Rundschau: Zurück aus der Zone

    Ansichtssache22. März 2014, 10:00
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    Hochklassiger Lesestoff für SF-Fans von Ted Chiang, Jeff VanderMeer, China Miéville, James Corey, Geoff Ryman und Ulrike Schmitzer

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    coverfotos: wurdack

    Dirk van den Boom: "Eine Reise alter Helden" und Niklas Peinecke: "Das Haus der blauen Aschen" (D9E 1 + 2)

    Broschiert, 256 bzw. 250 Seiten, jeweils € 13,40, Wurdack 2013/2014

    Weltraumabenteuer ganz unterschiedlicher Art - das zeigen schon die beiden ersten Bände - bietet ein neues Shared-Universe, das der Wurdack-Verlag ins Leben gerufen hat. Die Prämisse kurz zusammengefasst: Vom einstigen Sternenreich der Menschheit sind nur verstreute Splitter übriggeblieben. Den Löwenanteil inklusive der Erde selbst haben sich die unnahbaren - und bis dato noch von niemandem von Angesicht zu Angesicht gesehenen - Hondh unter den Nagel gerissen.

    Auf den eroberten Welten üben die mysteriösen Aliens(?) eine vergleichsweise sanfte Diktatur mittels unterschwelliger psychischer Beeinflussung aus. In den kleineren Staatengebilden außerhalb der Hondh-Sphäre leben Menschen in Freiheit. Doch mehren sich die Anzeichen, dass die Hondh-Sphäre nach 500 Jahren des Friedens in eine neue Expansionsphase eintritt: Daher der Titel "D9E / Die neunte Expansion".

    Es lebe der Pulp!

    Ans Ende der vorangegangenen Expansionsphase führt uns Haudegen Dirk van den Boom ("Tentakelkrieg", "Kaiserkrieger") im ersten D9E-Band "Eine Reise alter Helden" zurück. Mit knapper Not kommen Lieutenant-Commander Alfonso Thrax und seine Crew aus einem verlorenen Raumgefecht mit den Hondh davon. Doch der Überlicht-Antrieb ist kaputt, und sie müssen die Heimreise in Stasis zurücklegen. Als sie nach 500 Jahren auf der Erde ankommen, finden sie eine gezähmte Menschheit vor, die nicht nur die Herrschaft der Hondh buchstäblich verinnerlicht hat, sondern auch keinerlei Neugier auf das Universum außerhalb der Hondh-Sphäre zeigt. "Das ist nicht normal. So sind wir Menschen nicht", konstatieren die Rückkehrer und haben damit natürlich recht. Schon bald macht sich die zwischenzeitliche Veteranen-WG daher wieder auf ins All, um die Dinge zu ändern.

    Van den Boom bietet eine Hommage an Pulp der alten Schule: Siehe einen zufälligen Datenfund, der unsere HeldInnen auf ein irgendwo im Weltraum verstecktes Superkriegsschiff aus der Vergangenheit hinweist, Tatkraft und Gewitztheit der Hauptfiguren ... oder auch die erhöhte -or-Quote bei Wortendungen: Interceptor, Exemptor, Adjukator, Depositor, Mediator und wos net gor.

    Dem Militär ist nichts zu schwer

    Ein Zug, der mir bei Military-SF (bzw. Military-Unterhaltung im Allgemeinen) immer etwas Bauchweh bereitet, ist leider auch hier vertreten: Nämlich die schleichende Verachtung der wackeren SoldatInnen gegenüber "Bürokraten" bzw. im Grunde genommen gegenüber den Angehörigen aller anderen gesellschaftlichen Subsysteme. Politiker sind "gehetzt-anbiedernd", Beamte "Sesselpupser", Journalisten "sensationsgeil" und "verblödet", Arbeiter und Angestellte "fleißige Drohnen". Nachdem die Angehörigen des Militärs an der Niederlage im Krieg auch nicht ganz unbeteiligt waren, könnten sie sich da ruhig ein wenig in Bescheidenheit üben.

