Roma und Sinti: Die Fremden, die bleiben

19. Jänner 2014, 09:00
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Roma und Sinti überprüfen das gemeinsame Europa auf die Freizügigkeit, die dieses sich vorgenommen hat. Anmerkungen zu einer Geschichte von Faszination und Verachtung

Unlängst wurde dem österreichischen Musiker Harri Stojka das Goldene Ehrenzeichen der Republik verliehen. Er wurde dafür geehrt, dass er als Jazz-Musiker und Gypsy-Soul-Virtuose auch ein "Botschafter" ist, der Österreich in der ganzen Welt gut vertritt. Stojka erklärte in seiner Dankesrede, dass er "als kleiner Roma-Junge aus Floridsdorf nie im Leben gedacht hätte, dass ich einmal hier stehen würde".

Wenige Tage später trat Stojka gemeinsam mit dem jüdischen Schriftsteller Doron Rabinovici bei einem Abend fern der Eintönigkeiten auf. Den Titel dieser Veranstaltung kann man ohne Weiteres als gesellschaftliches Wunschbild nehmen. Dem steht allerdings in vielen europäischen Ländern eine soziale Wirklichkeit entgegen, die mit Gypsy Soul nichts zu tun hat. Da geht es um Armutsmigration, Kriminalität, Ghettoisierung und um Ängste, denen im Grunde nur mit einer eintönigen Gesellschaft abzuhelfen wäre.

Die Romvölker, wo immer sie konkret anzutreffen sind, verweisen Europa auf einen offenen Rest in der Geschichte der institutionellen Einhegung des menschlichen Lebens. Meldezettel, Bankverbindung, Steuernummer, Staatsbürgerschaftsnachweis und Schulpflicht sind die Formen dieser Organisation. Dem stehen Menschen - beileibe nicht nur und schon gar nicht alle Roma - gegenüber, für die man in Frankreich die Kategorie "gens du voyage" geschaffen hat, also Nichtsesshafte, "Fahrende", früher auch - mit einem Wort, das heute nicht mehr unbefangen benutzt werden kann - "Zigeuner".

"People who pass", so betitelte der amerikanische Journalist Adam Gopnik einen aktuellen Text im New Yorker, in dem er beschreibt, welche Schwierigkeiten Frankreich gegenwärtig mit den Roma hat oder, genauer gesagt: mit der Furcht vor einer "Roma-Überdosis". Die konservative Zeitschrift Valeurs actuelles hatte mit einem Titelbild, auf dem ein durchgestrichener Wohnwagen zu sehen war, davor gewarnt und sich dabei auch auf die Fahnen geschrieben, endlich "all die Dinge auszusprechen, die man nicht sagen darf". Es war das französische Pendant zu einem Cover der Schweizer Weltwoche, die mit Blick auf die Roma von "Familienbetrieben des Verbrechens" schrieb.

Tägliche Diskriminierung

In dieser Debatte laufen so viele Dinge durcheinander, dass es schier unmöglich scheint, sie einigermaßen zu entwirren. Doch eine Sache ist relativ klar: In den Roma finden viele Europäer gerade ein Thema, an dem sich für sie die "Freizügigkeit" konkretisiert, die seit Beginn dieses Jahres gilt.

Populistische Politiker rufen nach Beschränkungen dieser Freizügigkeit, in Deutschland geht es eher um die Furcht vor "Zuwanderung in die Sozialsysteme", in Frankreich um organisiertes Betteln und um Taschendiebstahl, in Ungarn, Rumänien und Bulgarien um Siedlungen, die zu Ghettos oder Slums zu werden drohen, aber auch um Diskriminierung im täglichen Leben, etwa im Schulbetrieb, oder bei der Infrastruktur. Im vergangenen Sommer machte eine Kommune in Ungarn von sich reden, weil sie eine Roma-Siedlung von der Wasserversorgung trennte.

Da es in den Angelegenheiten der Romvölker häufig an Informationen mangelt, bleibt vieles einer Imagination überlassen, die aus zahlreichen kulturellen Quellen schöpfen kann. Der Literaturwissenschafter Klaus-Michael Bogdal hat diese Zusammenhänge in einem 2011 erschienenen Buch dargelegt, das 2013 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wurde: Europa erfindet die Zigeuner, so lautet der pointierte Titel, und im Untertitel wird die Spannung benannt: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. In diesen Tagen ist Bogdal mit seinem Buch wieder auf Lesereise, und sein aktueller Befund kann eigentlich nur sein, dass diese "Erfindung" immer noch weitergeht.

