Rundschau: Bube, Dame, Werwolf, Ass

    Ansichtssache26. April 2014, 10:00
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    MacGyver auf dem Mars und andere neue SF-Romane von Adam Roberts, Karen Lord und Benjamin Percy

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    coverfoto: gollancz

    Adam Roberts: "Twenty Trillion Leagues Under the Sea"

    Gebundene Ausgabe, 306 Seiten, Gollancz 2014

    Ich bin gerührt. Offenbar verbindet mich mit Adam Roberts dieselbe Kindheitsenttäuschung über Jules Vernes "20.000 Meilen unter dem Meer": Die sind ja horizontal gemeint, so ein Beschiss. Wie Roberts in einem Interview bekundete, fühlte auch er sich einst vom Titel des SF-Klassikers betrogen - und fand darin die Motivation für seinen Roman "Twenty Trillion Leagues Under the Sea". Und darauf darf man sich beim Meister der High-Concept-Literatur verlassen: Hier geht es über die volle genannte Länge nach unten.

    Die Prämisse ist also schon mal großartig. Erinnert mich an Rhys Hughes' Kurzgeschichte "The Old House Under the Snow", in der ein Haus im Schnee versinkt, auf dem Dach eines anderen, größeren liegenbleibt, dann zusammen mit diesem tiefer sinkt und immer so weiter - bis die Dimensionen der Häuser irgendwann die der Erde übertreffen. Oder auch an Greg Bears Roman "Äon" mit einem Asteroiden, in dessen Innerem sich ein Korridor befindet, der weit über die Ausmaße des Asteroiden selbst hinausreicht.

    Zur Handlung

    1958 startet das französische Atom-U-Boot "Plongeur" mit seiner neunköpfigen Crew und drei Gästen an Bord in den Atlantik; schon dem Prolog können wir entnehmen, dass danach nie wieder von ihm gehört ward. So ganz ist übrigens nicht sicher, ob es sich dabei um unser 1958 handelt, denn in ein paar Details scheint die Romanwelt doch von unserer abzuweichen. So wird z. B. einmal eine gewisse "Joan Keats" erwähnt, und das ist kein Vertippser, denn es ist explizit von einer poetess die Rede. Wirklich eine Rolle spielt das aber nicht, vielleicht wollte sich Roberts bloß einen Spaß erlauben (Denn nicht vergessen: Neben seinen ernsteren Genrewerken ist der Brite auch der Autor von Parodien wie "Der kleine Hobbnix").

    Angeführt wird die rein französische und rein männliche Redshirt-Crew vom rauschebärtigen Kapitän Adam Cloche, der - ganz der Patriarch klassischen Zuschnitts - auf Einhaltung der Regeln und seine Autorität pocht. Den Bart erwähne ich übrigens deshalb, weil er noch für einen tollen Spezialeffekt sorgen wird. Und später dennoch von einem noch viel spektakuläreren Bart in den Schatten gestellt werden wird ... Cloche jedenfalls schmeckt es gar nicht, dass einer seiner drei Passagiere - neben zwei indischen Wissenschaftern - seinen Rang als Nummer 1 der Expedition nur bedingt akzeptiert: Der undurchsichtige Alain Lebret ist als Beobachter und Verbindungsmann zur Regierung mit an Bord. Dass er einst im Vichy-Regime eine leitende Position innehatte, macht ihn in den Augen der anderen natürlich noch dubioser.

    Von Anfang an gibt es Spannungen an Bord - politische, rassistische und auch rein persönliche. Die verschärfen sich, wenn gleich drei Bordsysteme synchron ausfallen und die "Plongeur" von ihrem experimentellen Atomantrieb in Tiefen gejagt wird, für die sie nicht gemacht ist. Tragikomisch legen die Männer an Bord kurz vor dem vermeintlichen Ende ihre Lebensbeichten ab ... und stehen dann beklommen herum, denn das Ende bleibt aus. Weder rammt die "Plongeur" den Grund noch wird sie vom Wasserdruck zerquetscht. Stattdessen geht es weiter nach unten. Und weiter. Und weiter.

    Lost under the sea

    Dass der Außendruck schließlich wieder sinkt, ist die erste von vielen physikalischen Unmöglichkeiten (für die es später übrigens noch eine Erklärung geben wird, keine Sorge!). Dazu kommen bald seltsame Luftströmungen an Bord, das erratische Verhalten von Flüssigkeiten und natürlich die "simple" Tatsache, dass der Tiefenmesser unmögliche Werte anzeigt: Tiefer als jeder Ozean, tiefer schließlich als der Durchmesser der Erde.

    Und so rätseln sie auf der "Plongeur": Sind sie alle längst tot und hängen in einer letzten Halluzination fest? Wurden sie in ein unendliches Universum aus Wasser (Süßwasser übrigens) versetzt? Oder etwa in den Kopf von Jules Verne? Immerhin scheinen sie die "20.000 Meilen unter dem Meer" und "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" zugleich zu erleben ... Natürlich knüpft Roberts in diesem Verne-Pastiche ans Werk des großen Franzosen an - wie genau, sei hier aber nicht verraten. 

    Der Adams-Effekt

    Nur eines: Es kommt wieder anders, als man denkt. Was erst ein tödliches Psycho-Kammerspiel war, verbunden mit einer immer noch recht straighten Mystery-Handlung, schlägt schließlich ins Metafiktionale und ziemlich Abgehobene um. Gegen Ende erinnert "Twenty Trillion Leagues Under the Sea" an ein Mœbius-Comic - wie übrigens auch die über 30 wundervollen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Mahendra Singh, die den Text schmücken. Das ist kunstvoll und intelligent, genau genommen aber auch ein Genrewechsel. Und den Umstieg muss man auch erst mal packen. 

    Erst ist man von der Prämisse und deren stilistischer Umsetzung restlos begeistert. (Herrlich etwa die altertümelnd-distinguierte Sprache der Protagonisten, very British trotz französischer Umgebung: There was something unpleasantly insectile about the fellow's motion - quite apart from his hideous appearance.) Zum Schluss bleibt aber wie schon in früheren Werken ("Swiftly", "By Light Alone", "Yellow Blue Tibia") ein diffuses unbefriedigendes Restgefühl zurück. Weil das alles unbestreitbar meisterhaft gemacht, aber wieder mal nicht komplett rund ist. Als würde man den großartigsten Popsong von überhaupt hören, der dann aber nach der Bridge nicht den erlösenden Schlussrefrain bringt, sondern irgendwie anders weitergeht. Mittlerweile nenne ich das den Adam-Roberts-Effekt - und er ist sowas von gewollt!

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