Ganz schön kryptisch

28. August 2003, 13:56
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Code ist Gesetz, Code ist Kunst, Code ist Leben: Beträchtliche Bandbreite bietet die heurige Ars Electronica in Linz

Code ist Gesetz, Code ist Kunst, Code ist Leben: Der Untertitel zur heurigen Ars Electronica demonstriert die Bandbreite, die das Linzer Festival diesmal bietet. "Code - Die Sprache unserer Zeit" verfügt über einen großen historischen Hintergrund.


Linz - Allein 13 verschiedene Bedeutungen listet das englische Internetwörterbuch LEO beim Begriff "Code" auf. Nicht nur in der Linguistik und bei Computersprachen sind Codes zu knacken, auch bei der Entschlüsselung der Gene. Code meint aber auch ein Regelsystem im Sinne von moralischem oder kulturellem Code. Ist Code viel mehr als ein Modewort, ein Begriff, der die computerisierte Gesellschaft charakterisiert? Eine Lingua franca?

Ja, Code: The Language of our time, sagen die Verantwortlichen der Ars Electronica, des Festivals für Kunst, Technologie und Gesellschaft, und beziehen sich auf Code als Kodex und Regelwerk sowie als Zeichensystem. Das von 6. bis 11. September stattfindende Linzer Festival steht unter diesem Motto, dessen Weitläufigkeit vieles bedeuten kann, "inflationär wie fraglich" sein könnte, wie etwa Festivalteilnehmer Friedrich Kittler schreibt.

Der deutsche Medientheoretiker weiter: "Code hieß von Kaiser Theodosius bis zum Empereur Napoleon schlicht das gebundene Gesetzbuch." Die Befehle der Kaiser, so Kittler, hießen auch "Codicilla, kleine geschälte Blöcke aus Holz, in deren Wachsbeschichtung sich schreiben ließ".

Die Ars fokussiert (im Untertitel) auf drei wesentliche Kerngebiete: Code und Gesetz, Code und Kunst, Code und Leben, wobei sich alle drei überlappen können. Ist ein genialer Computerprogrammierer (meist männlich) nicht auch so etwas wie ein virtuoser Performer? Oder ist ein Kunstschaffender, der Software benutzt, nur genau so gut, wie sein Werkzeug es erlaubt, also ein Demonstrator von Technik?

Inwiefern beeinflusst, reguliert und normiert etwa der Maschinencode, der quasi in Form von Monopolen verwaltet wird, unsere Gesellschaft? Logische, alles andere als "objektive" Programmiersprachen verleiten dazu, sie auch auf das Leben und dessen Bausteine anzuwenden.

Verschlüsselt

Obwohl heute so überall präsent, ist nichts so neu, wie es scheint. Codes haben Schlachten entschieden und Menschenleben gerettet: Herodot zufolge sicherte die Geheimschrift der Griechen ihnen im 5. Jahrhundert die Freiheit vor der Sklaverei. Kryptografie wurde schon weit vor der Computerisierung betrieben, schon weit vor deutschen Enigma-Verschlüsselungsmaschinen (die schließlich Alan Turings Proto-Computer enträtselte).

Menschen schufen sich Geheimsprachen und -zeichen, welche etwa von der Obrigkeit, etwa der Kirche, als unverständlich bzw. harmlos bewertet wurden. Auch Hieroglyphen stellen eine Art Sprachcode dar, selbst das römische Zahlensystem verwendet Codes für Ziffern (1000=M, 500=D, 100=C etc.) Dass das ganze Thema seit der Verschlüsselung von Computerdaten populärwissenschaftliches Interesse hervorruft, beweisen etwa Bücher wie Simon Singhs Geheime Botschaften. Die Kunst der Verschlüsselung on der Antike bis in die Zeiten des Internet (Engl. The Code Book, 1999). Hier wird u. a. der Renaissance-Universalkünstler Alberti als ein genialer Geheimschrifterfinder vorgestellt, eine Schrift der Freimaurer ebenso wie die Erfinder des Datenschutzprogrammes PGP (Pretty Good Privacy).

Der binäre Code, das Zahlensystem, mit der sich jede Zahl mit 0 und 1 ausdrücken lässt, geht auf den deutschen Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibnitz zurück. Praktische Anwendung unter anderem: das omnipräsente Strichcode-System (Bar-Code), ein einfach aufgebauter Schlüssel für den Zugriff auf elektronische Datenbanken.

Im Tierreich heißt die Verschlüsselungstaktik Mimikry - sie soll das Überleben sichern. So etwa verpuppt sich eine Raupenart in einem zusammengerollten Blatt, wobei zuvor andere Blätter angeknabbert werden, um gleichfalls einzurollen. Der Vogel, welcher diesen Code knackt, wird mit Beute belohnt.

Natur und Biologie: Die Entdeckung des chemischen Codes des Genoms legte den Grundstein auch für die Biologie des 21. Jahrhunderts. "Die grundlegende Information, durch die Leben sich hält und entwickelt, ist seit Milliarden Jahren als buchstabencodierter Text niedergeschrieben", heißt es in der Zeit zum Thema-Spezial 50 Jahre Doppelhelix, "nicht mit symbolischen Zeichen aus Druckerschwärze auf Papier, sonder als Abfolge von vier chemischen Molekülen (A, C, G, T) im Treppengerüst der Helix-Wendeltreppe".

So inflationär der Begriff Code also erscheint, so konkret wirkt er in den einzelnen Fachgebieten. Kein schlechter Ausgangspunkt für die Ars. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.8.2003)

Von Doris Krumpl



Ars Electronica
(6.-11. 9.):
Das Programm

Es muss ja nicht der Teleklettergarten sein, auf dessen haushoher Kletterleinwand, gleichzeitig die größte Tastatur der Welt, kletternd Computer- Programme geschrieben werden können. Man kann Hunderte andere Spielarten der heutigen Ars Electronica konsumieren, der 24. Auflage des Festivals für Kunst, Technologie und Gesellschaft.

Etwa die zahlreichen Installationen und Werke rund um "Code" im Brucknerhaus, ebenfalls Ort eines Kerngebietes der Ars, des Symposions. Friedrich Kittler, Howard Rheingold oder Adobe-Mitentwickler John Warnock sprechen über das Festivalthema Code.

Das O.K Centrum für Gegenwartskunst stellt unter "Cyberarts" ausgewählte Projekte des Prix Ars Electronica vor. Zwei der Hauptacts bei den Konzerten, Events und Performances sind Messa di Voce, wobei Stimmen mittels Software grafisch umgesetzt werden, sowie die fünfstündige Adaption rund um Iannis Xenakis Principles of Indeterminism.

  • Computercodes wie Gencodes generieren neue künstlerische Menschenbilder jenseits des "äußeren" Körpers; Info-Bodys nennt dies die Medien- 
Wissenschafterin Anne Balsamo. Richard Kriesches dem entsprechendes Porträt einer Person, Teil seiner bei der Ars ausgestellten Arbeit "Das universelle Datenwerk - datenwerk: mensch".
    foto: ars/ kriesche

    Computercodes wie Gencodes generieren neue künstlerische Menschenbilder jenseits des "äußeren" Körpers; Info-Bodys nennt dies die Medien- Wissenschafterin Anne Balsamo. Richard Kriesches dem entsprechendes Porträt einer Person, Teil seiner bei der Ars ausgestellten Arbeit "Das universelle Datenwerk - datenwerk: mensch".

  • Link  www.aec.at/code
    grafik: aec.at
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