Dem steht im Selbstverständnis der Betroffenen etwas gegenüber, was sich durchaus als Abschottung vor der verwalteten Gesellschaft verstehen lässt: "Seit Jahrhunderten haben wir uns vor dem Erforschtwerden geschützt", heißt es in Melanie Spittas Dokumentarfilm Das falsche Wort aus dem Jahr 1982, in dem die Autorin, eine Sinta, den skandalösen Umgang mit den NS-Opfern aus den Völkern der Sinti und Roma anprangerte. Für die Nazis waren sie "arbeitsscheu" und "asozial". Dass sie ebenso verfolgt worden waren wie die Juden, wurde nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit richtiggehend bestritten.

Der offiziellen Regelung nach begann eine "Verfolgung" von Sinti und Roma erst 1943, wer davor in ein Konzentrationslager gekommen war, Zwangsarbeit verrichten musste oder "von der Fortpflanzung ausgeschlossen" wurde, hatte dazu also, so die Implikation, einen Anlass gegeben.

Scheu vor dem "Erforschtwerden"

Durch die Verfolgungen bekommt die Frage, was es heute heißt, zu einem Romvolk zu gehören, auch noch eine geschichtspolitische Note. Und die Scheu vor dem "Erforschtwerden" hat ein konkretes Motiv darin, dass das Erforschen eben so häufig mit einem rassistischen Interesse oder zumindest auf Grundlage von Vorurteilen betrieben wurde.

Bei der Lektüre von Bogdals Buch bekommt man ein genaueres Verständnis dafür, wie sehr bei diesen in der frühen Neuzeit auftauchenden Zuwanderern nach Europa die Erfindung der modernen Staatlichkeit auf einen paradigmatischen Problemfall stößt: "Beherrschung und Kontrolle des Raums stehen im Zentrum frühmoderner Regierungskonzepte."

In Deutschland bekamen die entsprechenden Disziplinen den Titel "Policey-Wissenschaft", ihr Gegenstand waren nicht zuletzt die vielen "Fahrenden", wozu neben den "Zigeunern" auch "Spitzbuben" oder "zum Müßiggang abgerichtete Landbettler" sowie "Wahrsager" und "Teufelsfenger" gezählt wurden. So steht es in einer Verordnung aus dem Jahr 1586, und es ist nicht zu übersehen, dass von den hier verwendeten Kategorien die eine oder andere bis in die Gegenwart überlebt hat.

1613 erscheint die Novelle La gitanilla (Die kleine Zigeunerin) von Cervantes, dem Autor des Don Quijote. Mit dieser Figur der Preciosa beginnt für Bogdal die lange Tradition der Verklärung einer Lebensform, mit der sich eben auch erstrebenswerte Eigenschaften verbinden lassen wie Ungebundenheit oder künstlerisches Temperament. Doch auch bei Cervantes ist das eingebunden in prinzipiellen Argwohn. "Es scheint, als würden Zigeuner und Zigeunerinnen nur geboren, um Diebe zu sein; ihre Eltern sind Diebe, unter Dieben wachsen sie auf; sie erlernen das Diebshandwerk und werden schließlich mit allen Salben gewaschene Diebe. Die Lust am Stehlen ist ihnen zur zweiten Natur geworden."

Vermutlich ist es Blattmachern, die "Familienbetriebe des Verbrechens" auf ein Cover schreiben, nicht bewusst, dass sie fast wortwörtlich jahrhundertealte europäische Projektionen reproduzieren. Zugleich enthält La Gitanilla eines der geläufigsten Vorurteilsmotive gegenüber den Zigeunern: Das Mädchen Preciosa ist nämlich die entführte Tochter einer aristokratischen Familie.

Auch hier lässt sich die Kontinuität der Klischees bis in die jüngste Gegenwart herauf beobachten: Im vergangenen Herbst entdeckte die Polizei bei einer Razzia in einem Roma-Camp in Mittelgriechenland ein Mädchen, das schnell als "kleiner blonder Engel" tituliert wurde. Bevor die näheren Umstände noch aufgeklärt waren, war schon von Entführung die Rede. Später stellte sich heraus, dass Maria die Tochter einer bulgarischen Roma-Frau ist, die ihr neugeborenes Kind in einer Notlage unter Umgehung der zuständigen Behörden einer anderen Familie überlassen hatte. De facto handelte es sich also um einen Fall von informeller Solidarität und nicht um eine Entführung.

