Rundschau: Zurück aus der Zone

    Ansichtssache22. März 2014, 10:00
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    Hochklassiger Lesestoff für SF-Fans von Ted Chiang, Jeff VanderMeer, China Miéville, James Corey, Geoff Ryman und Ulrike Schmitzer

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    coverfoto: blanvalet

    Michael M. Thurner: "Der Gottbettler"

    Broschiert, 510 Seiten, € 14,40, Blanvalet 2013 

    Interessant, wie ein Klappentext ganz nach Schema F (wie Fantasy) klingen kann, und dann irgendwie doch alles ziemlich anders kommt als erwartet. Liest man zwischen den Zeilen einiger negativer Leserbewertungen zu Michael M. Thurners "Der Gottbettler", dürfte genau das der Grund für etwaiges Missfallen gewesen sein: Thurner hat nicht das geliefert, was erwartet wurde. Negativ kann man das natürlich nur finden, wenn man gerne mehr vom Immerselben haben möchte.

    Mit seinen SF-Romanen aus der seltsamen Weltraumregion des Kahlsacks ("Turils Reise" und "Plasmawelt") hat der österreichische Autor bereits seine Vorliebe für spinnerte Einfälle bewiesen. Das setzt er in der High Fantasy, die ohnehin jeden sich anbietenden Innovationsschub gebrauchen kann, fort. Zum Worldbuilding von Thurners Fantasywelt gehören unter anderem vertikale Städte und künstliche Inseln, dazu diverse nichtmenschliche Intelligenzformen, die in keinem Völkerkatalog stehen. Selbst die vermeintlich handelsüblichen "Zwerge" entpuppen sich als etwas ganz anderes. Gut, sie sind wie erwartet klein und graben im Boden - doch handelt es sich um furchterregend fremdartige Geschöpfe.

    Dramatis Personae

    Die Prämisse wie gesagt klingt noch recht vertraut: Ein kleines Grüppchen sehr unterschiedlicher ProtagonistInnen wird durch eine uralte Prophezeiung zusammengeführt, um eine mörderische Bedrohung abzuwenden, die über das ganze Land ihren Schatten wirft. Pirmen Courtix, ein kleinwüchsiger Magierlehrling, ist derjenige, der die Prophezeiung wahr machen soll: Er wurde ausgeschickt, den Mann mit den goldenen Augen zu finden, der den Stummen Jungen beschützen soll, den eigentlichen Dreh- und Angelpunkt (bzw. MacGuffin) des ganzen Geschehens.

    Man muss nicht lange raten, dass die nächste kapiteltragende Figur Rudynar Pole der goldäugige Auserwählte sein wird - auch wenn er zunächst noch nicht viel hermacht: Vom Krieger ist er zum Aussteiger geworden, und von dem zum Säufer und Bettler. Noch kaputter scheint nur die alte Hexe Terca zu sein, die Tag für Tag auf eine Klippe steigt und auf den rechten Moment zum Selbstmord wartet ... aber Terca wird noch für Überraschungen am laufenden Meter sorgen.

    Diesem Trio steht die letzte Hauptfigur gegenüber. Und das ist nicht der Gottbettler des Titels selbst (der eine Nebenfigur bleibt und sich als die etwas andere Variante eines übernatürlichen Fantasy-Antagonisten erweist), sondern der Mann, der im Auftrag des Gottbettlers die ganze Welt zu erobern versucht: Metcairn Nife, Befehlshaber eines multikulturellen Heeres, das Thurner wie einen lebenden Organismus beschreibt und in das er einmal mehr seine Liebe zu schrägen Ausstattungsdetails einfließen lassen kann.

    Braun und Grau statt Schwarz und Weiß

    So weit, so gut. Allerdings haben unsere drei Heldencharaktere ihre Schwächen (einer von ihnen wird seiner Schwäche sogar vor dem entscheidenden Showdown erliegen, noch so ein Klischeebruch) und wollen sich nicht einmal so recht ins "Langsam wachs ma zamm"-Schema fügen. Die Dynamik zwischen den dreien ändert sich laufend, wie sich auch ihr Wesen wandelt. Der anfängliche Sympathieträger Pirmen etwa entwickelt mit wachsenden magischen Fähigkeiten abstoßende Züge, und Terca lässt sich ohnehin nicht in die Karten schauen. Jede beiläufige Enthüllung macht die schrullige Alte noch geheimnisvoller: Wie alt ist sie eigentlich wirklich? Und wieviel Macht hat sie?

    Dazu kommt, dass die vermeintlich klaren Grenzen zwischen Gut und Böse so klar nicht sind. Es scheint, als hätte sich der Gottbettler das Ende der Geschichte zum Ziel gesetzt - nicht im Sinne von Weltenbrand, sondern in Form einer Art Pax Romana. Keine Frage, das Heer des Gottbettlers geht auf seinem Welteroberungszug mit absoluter Gnadenlosigkeit vor, wenn es darum geht, konkurrierende Machtstrukturen zu zerschlagen. Allerdings wird danach wieder aufgebaut - mit Verbesserungen für diejenigen, die im Vorgängersystem auf der Verliererseite standen. 

    So beschleichen unsere HeldInnen zwischenzeitlich Zweifel, ob man den Gottbettler überhaupt aufhalten soll. Ironischerweise beginnt auf der Gegenseite Heerführer Nife seinerseits an seinem Boss zu zweifeln - so gehen die Hauptfiguren allesamt mit gemischten Gefühlen in den Showdown. Zu dem sei übrigens noch gesagt, dass er die aktuelle Handlung einigermaßen abrundet, was man in der zweiten Romanhälfte vielleicht schon nicht mehr für möglich gehalten hätte. "Der Gottbettler" soll wohl ein Einzelroman sein, diverse offene Fragen machen einen weiteren Band allerdings wahrscheinlich: Weniger als notwendige Fortsetzung denn als Ausbau der hier angerissenen Welt.

    Für den deftigen Geschmack

    Kann man sich eine ergreifendere Situation vorstellen als jemanden, der auf einer Klippe sitzt und des richtigen Moments harrt, um loszulassen und sich in den Tod zu stürzen? So geht Thurners Elegie: Es wollte und wollte nicht kommen. Ihre Enttäuschung wuchs immer mehr, denn sie ahnte, dass sie sich wieder einmal geirrt hatte. Ihr Gefühl hatte sie getrogen. Es war nicht der Tag, auf den sie sich schon seit so langer Zeit vorbereitete. "Kacke!", rief sie, und nochmals, lauter: "Kacke!" "Schaffst du's wieder mal nicht, alte Furztrommel?", hörte sie eine Stimme von unten.

    So gesittet ist die Ausdrucksweise allerdings selten - meist geht es etwas deftiger zu. Manche LeserInnen scheinen sich an der "vulgären Wortwahl" des Romans gestört zu haben, ich finde das erfrischend. Genauso, wie mal ein Tante-Jolesch-Zitat in einen Fantasyroman eingebaut zu sehen. Außerdem ist die Sprache der beschriebenen Welt in all ihrer dreckigbraunen, vernarbten, verlausten, eiterbeulenübersäten, ohne Unterlass defäkierenden und kopulierenden Pracht absolut angemessen: Gut, dass es keine Geruchsbücher gibt (oder sie zumindest nie in Mode gekommen sind), denn Thurners Welt würde stinken wie die Kanalisation eines Zoos.

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