Rundschau: Bube, Dame, Werwolf, Ass

    Ansichtssache26. April 2014, 10:00
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    MacGyver auf dem Mars und andere neue SF-Romane von Adam Roberts, Karen Lord und Benjamin Percy

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    coverfoto: heyne

    Michael Farris Smith: "Nach dem Sturm"

    Broschiert, 448 Seiten, € 10,30, Heyne 2014 (Original: "Rivers", 2013)

     Alles war kalt und feucht. Oder kalt und nass. Oder kalt und vollgesogen. Oder kalt und unter Wasser. Keine Frage, Michael Farris Smiths "Nach dem Sturm" ist der nasseste Roman seit Brian Keenes "Die Wurmgötter". Überschwemmungen, Dauerregen, Sturm und Gewitter bilden den trüben Hintergrund des Geschehens, das sich im Mississippi einer klimagewandelten nahen Zukunft abspielt. Die nicht enden wollende Abfolge von Hurrikans hat die US-Regierung schließlich dazu gebracht, die Golfküste aufzugeben. Neunzig Meilen im Norden wurde die Linie gezogen, das Gebiet darunter evakuiert. Wer nicht gehen wollte, lebt nun in einer Zone ohne Infrastruktur und ohne all die Rechtsansprüche, die einem US-Bürger normalerweise zustehen.

    Einer, der geblieben ist, heißt Cohen und ist die Hauptfigur des Romans. Frau und Kind hat er verloren, und dennoch wollte er sein Haus mit dem niemals fertiggestellten Zubau - tragisches Symbol von Cohens geplatzten Zukunftsträumen - nicht aufgeben. Auch wenn die Fahrten zur Beschaffung neuer Ausrüstung und Lebensmittel immer beschwerlicher werden. Und gefährlicher: Cohen wird von zwei Jugendlichen überfallen, überlebt mit knapper Not und muss bei seiner Rückkehr nach Hause feststellen, dass sie inzwischen auch sein Eigenheim ausgeplündert haben. Weil sie dabei auch die Schachtel mit den Erinnerungsstücken an seine Frau mitgenommen haben, setzt sich Cohen auf ihre Spur.

    Übersichtlicher Aufbau

    "Nach dem Sturm" gliedert sich in vier Teile. Im ersten ist Cohen noch ganz auf sich gestellt und mit sich selbst beschäftigt. Im zweiten wird er mit einem typisch postapokalyptischen Gegenspieler konfrontiert: Aggie, der es vom Herumtreiber zum Schlangenprediger und nach der Katastrophe zum selbsternannten "Noah" gebracht hat. Was de facto so aussieht, dass er in seinem Trailer-Park Frauen, deren Männer er getötet hat, gefangenhält, vergewaltigt und schwängert. Und zwischendurch mal seine Untergebenen auf Raubzug losschickt - wie die beiden Jugendlichen Mariposa und Evan, an die Cohen geraten ist.

    Im dritten Teil erleben wir den ehemaligen Einzelgänger Cohen als Teil einer Gruppe von Überlebenden, die sich Richtung Norden durchschlägt, im vierten dürfen wir dann endlich einen Blick hinter die Linie werfen. Für mich eher überraschend kam, dass dann auch ein Plot-Element nochmals aufgegriffen wird, das für mich zunächst eher nebensächlich gewirkt hatte: Nämlich Millionen Dollar an Casino-Geldern, die vor der Evakuierung irgendwo vergraben worden sein sollen und auch zwei Jahre später immer noch Glücksritter in den Süden locken.

    Verlorene Vergangenheit

    Der eigentliche Handlungsmotor ist aber trotzdem etwas ganz anderes - nämlich Erinnerungen. Es ist kein Zufall, dass just eine verlorene Souvenir-Schachtel Cohen aus seiner selbstgewählten Isolation reißt und damit alle weiteren Geschehnisse in Gang setzt. Erinnerungen an die Welt davor ziehen sich durch den ganzen Roman. Es gibt ausgedehnte Flashback-Kapitel über eine Reise Cohens und seiner Frau nach Venedig (vielleicht ein wenig gar symbolisch angesichts des ganzen Wassers ...), immer wieder aber auch kurze Passagen, in denen die Romanfiguren die menschenleere Gegenwart betrachten und sie mit der lebendigen Szenerie von früher vergleichen. Als säßen sie vor einer leeren Bühne und füllten sie im Geist mit Darstellern.

    "Nach dem Sturm" enthält eine Reihe berührender Bilder, die die melancholische Stimmung des Romans besonders gut auf den Punkt bringen. Etwa wenn Cohen an den Schutthaufen der Häuser vorbeifährt, die sein Vater und er einst gebaut haben. Wenn er vom Pferd aus auf den Golf schießt - hilfloser Zorn gegen das Meer, das ihm alles genommen hat. Oder wenn er den Hund begräbt, der ihn auf seine Wiederbeschaffungsmission begleitet hat ("Tut mir leid, dass ich dich da mit reingezogen habe."). In solchen Momenten kann der bisherige Kurzgeschichtenautor Michael Farris Smith seine Stärken auch in seinem Romandebüt ausspielen. 

    Und nie mehr wieder geht die Sonne auf

    Was die große Rahmenhandlung anbelangt - nun, das kennt man eigentlich alles schon. Selbst diejenigen LeserInnen, die postapokalyptische Szenarien nur von "The Walking Dead" kennen, werden hier nichts wirklich grundlegend Neues finden. Es ist das bewährte Muster von Menschen wie du und ich, die von den Umständen in ungeahnte Rollen gedrängt wurden. Von Überlebenskampf und (leider berechtigtem) Misstrauen gegenüber allen Fremden. Und vom Konflikt derer, die sich ihre Menschlichkeit bewahren wollen, mit denen, die den Untergang der alten Welt zu ihrem persönlichen Vorteil genutzt haben.

    Für "Nach dem Sturm" gilt also letztlich das gleiche wie für einen Schweden-Krimi oder eine High-Fantasy-Queste: Die Formel steht fest, jetzt geht es nur noch darum, wie sie ausgefüllt wird. Smith tut es, indem er primär auf Atmosphäre und das Innenleben seiner Hauptfigur setzt - auch das ist freilich keine Entscheidung, die vor ihm noch niemand anderer getroffen hat. Solide, wenn auch nicht spektakulär.

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