Sechzehnjähriger "Sportjournalist" narrt Twitter und TV-Sender

26. Jänner 2014, 15:34
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25.000 Follower und von Al-Jazeera zitiert – wollte ernst genommen werden

Weil seinen Meinungen und Einschätzungen zu Entwicklungen im Fußball auf Twitter kaum jemand zuhören wollte, hat ein 16-jähriger Schüler aus London zu ungewöhnlichen Maßnahmen gegriffen – und am Ende tausende User auf Twitter, Fußballprofis und Sportjournalisten erfolgreich genarrt.

Um sich Gehör zu verschaffen entwickelte Sam Gardiner einen Plan, der ihm 50.000 Follower auf der Kurznachrichtenplattform bescheren sollte, wie die Financial Times berichtet. "Jeder hat eine Meinung, aber nicht jeder hat Zugang zum Transfermarkt", erklärt er der Zeitung seine Motivation.

Erster Versuch gescheitert

2012 gab er sich unter dem Namen Dominic Jones als angeblicher ehemaliger Spielerscout und nunmehriger Journalist für das Fußballmedium "Goal" aus. Er stellte während Spielen Bilder bekannter Stadien online und schrieb dazu, er würde jetzt live berichten. Schließlich wurde "Goal" auf ihn aufmerksam und meldete den Fakeaccount.

Gerüchtemix

Bei seinem zweiten Versuch nannte er sich schließlich "Samuel Rhodes" und beschrieb sich in seinem Profil als freischaffender Sportjournalist, der für die Financial Times und den Daily Telegraph tätig sei.

Ein Köder, den zahlreiche Leute schluckten, nachdem er begann, zeitnah aktuelle Berichte und Gerüchte zum Fußballtransfermarkt weiterzuverbreiten und als Fakten zu verkaufen. Daneben erfand er auch eigene Gerüchte. Dabei suchte er gezielt Meldungen zu Klubs, die sportlich in Schwierigkeiten steckten, da er deren Fans als am ehesten empfänglich für seine Inhalte einschätzte.

Glückstreffer

Ein Glückstreffer verhalf ihm dabei zu hoher Kredibilität. Im November 2012 kulminierten Gerüchte darüber, dass der Londoner Fußballklub Chelsea seinen Trainer Roberto Di Matteo entlassen würde. Gardiner schrieb, die Entlassung würde bereits am Folgetag bekannt gegeben – was schließlich auch geschah. Andere Nachrichten hingegen erwiesen sich letztlich als falsch.

Gutes Timing

Neue Sensationsmeldungen kündigte er oft 30 Minuten vorab an, was dem Wachstum seiner Followerzahl stark geholfen haben soll. Zeitlich nutzte er meistens Abende nach wichtigen Champions League-Spielen, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erhalten.

Ein weiterer Coup gelang ihm schließlich im Juni. Nachdem Wigan-Spieler James McArthur sich zu seinen Followern gesellte, schrieb ihn Gardiner in einer privaten Nachricht an. McArthur vermittelte ihn an seinen Teamkollegen Grant Holt, mit dem er schließlich Transfergerüchte diskutierte.

Erfundener Transfer sorgt für Furore

Für weitere Bekanntheit sorgte Gardiners Tweet, in welchem er verkündete, dass der Ägypter Mohamed Salah für neun Millionen Pfund vom FC Basel zu Liverpool in die Premier League wechseln würde. Eine Behauptung, die vom britischen Klub bald dementiert, jedoch von zahlreichen Sportseiten aufgegriffen wurde.

Auch auf der Seite des TV-Senders Al Jazeera wurde der Sportjournalist "Sam Rhodes" zitiert, was die Nachricht kurzzeitig zu einem der am öftesten geteilten Tweets in Ägypten machte.

Telegraph-Journalist deckt Schwindel auf

Der Schwindel flog schließlich auf, nachdem ein Mitarbeiter des Daily Telegraph das Profilbild von Gardiners Account durch eine Bildersuche jagte. Der blonde Mann im Anzug entpuppte sich dabei als einfach zu kaufendes Agenturfoto. Schließlich wurde das Konto von "Sam Rhodes" von Twitter dicht gemacht. Zu diesem Zeitpunkt hatte Gardiner die Hälfte seines Ziels erreicht und 25.000 Follower.

Sein Ziel, so sagt er, war nicht finanzieller Natur. Viel mehr wollte er eine Nutzerbasis für eine eigene Seite über seine Ansichten zu Fußball, insbesondere den Arsenal FC, schaffen. "Ein kleines bisschen schuldig", gesteht er, habe er sich beim Betrieb des Fakeaccounts schon gefühlt. An seinem Berufsziel, Sportjournalist, hält er weiter fest. (gpi, derStandard.at, 26.01.2014)

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    Die Nachricht, dass Mohamed Salah von Basel nach Liverpool wechseln sollte, sorgte vor allem in Ägypten für Aufregung.

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