Rundschau: Zurück aus der Zone

    Ansichtssache22. März 2014, 10:00
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    Hochklassiger Lesestoff für SF-Fans von Ted Chiang, Jeff VanderMeer, China Miéville, James Corey, Geoff Ryman und Ulrike Schmitzer

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    coverfotos: heyne, bastei lübbe

    China Miéville: "Perdido Street Station"

    Broschiert, 848 Seiten, € 17,50, Heyne 2014 (Original: "Perdido Street Station", 2000)

    Vermutlich kann sich jeder noch an sein erstes Mal Miéville erinnern. Bei mir war es seinerzeit "Der Eiserne Rat", und nach wenigen Seiten habe ich das Buch damals kurz zur Seite gelegt und gedacht: Was zum Teufel ist das? Einen derartigen Mahlstrom an bizarren, scheinbar unvereinbaren und irgendwie doch wundersam zusammenpassenden Ideen habe ich noch nie erlebt. Vielleicht gesehen, in irgendwelchen abgefahrenen französischen SF-Kunstcomics der 70er Jahre; aber noch nie gelesen.

    Ein knappes Jahrzehnt später fühlt es sich geradezu heimelig an, wieder in die Welt von Bas-Lag zurückzukehren, die der begnadete britische Genre-Umstürzler China Miéville in bislang drei Romanen verewigt hat. "Perdido Street Station", im Original 2000 erschienen, war deren erster. Viele werden sich an den Roman noch in der Form erinnern, wie er oben rechts zu sehen ist: Als Doppelband "Die Falter" und "Der Weber", wie ihn Miévilles langjähriger deutschsprachiger Verlag Bastei Lübbe seinerzeit herausgebracht hat (der sein jüngstes Werk "Railsea" immer noch nicht veröffentlicht hat; ich fürchte, das wird nichts mehr). Heyne hat "Perdido Street Station" nun als fetten Einzelroman wiederveröffentlicht.

    Eine Welt wie keine andere

    Und da sind sie alle wieder und fühlen sich inzwischen wie Familie an: Die halb pflanzlichen Kaktusleute, die käferköpfigen Khepri, die amphibischen Vodyanoi und all die anderen Spezies, die die Welt von Bas-Lag mit den Menschen teilen. Eine Welt, die nach naturwissenschaftlichen, alchemischen und magischen Gesetzmäßigkeiten gleichzeitig zu funktionieren scheint. Oder nach chymischen, elyktrischen und thaumaturgischen, um einige von Miévilles klangvolleren Bezeichnungen aufzugreifen. Heute würde man das Ganze vermutlich als eine sehr, sehr bizarre Version von Steampunk einstufen - damals firmierte es unter New Weird.

    Im Zentrum dieser Welt steht der Stadtmoloch New Crobuzon, eine multikulturelle Millionenmetropole, die gerade die Wehen der Industrialisierung mit sämtlichen Folgeerscheinungen durchlebt: Soziale und ethnische Konflikte, technische Innovationen und neue Ideologien, staatliche Repression, hohe Verbrechensrate und einen äußerst brüchigen gesellschaftlichen Zusammenhalt. "Perdido Street Station" ist noch der am wenigsten politische Bas-Lag-Roman und als (abgeschlossenes!) Abenteuer der ideale Einstieg in dieses Universum. Im späteren "Die Narbe" werden sich die Verhältnisse zuspitzen und in "Der Eiserne Rat" in einem furiosen Höhepunkt gipfeln. Letztlich ist New Crobuzon nichts anderes als Miévilles Version Londons - insbesondere Londons im 19. Jahrhundert - und damit im Grunde eine Schwesterstadt zu Terry Pratchetts Ankh-Morpork. Wenn auch ganz ohne dessen Putzigkeit.

    Die Mutter aller Städte

    Ein Aerostat brummte in der Ferne, umtanzt von winzigen Punkten, geflügelten Gestalten, die sich in seinem Kielwasser tummelten wie Delfine um einen Wal, während im Vordergrund ein weiterer Zug dahinschoss - unterwegs in das Zentrum von New Crobuzon, den Knoten architektonischen Gewebes, wo die Lebensadern der Stadt sich verknüpften, wo die Gleistrossen der Miliz von dem Spike ausgehend sternförmig ihr Netz spannten, und die fünf großen Bahnlinien der Stadt an ihrem Dreh- und Angelpunkt zusammenliefen, dem düster gescheckten Bollwerk aus rußgeschwärztem Backstein und rauem Beton und Holz und Stahl und Stein, dem mit vielen Mäulern gähnenden Kolossalbau im vulgären Herzen der Stadt: Perdido Street Station.

