Je fais mes adieux

17. August 2003, 23:37
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Ein Sudelbuch, ein Buch der Unruhe: Martin Walsers Gedankensammlung "Meßmers Reisen"

Sich klein machen und groß reden oder durch Bescheidenheit und unerbittliche Selbstkritik über sich hinaus und ins Übermenschliche wachsen - was taugt eher als Rezept zum Tagebuchschreiben? In Meßmers Reisen pflegt Martin Walser das Paradox. Nach seinem großen, über die Ufer des Erzählflusses tretenden Roman Der Lebenslauf der Liebe und der schlüsseldienstfertigen Literaturbetriebssatire Tod eines Kritikers hat der ringsum Angefeindete nun alle Posaunen weggepackt, alle Verstärker abgedreht: Walser unplugged ist angesagt, Konzentration auf das Wesentliche, einfache Harmonien, leise Töne: "Nur noch mitschreiben kann ich. Ein Fahrtenschreiber bin ich, mehr nicht."

Das klingt wie das Eingeständnis von Impotenz. Aber gleich der erste Satz des Buches hat trotzig behauptet: "Phantasie ist Erfahrung." Die Einbildungskraft fällt nicht vom Himmel, und Erfahrung hat ja vom Wortsinn her etwas mit dem Fahren zu tun: Der "Fahrtenschreiber" erfährt - und erfährt sich - das Phantastische, den Grundstoff der Literatur.

Mit Meßmers Reisen bekennt Walser sich zur Steinbrucharbeit des Schreibenden am Lebensgestein: "Leben als Beruf, Huren, Schriftsteller und, falls sie es ernst nehmen, Pfarrer." In dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist der Autor sinnig zwischen den religiösen Dienst und die Erotik gespannt, eine Ambivalenz, von der auch dieses Buch kündet. Von Reiseabenteuern im landläufigen Sinn handelt es freilich nicht, es nimmt vielmehr eine Form des Spekulierens und Räsonierens auf, in die Walser vor achtzehn Jahren schon Meßmers Gedanken gegossen hat. Hinter Herbert Meßmer, einem Geistesmenschen von Renommee, der bald notizenhaft in der ersten Person spricht, bald von einem unbenannten Protokollanten beobachtet und zitiert wird, kann der Autor sich so gut verstecken, dass er vorgibt, niemanden mehr schonen zu müssen.

So finden sich hier Gedanken, ketzerische, harmlose, abwegige und nahe liegende, auch Reisegedanken, poetische Bilder, Gedichte, Traumberichte, Aphorismen, kurze Geschichten und Anekdoten, die den Rahmen eines Diariums sprengen. Lichtenberg hat in seinen Sudelbüchern eine ähnliche Methode praktiziert (und die wiederum den Waste Books der englischen Kaufleute abgeschaut). Mit ihr lässt sich die Selbstzensur überlisten, sie erlaubt, einen Gedanken auch zu verschwenden, an Dinge, die sonst einer seriösen Betrachtung nicht für würdig erachtet werden. Der verschwenderische Umgang mit dem Einfall führt aber gerade dazu, dass keiner verloren geht, unter den Tisch fällt. Man nennt das Arbeitsökonomie. Nicht nur im übertragenen, auch im wörtlichen Sinn ist Meßmer ein Reisender, vornehmlich ein Bahnfahrer. "Ich sitze die Zeit ab in immer schnelleren Zügen", das hat einen beklemmenden Doppelsinn. Zugleich ist die Bahn die letzte Bühne der Klassengesellschaft: "Die Herren in der Ersten müssen meistens arbeiten, sonst können sie sich die Erste nicht leisten." Allerdings ist ja auch Meßmer (und mit ihm Walser) so ein Herr. Der schreibend Arbeitende sieht die Reise existentiell, als Flucht: "Wie weit muß man fahren, um fort zu sein?"

Im mittleren der drei Teile des Buches sind die Splitter säuberlich aufgefädelt, zu längeren Passagen gebündelt und ergeben wirklich so etwas wie einen Reisebericht: Meßmer weilt als Gastprofessor in Los Angeles, kämpft mit erotischen Anfechtungen ("Offenbar ist jeder Mann eine Parodie des Männlichen"), bekommt von seinen Kollegen Gedichte anvertraut, huldigt dem etwas anderen Small talk: "Natürlich fragen sie nach Meßmers Kindern. Drei, sagt er, Söhne. Zwei heißen Kurt, einer Karl. Warum heißen zwei Kurt? Sie wollten unbedingt einen Kurt. Dem ersten Kurt gaben die Ärzte keine Überlebenschancen. Jetzt lebt der aber immer noch."

