Rundschau: Zurück aus der Zone

    Ansichtssache22. März 2014, 10:00
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    Hochklassiger Lesestoff für SF-Fans von Ted Chiang, Jeff VanderMeer, China Miéville, James Corey, Geoff Ryman und Ulrike Schmitzer

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    coverfotos: p.machinery

    Michael Haitel (Hrsg.): "Die große Streifenlüge" und "Enter Sandman"

    Broschiert, 180 bzw. 210 Seiten, p.machinery 2013

    Ich mag Anthologien mit Motto - erst recht wenn es ein ungewöhnliches ist. Zwei miteinander verschwisterte Exemplare dieser Gattung hat der Verlag p.machinery herausgebracht, der sich mit seiner Vielzahl an Titeln (sogar - täterätäää! - Sekundärliteratur) zu einem immer interessanter werdenden Player im SF-Bereich mausert. Weitere Rezensionen werden folgen. Aber zurück zu diesen beiden: Beide beinhalten Geschichten, die in mehr oder weniger freier Form von der Musik Kate Bushs ("Die große Streifenlüge") bzw. Metallicas ("Enter Sandman") inspiriert wurden.

    Und ich sag es gleich: Ich bin seit jeher im Team Bush - oder zumindest seit ich als Kind mal einen TV-Mitschnitt einer Kate-Bush-Tour von Anfang der 80er sah. Das war pure Magie. Die Frau tanzte in einer Art Elfen-Zirkus über die Bühne und sang dazu von Peter Pan, Geistern, den Horrorfilmen der Hammer-Studios und dem Leben nach dem Atomkrieg. Damit drängte sie sich als Muse für eine Phantastik-Anthologie ja geradezu auf. Die zehn Geschichten in der "Streifenlüge" unterstreichen in ihrer Verschiedenartigkeit, aus welch großer Bandbreite da geschöpft werden konnte.

    Auswahl mit bunten Streifen

    So schickt Carla Heinzel in "Mein Teil deines Lebens" die Erfinderin der Zeitreise in einen Loop mit Variationen, während Gabriele Behrend unter dem Titel "Lichtgestalten" die Endprodukte des Medienzeitalters präsentiert: Junge Frauen, die kurzfristig zu Allzweck-Supermodels und Projektionsflächen für jedermann aufgebaut werden, ehe man sie live entsorgt, wenn's Zeit für ein neues Gesicht wird. Enzo Ansui lässt in "Der Preis der Pianistin" einen Saxofonisten mit CERN-Connection die Massen betören - das so gerne heraufbeschworene Schwarze Loch öffnet sich dann aber nicht in Genf, sondern an gänzlich unerwarteter Stelle, nämlich im Steampunk-Setting von Manfred Lafrentz' "Gottes Auge".

    Steampunk an der Grenze zu Fantasy bildet auch den Hintergrund zu Tedine Sanss' längerer Erzählung "Agnes", in der dampf- und segelbetriebene Schiffe durch den Äther zwischen den Planeten kreuzen. Sanss beschreibt eine Ära der guten Manieren, was allerdings Sklaverei und Rassismus keineswegs ausschließt. Denn das Wort Kolonie wird hier nicht im SF-Sinne, sondern ganz seiner historischen Bedeutung entsprechend verwendet: Die indigenen Völker von Venus, Mars und Merkur wurden unterworfen, finden allerdings in der vermeintlich naiven Missionarsfrau und angehenden Revolutionärin Agnes eine unerwartete Unterstützerin.

    Dreimal nach dem Krieg

    "VoynixSF" (ihren wirklichen Namen weiß ich leider nicht) lässt in "Brân" den vielleicht letzten Überlebenden des letzten Krieges mit seinen mechanischen Hausgeistern zusammenleben; im Grunde handelt es sich um eine Zauberergeschichte im SF-Gewand. Und Ralph Doege ("Ende der Nacht") führt in "Der Regenmacher" eine ganze Menge zusammen: Einen Jungen mit Lovecraft-Faible, die Hysterie um UFOs und "unamerikanische Umtriebe" in den Nachkriegs-USA sowie die Biografie des "Orgonomie"-Begründers Wilhelm Reich. Das gibt eine absolut stimmige Mischung ab und hat auch eine sehr schöne Anknüpfung an den Kate-Bush-Song "Cloudbusting"; ich habe allerdings nicht wirklich den Eindruck, dass hier ein 14-Jähriger zu mir spricht.