Informelle Solidarität

In dem österreichischen Film La Pivellina von Tizza Covi und Rainer Frimmel war schon ein paar Jahre davor eine vergleichbare Geschichte als Fiktion erzählt worden: Bei einer Zirkusfamilie, die am römischen Stadtrand in Containern ein Winterquartier hat, taucht ein kleines Mädchen namens Asia auf, das alle sofort ins Herz schließen. La Pivellina zeigt, wie man so einen Fall ohne die Muster der Sensationspresse nachvollziehbar machen kann: Die Beteiligten werden nicht ethnisiert, die Amtswege werden nicht umgangen, zugleich deutet sich in diesem Film, in dem die Protagonisten bis zu einem gewissen Grad sich selbst spielen, auch an, dass nicht alles, was in modernen Gesellschaften bis ins Detail geregelt ist, das Leben in seiner Vielfalt erreicht.

Klaus-Michael Bogdal liest auch die Geschichte von der Gitanilla in eine vergleichbare Richtung. Er sieht darin einen integrierenden spanischen Nationalmythos: "Durch ihre Musik und Poesie ist sie möglicherweise die verlorene und wiedergefundene Seele Spaniens, die personifizierte Symbiose der heterogenen Ursprünge der spanischen Kultur, sowohl der gebildeten Eliten, deren Romanzen sie vorträgt, als auch der aus unterschiedlichen Ethnien zusammengewachsenen Unterschichten, deren Tänze sie vorführt."

Diese Deutung gewinnt an Gewicht angesichts der zeitgenössischen Politik. Philipp III. erließ im Jahr 1619 nämlich ein Verbot, "Namen, Tracht und Sprache der Gitanos und Gitanas zu benutzen. Sie sind fortan keine Nation, und ihr Name und ihr Brauchtum werden für alle Zukunft untergehen und in Vergessenheit geraten." Und zwanzig Jahre später lieferte Philipp IV. in einem weiteren Gesetz gleichsam die Begründung dazu nach: "Diejenigen, die sich Gitanos nennen, sind es weder von ihrer Natur noch von ihrer Abstammung, sondern sie haben diese Lebensweise ohne irgendeinen Nutzen für die Republik aufgenommen. Sie haben sich zu verhalten, sodass kein Unterschied zwischen ihnen und der restlichen Bevölkerung besteht."

Woher die Gitanos ihre Lebensweise "aufgenommen" hatten, übersieht der Gesetzgeber auch deswegen, weil er sonst darauf kommen müsste, dass es die verordnete Assimilation oder Integration selbst ist, die dazu führt, dass (im weitesten Sinne) nationale Traditionen sich behaupten. Gerade in Spanien sind die Parallelen zu den Erfahrungen der Juden, die sich unter Zwang taufen lassen mussten, evident. So ist schon seit 500 Jahren eine Konstellation intakt, die Roma-Identität nicht zuletzt zu einer Frage der Abgrenzung von zentralisierter Macht werden ließ. Einer Abgrenzung, die sich aus der Perspektive des gesellschaftlichen Mainstreams dann vielfach kulturell romantisieren ließ, die aber auch jederzeit in die alten Vorurteile umkippen kann.

Ein Krisensymptom

In einer Europäischen Union, deren universalisierendes Projekt vielfach als bürokratisch wahrgenommen wird, und in einer Wirtschaftsordnung, die bestimmte Gruppen und Schichten "abhängt", bilden die Romvölker (diesen Begriff verwendet Bogdal bevorzugt für die in sich vielfach differenzierten Gruppen, die er dazu zählt) in mehrfacher Hinsicht ein Krisensymptom.

Erstens verweisen sie auf ungeklärte Fragen primärer Zugehörigkeit. Moderne Staaten haben ein Interesse daran, dass ihre Bürger sich mit Angelegenheiten, die öffentlich geregelt sind, zuerst an die Institutionen wenden. Dem stehen alternative Loyalitäten gegenüber, die sich verstärken, wenn die Institutionen Enttäuschungen produzieren. Im Grunde verhalten sich viele Roma-Familien, die aus Bulgarien oder Rumänien nach Deutschland gehen, vernünftig. Sie überprüfen das gemeinsame Europa auf die Freizügigkeit, die dieses sich vorgenommen hat. Sie treffen dabei allerdings auf die erhöhten Anspruchsniveaus einer Gesellschaft, in der die Müllabfuhr genauso gut funktioniert oder funktionieren soll wie die Auszahlung des Kindergeldes.

