Tussi im Plattenbau

25. August 2003, 10:00
posten

Eine Mentalitätsgeschichte zwischen Ost und West: Friedrich Anis neuer Krimi "Gottes Tochter"

Friedrich Ani gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Krimiautoren und das, obwohl er nicht gerade Mainstream ist. Mit seinem vielfach gebrochenen Kommissar Tabor Süden, der in der Vermisstenstelle der Polizei arbeitet, weil er am Trauma seines eigenen verschwundenen Vaters leidet, hat er eine kauzige, von existenzieller Verzweiflung gepackte Figur geschaffen. Außerdem ist Ani ein anerkannter Jugendbuchautor, was man auch am vorliegenden Text merkt.

Beide Elemente zusammengenommen, plus den Ossi-Wessi-Graben, ergibt Anis neuen Hardcover-Roman. Julika (Deutschland West) hat auf den Tag ihres achtzehnten Geburtstages gewartet, an dem sie sich endlich aus ihrem restriktiv-öden Elternhaus davonmachen kann. Jetzt gilt sie als erwachsen; niemand kann ihr verbieten, zu ihrem Freund in den Osten zu ziehen. Verliebt hat sie sich in den unsäglichen Rico, einen eher dumpfen, auf jeden Fall schwer kommunikationsgestörten Glatzenfan. Julika taucht in dessen Plattenbau in Rostock auf und will mit Rico endlich zu leben beginnen.

Ricos Clique ist indessen nicht begeistert von der ahnungslosen West-Tussi, die die eingeschworene Gemeinschaft zu stören droht. Man hat nämlich gemeinsame Abenteuer bestanden, über die glücklicherweise das Gras gewachsen ist. Julika hat keine Ahnung, dass es hier normal ist, dass saufende Glatzenbrüder Ausländer terrorisieren; wenn die dann aus Panik aus dem Fenster springen, kann ja niemand etwas dafür.

Die Exekutive wiederum toleriert lieber die eigenen Gewalttäter, als gemeinsame Sache mit den Westlern zu machen, die mit großen Sprüchen und null Ahnung ihre schöne neue Welt durchsetzen wollen. Demgemäß stößt auch der aus reiner Neugier ermittelnde Tabor Süden auf wenig Gegenliebe bei den Kollegen. Die sind nämlich sehr empfindlich was vermeintliche Besserwisser angeht.

Anis Figuren sind meist sprachlos, emotional instabil, sozial inkompetent und haben ein hohes Aggressionspotenzial. Paradigmatisch dafür steht Rico, dem es angesichts westlicher, aberwitzig überquellender Konsumtempel buchstäblich den letzten Rest Sprache verschlägt, der sich aber blitzschnell zu einem Diebstahl entschließt und das Gestohlene einem Penner überlässt.

"Wir waren wie Haustiere, die in den Wald mussten", beschreibt Ricos allein erziehende Mutter die Zeit der "Wenderei". Irgendwie sind sie immer noch im finsteren Wald. Und Tabor Süden begreift, "dass die Fremde, in der er sich befand, eine dreifache Fremde war. Er war nicht nur einer aus dem Westen, der im eigenen Land ein immer noch unbekanntes Territorium betrat. Er war nicht nur ein Polizist, der unter besseren, zeitgemäßen Bedingungen arbeitete und schon immer gearbeitet hatte. Er war vor allem ein Mensch, dessen Empfindungen und Schlussfolgerungen einer inneren Freiheit entsprangen, die er von Kindesbeinen an für selbstverständlich gehalten hatte."

So wird die Geschichte über eine jugendliche Ausreißerin zu einerm Stück Mentalitätsgeschichte: anschaulich, grausam und abgrundtief traurig. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2003)

Von Ingeborg Sperl
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Friedrich Ani:
    Gottes Tochter
    € 20,50/396 Seiten.
    Droemer, München 2003.

Share if you care.