Literaturschutzhaus

15. August 2003, 21:32
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In Graz hat man ein Herz für Menschen, die schlecht behandelt werden. So können jene bedauernswerten Vertreterinnen des schwachen Geschlechts, die von ihren Partnern schlecht behandelt werden, fürs Erste einmal in einem schon seit längerem eingerichtetem Frauenhaus Zuflucht finden.

Und da man wirklich nicht sagen kann, dass die Grazer Literaten just in jenem Jahr, in dem sich die Murmetropole mit Insel und Uhrturm zu Europas Kulturhauptstadt plustert, besonders gut behandelt werden, dürfen sie sich jetzt in einem am gestrigen Freitag eröffneten Literaturhaus, wenn schon nicht ihres Lebens, so doch ihrer ruhmreichen Vergangenheit freuen.

Als besagte Vergangenheit noch Gegenwart war und Zukunft hatte, da waren die Manuskripte, die jetzt verkauft werden wollen und auch schon wurden, noch gar nicht alle geschrieben. Immerhin hatten die angehenden Grazer Dichtergranden damals auch noch anderes zu tun, als zu schreiben.

Das war allerdings in Zeiten, zu denen die Re-Analphabetisierung Österreichs noch nicht so vehement betrieben wurde wie gerade jetzt und die Lehrer an den Haupt- und Mittelschulen es sich sogar leisten konnten, ihre Schüler durch Sonderveranstaltungen auf einen geplanten Theaterbesuch vorzubereiten.

Zu diesem Zweck wurden regelmäßig Mitglieder des Grazer Bühnenensembles in diverse Schulen eingeladen, wo sie Schlüsselszenen der betreffenden Stücke vorspielen sollten. Mir fiel damals die Aufgabe zu, diese Besuche zu organisieren.

Obwohl diese Auftritte meist am frühen Morgen stattfanden, war es nicht schwer, sie zu organisieren. Immerhin wurden sie gut honoriert. Und es waren stets Darsteller mit von der Partie, deren Namen heute allgemein geläufig sind.

Ich denke an eine Kabale und Liebe-Vorstellung aus den 60er-Jahren: Hermann Treusch war der Ferdinand, Rudolf Buczolich der Wurm. Sie und alle Übrigen waren stets pünktlich zur Stelle. Nur mit der Luise gab es immer Zores. Sie kam meist zu spät. Bei der stets ein bisschen grantigen Langschläferin handelte es sich um keine Geringere als um Libgart Schwarz.

Der Jungstar dürfte vor diesen morgendlichen Ausritten richtig Angst gehabt haben. Denn eines schönen Tages, als sie wieder einmal zu spät dran war, kam sie mit Begleitschutz.

Es handelte sich um einen beinah durchsichtig schmal wirkenden Jüngling, der ganz im Gegensatz zu seinem esoterischen Äußeren wie ein Rohrspatz schimpfend gegen diese frühen Morgentermine protestierte.

Ich wies den wehrhaften Kavalier höflich darauf hin, dass er hier nichts zu sagen habe und sich am besten ganz schnell entfernen möge. Ich konnte ja nicht wissen, dass es sich um Peter Handke handelte, der am frühen Morgen offenbar vom Dichten noch ganz und gar nichts wissen wollte. (Peter Vujica, DER STANDARD, 10./11. Mai 2003)

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