Rundschau: Bube, Dame, Werwolf, Ass

    Ansichtssache26. April 2014, 10:00
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    MacGyver auf dem Mars und andere neue SF-Romane von Adam Roberts, Karen Lord und Benjamin Percy

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    coverfoto: heyne

    Adam Sternbergh: "Spademan"

    Klappenbroschur, 304 Seiten, € 15,50, Heyne 2014 (Original: "Shovel Ready", 2014)

    So schnell kann's gehen: Erst heuer im Original erschienen, schon übersetzt - und eine Verfilmung mit Denzel Washington in der Hauptrolle steht auch bereits an. Falls bei diesem Tempo jemand zur Vermutung kommt, dass "Spademan" nicht ganz so komplex wie Neal Stephensons Barock-Zyklus sein dürfte, dann hat er damit durchaus recht.

    Fauliger Big Apple

    In seinem ersten Roman zeichnet US-Autor Adam Sternbergh ein New York, das den bisherigen Tiefpunkt seiner Geschichte in den 70er Jahren noch einmal unterbietet. Nachdem auf dem Times Square eine schmutzige Bombe explodiert ist und einige kleinere Attentate gefolgt sind, hat man die Innenstadt de facto aufgegeben. Während sich die weniger Betuchten inmitten von Verfall und Gesetzlosigkeit durchgfretten, sind die Reichen geflüchtet. Entweder in die Vorstädte oder - hier der große Unterschied zu den Seventies - in virtuelle Realitäten.

    Warum sich die High Society entschieden hat, wie eingestöpselte Maden in ihren Wohntürmen mitten im Notstandsgebiet herumzuliegen und sich darauf zu verlassen, dass regelmäßig eine Krankenschwester vorbeischaut, hat sich mir den ganzen Roman über nicht wirklich erschlossen - Reiche sind in der Regel nicht dafür bekannt, dass sie sich freiwillig in ihren Handlungsmöglichkeiten einschränken lassen. Andererseits bringt das dem Roman eine Prise Cyberpunk, und hey: Spätestens in der Verfilmung spielen Logiklöcher eh keinerlei Rolle mehr. Ich sag nur "Surrogates".

    Halb so zynisch

    Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans ist der "Spademan" des Titels, ein ehemaliger Müllmann, der seine Frau beim Anschlag auf den Times Square verloren hat. In die Killer-Branche ist er eher zufällig gerutscht, hat dort aber inzwischen einen Ruf wie Donnerhall. Sein jüngster Auftrag kommt vom Fernsehprediger T. K. Harrow und gilt dessen 18-jähriger Tochter Grace Chastity (Eigenbezeichnung: "Persephone"). Es wird niemanden groß überraschen, dass dieses Szenario auf den bekannten Plot "männlicher Killer verschont weibliches Zielobjekt" hinausläuft. Aber damit ist ja auch erst der Anfang gemacht. Für Spannung sorgen in der Folge die Fragen: Wurde Persephone wirklich von ihrem Vater geschwängert? Und was hat es mit dem virtuellen Himmel auf sich, den der Prediger unter dem Schlagwort Gepflastert mit Gold propagiert?

    Präsens, Ich-Form, kurze Sätze: "Spademan" der Roman und Spademan der Mann geben sich lakonisch. Beziehungsweise hardboiled. Aber ähnlich wie bei Warren Ellis ist es typischer Zeitgeist-Hardcore, was der Autor - im Hauptberuf ein Kulturjournalist - hier abliefert. "Ich töte Männer. Und ich töte Frauen, denn ich will nicht diskriminierend erscheinen", prangt als Zitat auf der Buchrückseite. Minderjährige hingegen werden verschont, da ist der Killer, der stets betont, sich nicht für die Motive seiner KundInnen zu interessieren, penibler als jeder Disco-Türsteher. Er weist sogar mehrmals darauf hin, dass man neben Schwangeren nicht raucht und formuliert schon mal unerwartet verschämt: Die junge Grace Chastity probiert Sexspielzeuge aus. Lässt sie an bestimmten Orten verschwinden. Huch, was mögen das wohl für Orte sein ...

    Aufs Publikum geschielt

    Streckenweise habe ich mir beim Lesen gedacht: Woher kenne ich nur diese Art zu sprechen? Und dann ist's mir eingefallen: von Dieter Nuhr. Immer wenn der Spademan über die eigentliche Handlung hinausschaut und Kommentare zum Hintergrund abgibt, schlägt er diesen geistreich sein wollenden Auskenner-Tonfall an, wie er für Stand-up-Comedians typisch ist. Sie wirken weniger wie Flüchtlingslager, eher wie eine Art großes Pfadfindertreffen. Tamburine, Jonglierbälle, Footbags. Diesen Dingern kann selbst ein nuklearer Winter nichts anhaben: Ein kleiner, sandgefüllter Ball, mit dem vor einem verbrannten Horizont gespielt wird - dann wissen wir, dass die Zivilisation und die Hippiemusik überlebt haben.

    Vor allem im ersten Teil des Romans bricht in Adam Sternbergh immer wieder der Feuilletonist durch, danach klingt das zum Glück ab: Sei es, dass ihm die Bonmots ausgegangen sind oder dass er sich dann stärker aufs Geschehen konzentriert. Klarerer Fokus, ernsterer Ton und ein paar bittere Background-Stories von Nebenfiguren: Das ist es, was "Spademan" letztlich rettet. Von wirklich "hard" ist der bei "Heyne Hardcore" erschienene Roman trotzdem Lichtjahre entfernt.

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