Tanz mit Analysen und wildem Denken

10. August 2003, 22:18
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Sommerfestival ImPulsTanz: Ästhetischer Pluralismus und trotzdem exzellente künstlerische Qualität

Das soeben zu Ende gegangene Sommerfestival ImPulsTanz bot ästhetischen Pluralismus und trotzdem exzellente künstlerische Qualität: Seit der Körper das bevorzugte Bezugsfeld der Theorie geworden ist, boomen auch sperrigere Arbeiten beim breiten Publikum.


Wien - Der menschliche Körper ist ein Politikum. Jahrhundertelang wurde er unterdrückt oder überschätzt und durch Verleugnung oder Verherrlichung missbraucht. Jede Zivilisation birgt ihre eigenen Erzählungen über ihn, und gerade die so genannten Hochkulturen haben die raffiniertesten und radikalsten Methoden entwickelt, um den Körper des Individuums - mit Michel Foucault gesprochen - zu überwachen und zu strafen.

Religionen, Ideologien, Industrien und Märkte suchen ihn zu besetzen und zu durchdringen. Im Nationalsozialismus tobte ein entfesselter Vernichtungstrieb seine beispiellose Verachtung gegenüber dem Körper aus. Und die Missionare des Cyberspace träumen davon, den Körper zu entmaterialisieren.

Weil der Leib vergänglich ist, fällt es einigermaßen leicht, in vielen Menschen die Sehnsucht nach seiner Überwindung zu erzeugen. Im Tanz verlangt der Körper seine Rechte zurück. Und zwar als empfindendes und anatomisches Ganzes und als Teil von Gemeinschaften, als Subjekt, das sich mitteilt, und als Objekt, das gelesen wird.

Der Tanz hat viel von seinem elitären Narzissmus aufgegeben. Er zeigt sich heute als komplexe Kunstform, die der Ausdrucksvielfalt des Körpers mit einer Vielzahl an Techniken sowie einander gegenüberstehenden, kulturübergreifenden Ästhetiken und Philosophien Gesicht und Gehör verschafft.

In Wien bieten sich mittlerweile einige breitenwirksame Foren an, die die relevanten Körperdiskurse des Tanzes und der Tanzperformance allgemein zugänglich machen. Dazu gehören das soeben zu Ende gegangene Festival ImPulsTanz, das Tanzquartier Wien und auch kleinere Institutionen wie dietheater Wien, das WuK oder die traditionsverbundeneren Ballette der Staats- sowie der Volksoper.

ImPulsTanz und Tanzquartier bilden eine Achse zwischen breit gefächerter Überblickspräsentation und gezielter Schwerpunktbildung, zwischen Akkumulation einer Vielzahl an Stücken und kontinuierlicher Aufbereitung der expandierenden zeitgenössischen Choreografie. Und diese bildet ein teils konservatives, teils experimentelles Spannungsfeld.

Der ästhetische Pluralismus des Sommerfestivals, in dem Kunstpräsentation und -pädagogik konzentriert miteinander verknüpft sind, erlaubte auch in diesem Jahr wieder einen guten Blick auf wichtige Bereiche dessen, was der internationale Gegenwartstanz aktuell zu bieten hat.

In der Jungchoreografenreihe [8:tension] zeigte sich, dass ein Teil des künstlerischen Nachwuchses im Spitzenfeld der Tanzdiskurse kräftig mitmischt: Die erst 23-jährige Mette Ingvartsen in Manual Focus, Alice Chauchat & Vera Knolle mit A Number of Classics in the Age of Performance und Erna Ómarsdóttir in ihrem Solo IBM 1401 - a user's manual. Ómarsdóttir begeisterte und irritierte mit einem alles gute Tanzbenehmen ignorierenden, expressiven Exzess, in dem Kitsch und Katharsis einander gegenseitig auffraßen. Chauchat/Knolle brachten die Lust an rationaler Analyse ins Spiel, und Ingvartsen trieb das virulente Tanzthema Körperrepräsentation auf eine ironische Spitze.

Im Hauptprogramm gaben so gegensätzliche Spitzenwerke wie Song and Dance von Mark Tompkins und héâtre-élévision von Boris Charmatz die Maßstäbe vor. Denn Tompkins' brillantes Backstage-Poem und Charmatz' einzigartige medienanalytische Theater-Video-Installation sind mehrschichtig lesbar, unter anderem auch als gewitzte Erörterungen der Performance als Kommunikationssystem zwischen Akteuren und Auditorium.

Erzählerische Poesie

Emio Greco, Jonathan Burrows mit Matteo Fargion und Josef Nadj repräsentierten tänzerische Innovation und erzählerische Poesie. Gegen Ende des Festivals exponierte der But&hibar;otänzer K&hibar;o Murobushi in einer spontan angesetzten Improvisation den anarchistischen Körper und dessen "wildes Denken". Die Wiener Choreografen Elio Gervasi und Milli Bitterli bereiteten ihre Beteiligung an der internationalen Dynamik relativ überzeugend vor, und die bestechenden Blockbuster La La La Human Steps, DV8 Physical Theatre, Ultima Vez und Rosas erwiesen sich als Publikumsmagneten beinahe ersten Ranges. Aus solchen Attraktionen, die der Choreografie ihre Breitenwirkung verschaffen, bezieht ImPulsTanz seine Zugkraft.

Das diesjährige Programm bot, abgesehen von dem Hinter den Linien-Downer des deutschen Hype-Choreografen Christoph Winkler und Ismael Ivos verwackelter Mapplethorpe-Hommage, keinen wirklichen Tiefschlag an. ImPulsTanz hat die künstlerische Qualität seines Angebots kontinuierlich gesteigert, ohne an Zuspruch zu verlieren.

Mit dem Abgang von Kodirektor Guido Reimitz, des Erfinders von [8:tension], bekommt das Festival nun auch die Chance, seine kuratorische Strategie zu modernisieren und damit seine programmgestalterische Kompetenz zu optimieren. Es sollte sie ohne zu zögern ergreifen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 11.8.2003)

Von
Helmut Ploebst
  • Überzeugende Proben aus der sinnlich erfassbaren Welt des "Körper"-Diskurses: Mark Tompkins' Choreografie "Song and Dance" zählte zu den Höhepunkten von ImPulsTanz 2003.
    foto: impulstanz

    Überzeugende Proben aus der sinnlich erfassbaren Welt des "Körper"-Diskurses: Mark Tompkins' Choreografie "Song and Dance" zählte zu den Höhepunkten von ImPulsTanz 2003.

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