Rundschau: Bube, Dame, Werwolf, Ass

    Ansichtssache26. April 2014, 10:00
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    MacGyver auf dem Mars und andere neue SF-Romane von Adam Roberts, Karen Lord und Benjamin Percy

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    coverfoto: himmelstürmer

    Peter Nathschläger: "Fluchtgemälde"

    Klappenbroschur, 383 Seiten, € 17,40, Himmelstürmer 2014

    Direkt im Anschluss an James Tiptree Jr. scheint mir eine ganz gute Stelle zu sein, den neuen Roman von Peter Nathschläger vorzustellen. Zugegeben, es ist eher Zufall, dass der Wiener Autor in der Rundschau bislang nur mit Kurzgeschichten - also dem Tiptree-Format - vertreten war ("Wo die verlorenen Worte sind"); hauptsächlich schreibt er Romane. Dafür gibt es ein paar andere interessante Parallelen. Bei beiden AutorInnen liegen Liebe und Tod oft nah beieinander, beide haben zudem herkömmliche - oder herkömmlich gewesene - Genderrollen erodiert.

    Fluchten und deren Folgen

    Am verblüffendsten finde ich aber, dass beide ihren persönlichen Fluchtpunkt in Lateinamerika fanden, und gar nicht allzuweit voneinander entfernt: Tiptree im mexikanischen Quintana Roo, Nathschläger auf Kuba. Und sei es die literarische Tradition Lateinamerikas oder seien es die positiven Assoziationen zu diesem Zufluchtsort - die entspannte Teilzeit-Heimat hat sowohl Tiptree als auch Nathschläger (die beide ihre menschheitsausrottend-drastischen Seiten haben) dazu inspiriert, im Stil des Magischen Realismus zu schreiben.

    ... "dem softesten aller Phantastik-Subgenres", hätte ich fast noch ergänzt. Soft ist im beeindruckenden Roman "Fluchtgemälde" allerdings trotz seines poetischen Grundmotivs von Bildern, in die man sich aus der Welt flüchten kann, das wenigste. Und das nicht nur, weil Nathschläger bei den Schilderungen von sowohl Gewalt als auch Sex - übrigens sind sämtliche Protagonisten des Romans schwul - explizit bleibt. Sondern vor allem, weil sich hier auf leisen Sohlen eine waschechte Apokalypse zusammenbraut.

    Virtuelle oder sonstige Weltfluchten sind ein gängiges Motiv in der Phantastik. "Fluchtgemälde" widmet sich allerdings verstärkt der Frage, was aus einer Welt wird, die von so vielen verlassen wird. Denn es sind nicht unbedingt die schlechtesten, die da aus durchaus nachvollziehbaren Gründen flüchten - damit aber auch der Welt all ihr Potenzial, ihre künftigen Leistungen und Interaktionen mit anderen Menschen entziehen (klingt ein bisschen wie eine humanere Variante des katholischen Standpunkts zum Selbstmord ...). Die Antwort, die der Roman gibt: Wenn die Träumer gehen, gerät die Welt aus dem Gleichgewicht, die destruktiven Kräfte gewinnen die Oberhand. Das bekommt eine der Hauptfiguren im ersten Teil des Romans in sehr persönlicher und sehr gewalttätiger Weise am eigenen Leib zu spüren. Im dritten Teil, wenn sich die ganze Realität verändert, spüren es dann alle.

    Drei Teile eines Drittels

    Konstruktion spielt hier eine wesentliche Rolle. "Fluchtgemälde" ist der Abschlussteil einer losen Kuba-Trilogie Nathschlägers, deren vorangegangene Bände "Im Palast des schönsten Schmetterlings" und "Der Falke im Sturm" zum Verständnis aber nicht notwendig sind. Zugleich gliedert sich der Roman seinerseits in drei Teile von Novellenlänge, die untereinander in vielfältiger Weise verbunden sind - ähnlich wie die Korridore, die zwischen den verschiedenen von Gemälden erzeugten Fluchtwelten verlaufen. Und sowohl Teil 1 als auch Teil 2 beginnen damit, dass ein Bild als "Fenster" wahrgenommen wird: Im ersten Fall handelt es sich um den Prototypen einer Fluchtmalerei, im zweiten ist es ein Weg zu neuen Möglichkeiten im übertragenen Sinne - hier findet ein Teenager ein verlorenes Passfoto eines Mitschülers und verliebt sich auf der Stelle.