Walsers Witz konzentriert sich auf das kalifornische Campusbiotop und Meßmers Rolle darin (köstlich das Reden vom Wunsche, Nietzsche-Referent zu werden), aber er blitzt überall auf, auch dort, wo es um Verwundungen des Helden geht. Der neue, alt gewordene Meßmer kämpft vor allem mit seiner Berühmtheit, seiner öffentlichen Rolle. So ist wohl auch die Namensähnlichkeit mit Franz Anton Mesmer (1734-1815) kein Zufall, stammte der ebenso berühmte wie umstrittene Magnesiteur doch wie Walser vom Bodensee. Weil ihn die Öffentlichkeit schmerzt wie ein Sonnenbrand, sucht Meßmer sein Heil in der Sprache, fühlt er sich von ihr zutiefst verstanden: "das Weite suchen", "sich aus dem Staub machen", der Rückzug wird zur Verlockung.

Obwohl Walser sein Sprach-Spiel über alles gestellt und dementiert hat, hier Persönlichstes verwendet zu haben: Das Buch resümiert auch die allgemeine Empörung über Walsers Paulskirchen-Rede, den Streit mit Reich-Ranicki und der FAZ um den angeblich antisemitischen Kritikerroman sowie die aggressiven Reaktionen bei der Lesetour durch Deutschland. "Die Berühmtheit" im Text (die zweite neben Meßmer) ist eindeutig der Kritikerpapst. Er begegnet dem Kontrahenten im Traum, provoziert "Wut" und "Haß". Walser zitiert Heine: "Ich habe nie eine Beleidigung auf dieser Welt verziehen."

Doch das Alter ego besorgt hier nicht des Autors Geschäfte, erledigt nicht die große Abrechnung. Vielmehr leckt Meßmer seine Wunden, er beobachtet sich streng, erkennt die Gefahren des Leidens und Beleidigtseins, das Lähmende der Totalopposition, das Gefühl, zu allem berechtigt, auf fatale Art auserwählt zu sein, die Lust des Verletzten, selbst zu verletzen: "Ich bin ein kleiner Drache, der als St. Georg auftritt." Einerseits ist es Walsers Selbstironie, die das Buch vor Larmoyanz bewahrt, auch vor einer selbstmitleidigen Koketterie, die hie und da anklingt (er sei, sagt Meßmer, überhaupt nicht "deprimiert": "Nur niedergeschlagen. Von wem?").

Andererseits geht es in diesen Aufzeichnungen um Wichtigeres als Literatenfehden: Hier spricht einer, dem der Glaube fehlt, der von der eigenen Nichtigkeit, von seiner inneren Leere zutiefst überzeugt ist, der zugibt, nichts zu sagen zu haben: "Ich bin die Asche einer Glut, die ich nicht war."

So gesehen ist Meßmers Reisen auch ein "Buch der Unruhe" auf Pessoas Spuren. Das Notieren ist für ihn "das provisorische Abdichten eines Lecks bei einem Schiff, das untergehen wird", und vom Abdichten zum Dichten ist es eben noch weit. Walser bringt, wiederum maritim, das Bild eines Schiffsbauers, der nur noch Hölzer sammelt, stapelt, Pläne zeichnet, aber kein Schiff mehr baut. "Fortschreitender Stillstand."

Gewiss: Sein neues Buch hat Walser teils aus alten Planken gezimmert, Notizen aus der DDR-und Reagan-Zeit. Trotzdem ist es ein zwar nicht stolzes, aber durchaus seetaugliches Schiff geworden. (Bei den eingestreuten Lyrikproben versteht man allerdings, weshalb Walser als Prosaautor reüssiert hat.) Mit Hintersinn und bizarrem Einfallsreichtum offenbart sich ein enttäuschter Romantiker, ein Misanthrop wider Willen, ein ganz und gar desillusionierter Lebenskünstler, der beim Wellenreiten Gischt sein, ein "Schaumkronendasein" führen wollte und nun spürt, wie es ihn hinunterzieht. Und da hofft man zum Schluss doch, dass Martin Walser es mit dem Abschiednehmen nicht wörtlich nimmt.

(Von Daniela Strigl/DER STANDARD; Printausgabe, 09.08.2003)

Martin Walser, Meßmers Reisen. € 18,50/191 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003.
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