    Sehr schön dafür eine rührende Nebenhandlung um den widerständisch gesinnten Erdenbürger Roarke, der immun gegenüber der omnipräsenten Beeinflussung ist. Und deshalb sehr, sehr allein. Und nicht zu vergessen ein Detail des Raumgefechts zu Beginn des Romans: Die langen Zeiträume, die bei Kampfhandlungen im All zwischen Abschuss und Einschlag verstreichen, illustriert van den Boom damit, dass Thrax nach einem bereits eingeleiteten Hondh-Angriff nicht nur Zeit für ein Schläfchen findet, bevor er auf den Gefechtsstand zurückkehrt, sondern auch dafür, sein Bett zu machen. Sowas habe ich bisher noch nicht gelesen - überhaupt finde ich die ruhig-resignative Atmosphäre, in der die Kampfhandlungen zu Romanbeginn ablaufen, viel interessanter als die spätere Macher-Attitüde.

    And now for something completely different

    Soweit ok, nichtsdestotrotz erweist sich der zweite D9E-Band, "Das Haus der blauen Aschen" von Niklas Peinecke, schon nach zwei Kapiteln als faszinierender, witziger, kurz gesagt: ideensprühender als sein Vorläufer. Nicht, dass es hier keine pulpigen Elemente gäbe. Unter anderem finden sich da Pyramiden, Nazca-artige Reliefs im Boden (liest sich bis hier wie eine Notlandung in den 70ern ...) oder die technisch abgesandelten Nachfahren einer untergegangenen Hochzivilisation.

    Doch hätten wir da andererseits auch einen Sense-of-Wonder-Kurzbesuch auf einer Welt mit metallischem Ökosystem gleich zu Beginn des Romans. Oder Künstliche Intelligenzen, die ähnlich exzentrisch daherkommen wie in Iain Banks' "Kultur"-Romanen, auch wenn sie nicht annähernd deren Machtfülle haben. Oder Passagen, die Peinecke ebensogut in einer Zeitgeistkolumne unterbringen hätte können: Etwa wenn er vom "Emokater" schwadroniert, der einen befällt, nachdem man ein Erlebnis hatte, bei dem Glückshormone ausgeschüttet werden. So etwas funktioniert aber natürlich nur, weil sich diese Zukunftsgesellschft recht wenig von der unseren unterscheidet - über den Daumen gepeilt läuft sie auf "Heute plus Raumschiffe" hinaus. Zudem erweist uns Peinecke die in der Science Fiction leider seltene Gnade, seine Figuren so sprechen zu lassen, wie Menschen wirklich reden.

    Und um die eigentliche Handlung nicht zu vergessen: Farne Oslar arbeitet als Astrophysikerin auf einem Planeten, auf dem man die Hondh eher als Mythos betrachtet. Als sie in einem Archiv Hinweise auf einen seltsamen Braunen Zwerg - also ein Mittelding aus Stern und Planet - findet, bricht sie mit einem kleinen Team zu diesem Objekt auf ... und findet zu ihrer Überraschung statt eines Himmelskörpers ein gigantisches Artefakt mit eigenem Ökosystem vor. Ein klassischer BDO-Plot also - und verglichen mit jüngsten englischsprachigen Beispielen aus diesem Bereich ("Hex" von Allen Steele oder "Bowl of Heaven" von Gregory Benford & Larry Niven) steht "Das Haus der blauen Aschen" gar nicht so schlecht da.

    Neue Chance

    Bislang kannte ich von Peinecke einige Kurzgeschichten, dies ist sein erster Roman. Und damit zeigt sich auch der eigentliche Wert des D9E-Projekts: AutorInnen, die auf sich allein gestellt vielleicht nicht so schnell die Gelegenheit hätten, bei einem Verlag einen Roman unterzubringen, finden hier eine Infrastruktur vor, die ihnen den Schritt erleichtert. In diesem Fall mit angenehm großzügigen Vorgaben in Sachen Rahmenhandlung (wie auch ein paar kleinere Inkongruenzen zwischen den Bänden zeigen). Ob van den Booms straighte Action oder Peineckes unbeschwerter Stil: Die Bandbreite ist inhaltlich wie formal groß genug, dass dieses Shared-Universe ein buntes werden dürfte.

    Übrigens haben weder van den Boom noch Peinecke ihre jeweilige Handlung abgeschlossen, Sub-Reihen sind in D9E also ebenso möglich wie Einzelromane. Nachdem ich mich nicht gerne an irgendeine literarische Welt langfristig binde, werde ich mir künftig zwar nicht jeden einzelnen D9E-Band vornehmen. Aber auf die eine oder andere Expansion des AutorInnen-Kollektivs - als nächste in der Reihe: Matthias Falke und Nadine Boos - bin ich doch sehr gespannt.

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