    Vom Phantastik-Quotienten her sind die drei Teile des Romans recht unterschiedlich: Im ersten dreht sich alles um den Teenager Alejo, der in der Zeit nach der kubanischen Revolution aufwächst und bei einem Babalawo - einer Art Priester-Magier der Santería-Religion - die Kunst der Fluchtmalerei erlernt. Die beschert ihm nicht nur einen Zeitsprung in die 90er Jahre, Alejos Aufzeichnungen sind es auch, die letztlich die apokalyptischen Ereignisse des dritten Teils auslösen. Als verbindendes Element tritt der aus dem Iran stammende Kunsthändler Kouroush auf, der Alejos Notizbuch vervielfältigt, somit seinen Teil zum Verschwinden der Träumer aus der Welt beiträgt und sich deshalb im Abschlussteil auf der Flucht aus einem in Gewalt versinkenden Europa wiederfindet. Inklusive Entführung eines geparkten Passagierflugzeugs. Dass dieser Teil als Hommage an Gabriel García Márquez den Titel "Liebe in Zeiten des Untergangs" trägt, erhält eine ungeplant traurige Note, nachdem der Meister des Magischen Realismus kurz nach dem Erscheinen von Nathschlägers Roman verstorben ist.

    Der Mittelteil indes bleibt weitgehend an der Realität dran, er ist sogar ausdrücklich an Geschehnisse, die sich wirklich ereignet haben, angelehnt: 2005 wurden im Iran die beiden Teenager Mahmoud Asgari und Ayaz Marhoni öffentlich hingerichtet. Offiziell, weil sie einen Minderjährigen vergewaltigt haben sollen - laut der britischen Aktivistengruppe OutRage! hingegen nur deshalb, weil sie ein schwules Liebespaar waren. Zwischen beiden Standpunkten entbrannte eine wilde mediale Kontroverse. Nur darin, dass die Hinrichtung von Jugendlichen an sich verurteilenswert ist, waren sich alle einig. Nathschläger schildert die Geschichte der beiden - einer davon der Neffe Kouroushs - aus seiner Perspektive. Er macht aus seinen Sympathien keinen Hehl, trägt der unklaren Faktenlage aber dennoch weitgehend Rechnung.

    Klare Sprache

    Ähnlich wie bei James Tiptree Jr. oder auch Ray Bradbury geht es Nathschläger selbst bei seinen Ausflügen in die Phantastik nicht nur darum, was erzählt, sondern auch wie es erzählt wird. Die Erzählung verknüpft sprachlich den jugendlichen Überschwang von Figuren wie Alejo, Mahmoud und Ayaz (ständig sexuell unter Strom, das beschreibt ihr Erleben der Welt überaus treffend) mit sinnlichen Schilderungen Kubas - aber auch mit sehr direkter Sprache, wenn es um Sex oder Gewalt geht. Nebenbei bemerkt: Um den Faktor Sprache ausreichend zu würdigen, hätte das Verlagskorrektorat gerne noch ein wenig sorgfältiger sein und diverse Vertippser beseitigen können.

    Schon erstaunlich jedenfalls: Da hat man eine gewollt Testosteron-geschwängerte Metallica-Hommage ("Enter Sandman") und findet darin das Wort "Gesäß" wieder. Oder eine brutale Dystopie ("Asylon"), in der sage und schreibe "vier Buchstaben" zu lesen ist (das werd ich nie vergessen!). Und dann kommt hier etwas daher, das im Kern ein Bündel von Liebesgeschichten ist, in dem aber trotzdem ganz ohne gschamige Umschreibungen Wörter wie "Arsch", "ficken" oder "scheißen" fallen. Who's your daddy! Selbst ein halbes Jahrhundert nach Tabubrecher Philip José Farmer ist die Phantastik tendenziell immer noch um einiges verklemmter als die Mainstreamliteratur.

    Und wenn ich schon ständig den Vergleich strapaziere, dann muss ich abschließend auf den einen gewaltigen Unterschied zwischen Nathschläger und Tiptree auch hinweisen: Nathschläger glaubt an die Liebe und an die Hoffnung, wie "Fluchtgemälde" zeigt. Das war Alice B. Sheldon alias James Tiptree Jr. nie vergönnt. Bis zu ihrem traurigen Ende nicht.

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