Rundschau: Bube, Dame, Werwolf, Ass

    Ansichtssache26. April 2014, 10:00
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    MacGyver auf dem Mars und andere neue SF-Romane von Adam Roberts, Karen Lord und Benjamin Percy

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    coverfoto: atlantis

    Uwe Post: "SchrottT"

    Broschiert, 229 Seiten, € 13,30, Atlantis 2013

    In der voraussichtlich letzten Rundschau-Ausgabe vor Bekanntgabe des heurigen Kurd-Laßwitz-Preises nutze ich schnell noch die Möglichkeit, das zweite Buch neben Karsten Kruschels "Vilm. Das Dickicht" vorzustellen, das von mir Punkte in der Kategorie "Bester Roman" bekommt. Sollte Uwe Post gewinnen, wäre es nicht das erste Mal: 2011 hatte er mit "Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes" neben dem KLP auch den Deutschen Science Fiction Preis abgeräumt. Zuvor war er mit dem irrwitzigen "Symbiose" für beide nominiert gewesen.

    Neue Mächte braucht das Land

    Wer Posts frühere Werke kennt, wird nicht überrascht sein, dass auch "SchrottT" auf eine Satire hinausläuft. Thema ist diesmal einer der prägenden Trends unserer Gegenwart: der Ausverkauf öffentlich-rechtlicher Verantwortung. Der erreicht in Deutschland im Jahr 2022 unter großem medialen Gedöns einen neuen Höhepunkt. Die Bundesländer versteigern die Sicherheitsrechte inklusive Polizeigewalt an den jeweils Höchstbietenden. Zu den Organisationen, die sich das leisten können und sich in der Folge jeweils ein Bundesland krallen, gehören unter anderem die Cosa Nostra, Scientology und der Vatikan. Überwachung ("Kryptografie ist Terrorismus!") und Privatisierung samt dem daraus resultierenden Niedergang der Infrastruktur haben sich endgültig durchgesetzt.

    Dass die neuen Exekutivkräfte nicht das alte Grundgesetz vertreten, sondern die gesellschaftlichen Regeln verändern, bekommt die Hauptfigur des Romans, der Teenager Colin Weinland, am eigenen Leib zu spüren - auch buchstäblich, zunächst aber noch indirekt. Da in seinem heimatlichen Baden-Württemberg - jetzt einer Mafia-Domäne - eine strikte "Frauen-an-den-Herd"-Ideologie herrscht, muss seine alleinerziehende Mutter aus rein wirtschaftlichen Erwägungen eine Ehe eingehen. 

    Colins neuer Stiefvater Länglich ist der Chef einer Sicherheitsfirma und wird gegen Ende noch zum großen Antagonisten des Romans und gleichsam zur Personifizierung des Systems aufgebaut. Diese Zuspitzung im Showdown ist für mich übrigens die einzige Schwäche des Romans, also handle ich sie gleich jetzt ab. Wirkt für mich einfach zu simplifizierend - aber zugegebenermaßen muss es für Post auch schwer gewesen sein, aus seinem gesamtgesellschaftlichen Schreckensszenario irgendwie wieder rauszukommen.

    Hey Hey, My My, Rock 'n' Roll Can Never Die

    Colin jedenfalls findet einen Ausweg, indem er in eine "Crap Metal"-Band einsteigt, die dank einer spontanen Eingabe Colins einen Internet-Hit landet und sofort auf Tour geschickt wird: Zusammen mit seinen Bandkollegen James Bond und Tier (der Originalsänger wurde zuvor verhaftet und verschwindet auf Nimmerwiedersehen), ihrem Manager, einem undurchsichtigen Musikjournalisten und dem Groupie Blondy, das übrigens mehr Köpfchen hat als alle anderen zusammen.

    Mit ihrem Denglish ("Früher we were free") scheinen SchrottT nebenbei bemerkt ein paar Anleihen bei Ja, Panik genommen zu haben. Und auch wenn die SchrottT-Tour letztlich nur dazu dient, uns LeserInnen eine Rundreise durch das bizarre Deutschland der 2020er Jahre zu ermöglichen, ist die Musik nicht ganz bedeutungslos. Ähnlich wie einst in Norman Spinrads "Little Heroes" werden wir in eine Welt des extremen ökonomischen Zynismus geschmissen, in der ein letzter Funke Glaube an die Authentizität des Rock und dessen Potenzial zur Rebellion trotzdem noch nicht erloschen ist. Und wenn's nur der Autor ist, der daran glaubt.

    Colin hinter den Spiegeln

    Eine Tournee nennt man's, de facto ist es eine Dauerflucht, auf der sich die sechs befinden. Vor dem Zugriff von Schweizergardisten oder eines Porno-Konzerns, vor der chinesischen Arbeitsbürokratie, der "Nigeria-Connection", esoterischen Nazis, peinlichen Provinzbonzen mit real existierenden Machtbefugnissen und der Angst, in den nie fertig werdenden Stuttgarter Hauptbahnhof einbetoniert zu werden. Kurz: Vor allem, was Posts gnadenlos überzeichnetes Szenario so für unsere unfreiwilligen HeldInnen bereithält. Fassen wir diese wilde Achterbahnfahrt am besten in Posts eigenen Worten zusammen:

    "Vor ein paar Tagen sind wir um ein Haar vor eine Art Hexengericht geschleift worden, in Chemnitz hatte ich den teuersten Orgasmus meines Lebens - ich glaube, fünf Lebensjahre hat er mich mindestens gekostet -, und das bloß, weil mir irgendjemand vermutlich eine von diesen Euro-XKom-Patronen unter die Vorhaut geschoben hat, ohne dass ich es bemerkt habe. Und jetzt lässt mich mein Stiefvater von Nigerianern in gepanzerten Mercedes-Limousinen zur Hohensyburg geleiten, um mir die dortige Kirche zu zeigen." Colin holte Luft. "Soll ich nicht lieber glauben, dass ich eine Romanfigur bin, die sich ein Wahnsinniger ausgedacht hat, der mal herausfinden wollte, was mit einem harmlosen Musiker passiert, wenn man ihn in eine Art neumittelalterliches Albtraumland versetzt?"

    Schön böse

    Das ist soweit aber nur die halbe Wahrheit zu "SchrottT". Denn all diese Stationen sind nur Rückblicke, zwischen denen der nicht-chronologisch erzählte Roman zu einer Gegenwartsebene zurückwechselt, auf der Colin unter kafkaesken Umständen gefoltert und verhört wird (von wem, werden wir erst am Schluss als extra-zynische Pointe erfahren). Und hier wird es besonders perfide. Denn trotz aller Brutalität verliert Colin seinen Galgenhumor nicht, zudem verleiht seine von Drogen und Schmerzen verzerrte Wahrnehmung dem blutigen Geschehen eine extra-surreale Note. Das Ergebnis: An der Oberfläche haben wir jede Menge Situationskomik, Gags und Wortspiele, ganz wie man es von Uwe Post kennt. Darunter aber lauert das Grauen. Mit einer Form, die zum Lachen reizt, und einem Inhalt, der für Beklemmungen sorgt, fährt Post eine fiese kommunikative Doppelstrategie.

    "SchrottT" ist eine bitterböse Satire, überdrehter als Almodóvar und trotzdem immer wieder ins Schwarze treffend. Colin denkt, was auch der Leser denkt: Das ist alles zu absurd, um wahr zu sein ... bis die nächste Faust in seinem Gesicht landet. Und wenn zwischendurch mal etwas glimpflich zu verlaufen scheint, kann man sich darauf verlassen, dass prompt eine Leiche auftauchen wird. Ich stimme für ein Sequel!

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