Der Führerschein wird 110 Jahre alt

18. August 2003, 19:16
posten

... geboren in einer Epoche der Radfahrschulen und erlaubter Höchstgeschwindigkeiten von 6 bis 1(!) km/h

Wien - Der Führerschein wird offiziell 110 Jahre alt: Am 14. August 1893 verordnete der damals neuernannte Polizeipräsident Louis Lepine in Frankreich nach Angaben des ARBÖ allen Besitzern von "Motorwägen" eine Prüfung. Abgenommen wurde sie von Bergbauingenieuren, die im Bereich Technik am versiertesten waren.

Fahrzeugbezogene Zulassungen

Zuvor hatte es - noch ohne allgemeinverbindliche Regelung - einzelne Zulassungen gegeben: Die erste ihrer Art in Österreich wurde 1892 gewährt (sie setzte sogar eine Prüfung voraus), die zweite erst vier Jahre danach. Diese Zulassungen waren aber jeweils nur für bestimmte Fahrzeuge gültig, die regelmäßig auf den Prüfstand mussten.

Den "Startschuss" hatte Graf Siegfried Wimpffen gegeben, als er 1892 bei der Wiener Polizei, Referat für Spektakel, um eine Genehmigung zum Betrieb eines Dampf-Automobils ansuchte. Eine Kommission, der der Rektor der Wiener Technischen Hochschule sowie Beamte des Magistrates und der Polizei angehörten, erteilte Wimpffen die Erlaubnis.

Vom Fahrzeug zum Lenker

Am 7. Jänner 1906 schlug der Führerscheinprüfung in Österreich die amtliche Geburtsstunde. Eine Ministerialverordnung, die erstmals für die gesamte k.u.k. Monarchie galt, schrieb die Einführung von Erkennungszeichen (KFZ-Kennzeichen) sowie die Prüfung der Wagenlenker vor. Diese Zulassung galt nun für den Lenker selbst, war also ein "Führerschein" im heutigen Sinne.

Ab der Novelle von 1912, die wegen der steigenden Zahl von Unfällen eine allgemeine Verschärfung der Bestimmungen brachte, gab es eine Prüfung über die Technik, die polizeilichen Vorschriften und eine praktische Fahrprüfung - was sich bis heute gehalten hat.

Erste Versuche einer Verkehrsordnung

Am 19. September 1899 wurde mittels Verordnung des k.u.k. Statthalters im Erzherzogtum Österreich unter der Enns die erste landesgesetzliche Regelung für den Kraftfahrzeugverkehr erlassen, die Bestimmungen für das Lenken von Automobilwagen und Motorrädern regelte. Darin zu finden war auch die Linksfahrordnung für Niederösterreich, die festlegte, "links zu fahren, links auszuweichen und rechts vorzufahren". Von den wenigen Automobilisten, die damals ihre Runden drehten, hielt sich laut ARBÖ jedoch kaum jemand daran. Außerdem gab es niemanden, der den Verkehr regelte, geschweige denn Vorrangregeln oder Verkehrszeichen.

1902 schlug die "Association Generale Automobile" vor, 16 Straßensignale aufzustellen. Damit konnte sie nicht alle Fahrer begeistern. Am 30. November 1902 schrieb beispielsweise die "Allgemeine Automobil-Zeitung", dass "durch die Einführung von so vielen Zeichen leicht eine Verwechslung herbeigeführt werde, und der Automobilist stets ein kleines Vademecum (einen Leitfaden, Anm.) bei sich führen müsse, um seinem Gedächtnis nachzuhelfen". Heute müssen sich die Kraftfahrer österreichweit durch einen Wald von mindestens 2,1 Millionen Schildern kämpfen.

Keine Gefahr eines Geschwindigkeitsrausches

In der Gründerära des Automobilismus waren die Geschwindigkeitsbegrenzungen - teils dem Stand der Technik angemessen, teils aber auch von gewisser Technik-Skepsis geprägt - noch skurril niedrig. Zunächst durfte man überhaupt nicht schneller fahren als ein Pferd traben konnte, ab 1906 waren dann immerhin schon 45 km/h auf Freilandstraßen erlaubt, bei Kreuzungen jedoch nur 6.

Pech konnte man innerhalb von Ortschaften haben: maximal waren hier 15 km/h erlaubt, doch variierten die zulässigen Höchstgeschwindkeiten von Gemeinde zu Gemeinde. Eine ließ nur ein mickriges km/h zu ...

Nur wenige hielten sich übrigens daran.

Das Umfeld

Eine größere Rolle spielten zur Zeit der Jahrhundertwende ohnehin noch die Fahrräder - oder "Velocipeds", wie sie damals genannt wurden. In einer Reihe von Radfahrschulen wurde der richtige Umgang mit dem neuen Verkehrsmittel gelehrt - denn auch dafür gab es Zulassungen.

Die Polizei führte Fahrprüfungen durch und stellte in einigen Städten "Velociped-Erlaubnisscheine" aus. Zur Kontrolle mussten die Räder mit Nummerntafeln ausgestattet sein. 1897 entfiel dieses Regelwerk nach erfolgreichen Protesten von Radfahrerklubs.

Die bislang letzte Phase

Die jüngste Reform zur Erlangung des Führerscheins in Österreich erfolgte mit Wirkung vom 1. Jänner 2003 durch die Einführung der "Mehrphase". Neulinge müssen nach der eigentlichen Fahrprüfung zeitlich gestaffelt zwei Perfektionsfahrten, ein Fahrsicherheitstraining und ein verkehrspsychologisches Gespräch absolvieren. (APA/red)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.