Rundschau: Bube, Dame, Werwolf, Ass

    Ansichtssache26. April 2014, 10:00
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    MacGyver auf dem Mars und andere neue SF-Romane von Adam Roberts, Karen Lord und Benjamin Percy

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    coverfoto: p.machinery

    Dirk C. Fleck: "GO! Die Ökodiktatur"

    Broschiert, 211 Seiten, € 21,90, p.machinery 2013

    Und einmal noch Ökologie, sogar mit einem deutschsprachigen Klassiker des Genres. Mit "GO! Die Ökodiktatur" gewann der deutsche Umweltjournalist und schreibende Aktivist Dirk C. Fleck 1994 den Deutschen Science Fiction Preis. Zum 20-jährigen Jubiläum der Erstveröffentlichung hat der Roman beim Verlag p.machinery zu seiner meines Wissens dritten Ausgabe gefunden. Diesmal im extravaganten Hochformat - fast so hoch wie Flecks dauererhobener Zeigefinger. Man sollte "GO!" unbedingt gelesen haben; auch wenn es einem auf mehr als eine Art Bauchweh bereiten wird.

    Rein in die 2040er Jahre, in denen die Erde einen Grad an Verseuchung, Verstrahlung und Verwüstung erreicht hat, der ca. auf halbem Weg zwischen "The Sheep Look Up" und "Soylent Green" liegt. Doch die Zivilisation hat reagiert - mit der Etablierung einer totalitären Diktatur, die alles dem Slogan "Erst die Erde, dann der Mensch" unterordnet. Reisen, Grundbesitz und Fleischkonsum sind verboten, auf Wilderei oder Fischfang steht die Todesstrafe, für jeden gilt der Zwang zur Mitarbeit im großen Renaturierungsprojekt, mit dem man die Erde wieder bewohnbar zu machen hofft.

    Außen pfui, innen ebenso

    Eine besondere Ironie ist, dass just die Staaten, die die Erde einst versaut haben, nun erneut am Drücker sind. In den  Industriestaaten der gemäßigten Klimazone hat vor zwei Jahrzehnten ein Putsch ökologisch gesinnter WissenschafterInnen stattgefunden: Der Beginn von GO!, was offiziell für "Global Observer" steht, nicht umsonst aber wie der Startbefehl für einen Kampfeinsatz klingt. Aus anderen Weltregionen halten sich die GO!-Staaten offiziell raus, tatsächlich aber greifen sie ganz gewaltig ein und sterilisieren die Bevölkerungen ganzer Kontinente. Zudem haben sie sich gegenüber klimatisch benachteiligten Regionen abgeschottet: Die Festung Europa rettet keine Bootsflüchtlinge mehr, sie mäht sie mit dem Maschinengewehr nieder.

    ... nicht dass es den heimischen Bevölkerungen soviel besser ginge, wie der Roman anhand des Beispiels Deutschland schildert. Zu obigen Regeln kommen nämlich noch vielfältige Maßnahmen der Gehirnwäsche dazu: Geschichtsfälschung und das Verbot von Medien, Schauprozesse und Erziehungsrazzien, bei denen BürgerInnen wahllos eingesammelt werden, um ihnen drastisch vor Augen zu führen, wie Schlachthöfe und andere Perversionen der Vergangenheit funktioniert haben. Eine der Figuren aus Flecks großem Ensemble, der junge Percy, hat eine verbotene Spritztour mit einem Auto unternommen - zur Strafe lässt man ihn in einem Simulator erst Abgase einatmen und dann einen Unfall bauen. Einem anderen Protagonisten, dem "Grünhelm"-Soldaten Paul Boon, wird ein Chip eingepflanzt, der seine Aggressionshemmung außer Kraft setzt. Und dann gibt es da noch die für jedermann verpflichtenden Holo-Lessons mit Xenia, einer virtuellen Öko-Domina, die die Bevölkerung mit ihren virtuellen Predigten auf Linie bringt (und dabei Phrasen drischt bis zum Erbrechen).