    Exzessive Beschreibungen der Topografie sind hier keine Seitenfüller, sie sind das, worum es eigentlich geht. China Miéville ist ein Autor der Urbanität, in allen seiner Romane ist die Stadt der eigentliche Star der Handlung. Mag es London selbst sein ("König Ratte", "Un Lun Dun", "Der Krake") oder eine ihrer seltsamen Schwestern in anderen Welten ("Die Stadt & die Stadt", "Embassytown"/"Stadt der Fremden" und natürlich die Bas-Lag-Romane).

    Jede Stadt wird als lebender Organismus beschrieben, doch keine macht dies so deutlich wie New Crobuzon mit all seinen vertrackten Varianten extremer Körperlichkeit: Wo die Rippen eines gigantischen Skeletts aus dem Viertel Bonetown über die Häuser in  den Himmel ragen. Wo Verbrecher damit bestraft werden, dass man ihnen Körperteile durch grausam unpassende organische oder mechanische Transplantate ersetzt und sie als chimärenhafte Remade weiterleben lässt. Oder wo sich eine Künstliche Intelligenz einen riesenhaften Körper aus Schrottteilen zusammensetzt, zum Gott einer neuen Maschinenreligion wird und mit ihren Gläubigen kommuniziert, indem sie einen verkabelten Hirntoten wie eine Sockenpuppe sprechen lässt.

    Die Handlung im Häusermeer

    Da war doch noch was? Richtig, die eigentliche Handlung: Die dreht sich um ein Häuflein freidenkerischer Gestalten, die unversehens in Geschehnisse geraten, die ganz New Crobuzon gefährden. Allen voran Isaac Dan dar Grimnebulin, ein - je nach Sichtweise - akademischer Renegat oder unproduktiver Akademiker, der an einer bislang nur fiktiven Naturkraft forscht und in einer Amour fou mit der Khepri-Künstlerin Lin lebt. Die ihrerseits von einem Drogenboss engagiert wird, eine Skulptur seines monströsen Körpers anzufertigen. Lins Freundin Derkhan Blueday wiederum ist Kulturjournalistin, arbeitet insgeheim aber auch für ein subversives Untergrundblatt. Alle drei Elemente - Wissenschaft, Politik und Verbrechen - werden sich schließlich auf eine ungeahnte Weise zusammenfügen, die den ProtagonistInnen noch die Haare und Fühler zu Berge stehen lassen wird.

    Und um die früheren Titel "Die Falter" und "Der Weber" noch zu erklären: In Gang gesetzt werden die Ereignisse, als ein Angehöriger der vogelähnlichen Garuda mit einer Bitte an Isaac herantritt. Yagharek wurden wegen eines Verbrechens die Flügel amputiert; er möchte unbedingt wieder fliegen können und hofft, dass der geniale(?) Isaac eine Lösung findet. Der lässt sich zum Studium des Flugvermögens erst mal Exemplare aller möglichen fliegenden Spezies ins Haus liefern. Darunter auch eine Raupe, aus der bald ein albtraumhaftes Geschöpf - in etwa Ridley Scotts Alien mit Schmetterlingsflügeln - schlüpfen wird. Dessen Spezies ernährt sich von der Psyche intelligenter Wesen und schon bald zittert ganz New Crobuzon unter dem Schatten des Falters und seiner Artgenossen. Und dass die Behörden lieber erst mal den Botschafter der Hölle um Hilfe bitten als besagten "Weber", sollte Andeutung genug sein, dass mit dem auch nicht gut Kirschen essen sein wird.

    Unbedingt lesen!

    Trotz des Verlagswechsels ist es offenbar bei der alten Übersetzung geblieben - eine gute Sache, denn die tat seinerzeit alles, um Miévilles wildem Sprachstrudel mit einer ebenso wilden Mixtur gerecht zu werden: Von Elementen aus verschiedenen Sozio- und Dialekten ("Gottschiet!") über kreative Varianten von (De-)Substantivierung bis zu einem Wechselbad aus Archaismen und Neologismen (einer meiner Lieblinge: oneirochymisch). Yeah, war doch nicht ganz für die Katz', in der Schule Latein und Griechisch gelernt zu haben! Es ist ein Rausch, dem man sich am besten voll und ganz ergibt. Und immer noch eines der herausragenden Genre-Werke des neuen Jahrtausends.

    In der nächsten Rundschau kommen unter anderem einige Öko-Dystopien (mal sehen, wie oft die Welt untergehen wird) und ein mörderischer Müllmann vor. Außerdem tauchen wir auf den Spuren Jules Vernes ins Meer ab. Nur viiieeel tiiieeefer. (Josefson, derStandard.at, 22. 3. 2014)

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