    Mein persönliches Highlight in "Streifenlüge" ist eine der beiden Geschichten von Karsten Beuchert, "Atmen". Nach der Explosion einer "Quantenbombe" sind ein Mann und eine Frau zu einem Wesen verschmolzen, das zwischen seinen beiden Ausgangszuständen fluktuiert: Zusammen und doch für immer getrennt. Zugleich ist die Story eine wunderschöne Variation von Bushs "Breathing".

    And nothing else matters

    Die Metallica-Ausgabe "Enter Sandman" kann ich etwas kürzer abhandeln, weil da doch einige Geschichten dabei waren, die ich gerne besser gefunden hätte. Ausdrücklich davon ausgenommen sei an erster Stelle Bettina Ferbus' "Spuren im Sand", das großartig schauderhafte Tagebuch eines Häftlings auf einem Gefängnisplaneten, auf dem allesdurchdringender Sand, tödliche Wurmparasiten und Paranoia den Alltag prägen.

    Der Metallica-Song "Enter Sandman" scheint eine gute Inspirationsquelle zu sein. Denn nicht nur Ferbus' Geschichte beruht darauf, sondern auch Frederic Brakes witziges "Rein gewaschen": Der hektische Dialog zweier Gauner, die eine Rakete auf ihr Raumschiff zurasen sehen und in ihren letzten Momenten noch schnell ehrlich werden. Torsten Scheib schließlich lässt einen Patienten mit schwersten Verbrennungen im Spital aufwachen und sich fragen, warum ihn das Personal verabscheut - alle bis auf die "Schwester Sexy" des Titels: Das hat einigen Suspense, bevor sich das Ende abzeichnet.

    Die 13 Stories der Anthologie drehen sich um Starship Troopers im Kampf gegen Rieseninsekten, geklonte Fußballer, Cthulhu-artige Monstrositäten, Mad Scientists und drogensüchtige Attentäter: Stroboskopartige Eindrücke von Gewalt, Drogen und lautem Heavy Metal; ich bin mir bloß nicht sicher, ob das zu Metallica passende Aggressionslevel immer so authentisch rüberkommt, wie die jeweiligen AutorInnen das gerne hätten. Und ich stimme diesem Bachmann-Juror zu, der mal meinte, dass in einer Sexszene das Wort "Gesäß" so ziemlich der unsexieste Ausdruck für den Arsch ist, den es gibt.

    Im Gesamten betrachtet

    Ein interessanter Unterschied zwischen den beiden Anthologien ist vielleicht Zufall, vielleicht auch nicht: Kate Bush scheint den Geschichten in erster Linie Motive geliefert zu haben. Was zu ihrem Charakter als singende Erzählerin eigentlich ganz gut passen würde - während Metallica in den Stories deutlich häufiger explizit genannt werden (müssen?). Sven Klöpping lässt in "150.000.000 neue Fans" sogar Frontmann James Hetfield im 5. Jahrtausend wiederauferstehen.

    Insgesamt erinnern mich die beiden Bände in Sachen Format, Umfang, Themenvielfalt und ihrer gewissen Zeitlosigkeit (keine superanstrengenden quantentechnologischen Auswüchse!) an die Taschenbuch-Anthologien der 70er und 80er Jahre. Und die sind für mich ja immer noch irgendwie der Inbegriff von Science Fiction. Schöner Lesestoff also.

    ... und weil ich nie daran gedacht hätte, diesen Satz einmal auszusprechen, und sich auch vermutlich nie wieder eine Gelegenheit dazu ergeben wird: Vote for Bush!

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