Zweitens stellen die Romvölker eine Projektionsfläche für das fehlende "andere" in modernen Gesellschaften dar. Diese tendieren dazu, Unterschiede zu nivellieren und abstrakt zu machen. Das andere muss also bis zu einem gewissen Grad konstruiert werden ("der" Islam, die Asylanten). Dass die Roma massiven Rassismus erleben, ist gerade in den osteuropäischen Ländern, in denen große Teile von ihnen immer noch leben, eine alltäglich erfahrbare Tatsache. Aus der zentraleuropäischen Perspektive wird diese doppelte Ausgrenzung häufig übersehen: Dort verstärken die Roma dann nur das Misstrauen gegenüber den Menschen aus den "neuen" Ländern, deren institutionelle Defizite den Bürgern zugeschlagen werden, die selber am meisten darunter leiden.

Roma als Avantgarde

Drittens leiden die Roma bis heute darunter, dass sie so etwas wie die Avantgarde jener Wanderungsbewegungen sind, die Europa als Ziel haben. In dem Buch von Klaus-Michael Bogdal wird aus den frühesten Zeugnissen von den damals noch vielfach als "Pilger aus Ägypten" missverstandenen Menschen nur zu deutlich, dass diese in eine Situation kamen, die starke Parallelen zu heutigen Asylsuchenden oder Armutsmigranten aufwiesen.

Als "umlauffendes Volk" standen sie vor Städten, die wie Festungen aussahen und auch so organisiert waren. Heute sind die befestigten Grenzen so weit nach außen gewandert, dass innerhalb dieser Grenzen auch (die Zählungen schwanken enorm) zehn oder mehr Millionen Menschen leben, die ihre Identität mit dieser Wanderungsbewegung verbinden: Sie galten damals als "die Fremden, die bleiben", und das sind sie vielfach bis heute noch.

Der Musiker Harri Stojka hat für den Film Gypsy Spirit vor ein paar Jahren die Fahrt in die Gegenrichtung gemacht. Er ist nach Rajasthan gereist, jenem indischen Bundesstaat, von dem aus damals die Migration ihren Ursprung nahm. Er hat dort musiziert, und er brachte dann ein paar Kollegen mit nach Wien, mit denen er ein World Gypsy Orchestra formierte, eine ost-westliche Supergroup. Er war durch diese Reise "net a anderer Mensch geworden", sagt Harri Stojka in Gypsy Spirit, "aber a kompletterer".

Das ist die positive Seite einer Integration, die aus einer "Erfindung" (Klaus-Michael Bogdal) eine gelebte Wirklichkeit macht und die gelebte Wirklichkeit nicht in die Erfindung rassistischer Konstruktionen aufhebt. Die Roma sind Europäer. Um diese Tatsache zu verbreiten, können die Staaten durchaus noch den einen oder anderen weiteren Botschafter ernennen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 18.1.2014)


Bert Rebhandl, geboren 1964 in Oberösterreich, studierte Germanistik, Philosophie und Katholische Theologie. Er lebt als freier Journalist, Autor (vor allem Filmkritik und Sachbuch-Rezensionen) und Übersetzer in Berlin-Kreuzberg und schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Tageszeitung" und seit 1993 schon für den STANDARD. Zudem ist er Dozent an der Freien Universiät Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Seinfeld" (2012) bei Diaphanes.

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    "People who pass" heißt ein aktueller Text im "New Yorker", der beschreibt, welche Schwierigkeiten Frankreich gegenwärtig mit den Roma hat.

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    Im November 2013 wurden in Frankreich Roma-Lager (solche wie in Triel-sur-Seine in der Nähe von Paris, Bild in der Mitte) zwangsgeräumt. In ganz Frankreich gibt es etwa 400 solcher Lager.

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    Viele Roma wurden wieder nach Rumänien zurückgeschickt (siehe Bild unten). Die EU hat Paris vor einem diskriminierenden Umgang mit Roma-Familien aus Rumänien und Bulgarien gewarnt.

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    Innenminister Valls hatte erklärt, diese seien zumeist nicht integrierbar und könnten daher nicht in Frankreich bleiben.

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