Machtkampf in Bonn

6. Oktober 2003, 15:54
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"Familienkreise" erwies sich als Glücksfall von einem Fernsehfilm im Hauptabendprogramm der ARD

"Mutti", "Papa" und ihre beiden erwachsenen Söhne treffen in ihrem Haus in Bonn aufeinander. Anlass der unfreiwilligen Reunion in der ehemaligen Hauptstadt ist die unerwartete Rückkehr des Vaters nach seiner langjährigen Tätigkeit als Auslandskorrespondent.

Das anfällige Beziehungsgeflecht, die notdürftig etablierten Strukturen innerhalb der Restfamilie geraten in Konfrontation mit dem autoritären, wortgewaltigen Heimkehrer in Bewegung: "Familienkreise" von Stefan Krohmer (Buch: Daniel Nocke), der diese langsame Verschiebung von Standpunkten und festgefahrener Rollenverteilung in ruhigen Einstellungen nachzeichnete, erwies sich als Glücksfall von einem Fernsehfilm im Mittwochhauptabendprogramm der ARD. Götz George agierte als egomanischer Patriarch, Jutta Lampe gelassen als seine Ehefrau, Tobias Oertel und Hans-Jochen Wagner als ungleiches Brüderpaar.

Wagner stand schon bei Krohmers letztem Film vor der Kamera: "Sie haben Knut", ein gruppendynamisches Kammerspiel, das mit genauer Figurenzeichnung und Ensembleführung beeindruckte. In "Familienkreise" - der sich auch durch sparsamen Musikeinsatz wohltuend von gängigen "TV-Movies" unterschied - gelangen dem Regisseur neuerlich Gemeinschaftsszenen, in denen der Machtkampf noch ganz subtil aus Nebensätzen oder Blicken schimmerte.

Dazwischen und daneben: alltägliche Räume, Aufnahmen aus der Gegenwart deutscher Städte, die gelungene Verortung einer Familiengeschichte. (irr/DER STANDARD, Printausgabe, 22.8.2003)

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