet haben, sollen zunächst in so genannten Armengräbern beigesetzt werden. Damit soll der Druck auf die völlig überforderten Bestattungsunternehmen gemildert werden. Der Pariser Polizeichef Jean-Paul Proust dementierte Medienberichte, die Toten könnten in einem Massengrab bestattet werden.

Der mehrwöchigen Hitze mit Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius waren vor allem ältere Menschen durch Dehydrierung zum Opfer gefallen. Etwa die Hälfte starb in personell unterbesetzten Altersheimen und Krankenhäusern. In der Folge war das Gesundheitssystem in die Kritik geraten. Präsident Jacques Chirac räumte Fehler ein und sicherte, zu alles zu tun, um Unzulänglichkeiten auszuräumen. Die Altenheimbetreiber forderten mehr Geld, da der Sparkurs, zu dem sie derzeit gezwungen seien, entscheidend für die Hitzetragödie verantwortlich sei. (dpa/DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2003)

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