    Andere Figuren führen uns in die neuen Organisationsformen ein, die sich in den GO!-Staaten etabliert haben. Stadtlager sind die aufgegebenen Großstädte von einst: Jetzt abgeschottete, rechtsfreie Räume, in die nicht nur Systemgegner, sondern auch Strahlenkranke und HIV-Infizierte abgeschoben werden - dafür landen die nicht mehr arbeitstauglichen Angehörigen unserer Generation in Altensiedlungen. Als besondere Blüte seien noch die Meditationskommunen genannt, in denen die Zukunft - das harmonische Miteinander von Mensch und Natur - geboren werden soll. Tatsächlich ergeht man sich dort in haarsträubendem Eso-Quatsch (Kristalle gegen Radioaktivität? Yeah, schickt eine Ladung Turmaline nach Fukushima, schon wird es wieder bewohnbar!). Extra beklemmend, wenn eine Hopi-Frau in einer deutschen Kommune die Weisheit der UreinwohnerInnen verkündet und dabei den Tonfall eines faschistoiden Motivationsgurus anschlägt.

    Der Kontext

    Fleck sendete nach dem Erscheinen seines Romans recht ambivalente Botschaften aus, wie er zu seinem Szenario steht. Im Anhang ist ein Vortragstext enthalten, in dem er zur Ökodiktatur "Man möchte sie sich fast wünschen" sagt. Betonung auf fast. Die GO!-Gesellschaft ist im Roman klar als Dystopie gezeichnet, das darf man nicht übersehen. (Die Position zur Esoterik ist etwas weniger eindeutig - ein Regentanz funktioniert hier zum Beispiel -, das desavouiert sich allerdings eh von selbst.) Andererseits nennt Fleck den Entwurf auch idealistisch nach vorne gedacht ... das ist schon schwerer zu schlucken.

    Flecks Wut über unsere Untätigkeit angesichts der globalen Umweltzerstörung ist mehr als verständlich. Siehe etwa den Stillstand im Klimaschutz, wodurch wir heute in einer schlechteren Position sind als beim Erscheinen dieses Buchs vor 20 Jahren. Eine "Ökodiktatur" sieht Fleck vielleicht nicht als wünschenswert, aber sehr wohl als Menetekel an der Wand: Wenn es mit unserem Weiterwurschteln vorbei ist und wirklich ans Eingemachte geht, dann könnten neue Regeln aufgestellt werden. Und die werden nicht human sein, so Fleck.

    Sprachlicher Overkill

    Über Flecks ökologische Thesen kann man trefflich streiten - allerdings sollte man nicht vergessen, dass er hier einen Roman vorgelegt hat, der auch und vor allem als literarisches Werk zu betrachten ist. Sowohl "GO!" als auch das 2008 erschienene "Tahiti-Projekt" haben den Deutschen Science Fiction Preis gewonnen. Den Preis für die unnatürlichsten Dialoge könnte es aber obendrauf geben, denn nicht immer, doch leider sehr oft sprechen die Romanfiguren nicht, sondern geben - in deklamierendem Tonfall - Informationsmengen wieder. Das wird besonders deutlich im Anhang, wo sich Flecks Vortragstext als über viele Passagen wortgleiches Destillat dessen präsentiert, was zuvor, ökonomisch verteilt, diversen "Figuren" in den Mund gelegt wurde.

    "GO!" ist stilistisch deutlich näher an einem Roman dran als das verkappte Sachbuch "Das Tahiti-Projekt" und enthält auch einige wirklich berührende Passagen: Etwa wenn Jugendliche eine Altensiedlung attackieren und deren BewohnerInnen - als "Autofahrer" beschimpft - demütigen. Oder wenn die zur Systemkritikerin gewordene Iris Blume am Schluss den Konsequenzen ihrer Tat entgegensieht. Trotzdem ächzt auch "GO!" unter einer erdrückenden Last an journalistischem Schlagwortvokabular ("Die Mediengesellschaft ist in das schwarze Loch der Erkenntnis gefallen"). Und wenn es kein Pamphlet, sondern wirklich ein Roman sein will, dann beißt sich das. In seinem Vortrag meinte Fleck zu besagter Medien- und Informationsgesellschaft: Dieses Trommelfeuer macht unsere Köpfe und Herzen taub. Die Informationsflut führt also nicht zu mehr Aufklärung, sondern zu mehr Zynismus und Gleichgültigkeit. Leider gilt das auch für seinen Roman.

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