Abend in Salzburg: Whisky mit Henze

8. August 2003, 19:52
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Eine Begegnung mit dem deutschen Komponisten Hans Werner Henze

Am kommenden Dienstag gelangt Hans Werner Henzes zweites Auftragswerk für die Salzburger Festspiele "L'Úpupa und der Triumph der Sohnesliebe" im Kleinen Festspielhaus zur Uraufführung.

Salzburg - In der Lobby eines Salzburger Luxushotels steigt die Spannung. Die Dame an der Rezeption meldet mit angemessener Feierlichkeit: "Der Herr Professor kommt herunter." Und schon bezieht die Hotelmanagerin höchstpersönlich vor den Lifttüren Stellung, um den illustren Gast mit gebührender Ehrerbietung zu empfangen.

Dieser lässt auch nicht lange auf sich warten. Seine Performance könnte perfekter nicht sein: Mit verwegen schräg sitzendem Girardihut über dem strahlend lächelnden Gesicht, grazilem Spazierstock, elegantem Dress, Seidenhemd und Stecktuch, ganz klar, mit gleichem Muster könnte man ihn beinah mit Maurice Chevalier verwechseln oder mit einem weltreisenden Dandy.

Mit einem Günstlings des Glücks jedenfalls, den man am Boulevard Solitude vergeblich sucht, weil er "on the sunny side of the street" wandelnd nur mit den Fingern zu schnippen braucht, und schon werden ihm alle Wünsche beflissen erfüllt.

Wie im vorliegenden Fall. Großes Problem: Tags zuvor hat ihm der Whisky nicht gemundet. Also bemüht sich der "Herr Professor" höchstpersönlich an die Bar, deren Keeper die nun folgende kennerhafte Musterung seiner Kollektion beinah kniend verfolgt. Die Wahl fällt auf Chivas regal. Doppelt, ohne Eis.

Jetzt geht es nur noch darum zu klären, wo der "Herr Professor" selbigen nebst einem Glas "sehr kaltem" Wasser zu sich zu nehmen geruht. Im Garten oder in der Luxussuite, wo die fürsorgliche Managerin Kühle und Schatten verheißt. Hitzebedingt wird Letztere präferiert.

Doch die Verheißungen treffen wie in Fällen nicht zu. Weil den "Herrn Professor", der mittlerweile leger auf dem Seidensofa Platz genommen hat, die Sonne blendet, gilt es zunächst einmal die Balken zu schließen. Und dann fällt sein Blick auf ein anderes Fenster, an deren Scheibe er eine Fleischfliege entdeckt.

Henze: "Ach, kann man dieses hässliche Insekt entfernen. Es stört mein ästhetisches Empfinden."

Da gilt es für den Gesprächspartner, sich als ungelenker, aber schließlich doch erfolgreicher Kammerjäger zu betätigen. Und keiner würde glauben, dass dieser irritable Chevalier (seit heuer übrigens auch ein solcher "de la Légion d'Honneur) einst als Adorant von Che Guevara und Fidel Castro in Kuba auf Zuckerplantagen arbeitete und Ersterem das Oratorium Das Floß der Medusa gewidmet hat. Und sich um Rudi Dutschke kümmerte, als dieser am Gründonnerstag des Jahres 1968 angeschossen wurde.

Erinnerungen an Mürzzuschlag

Noch im Jahr 1981 gründete er in der obersteirischen Industriestadt Mürzzuschlag eine Musikwerkstatt, in der er in Werkhallen für und mit Arbeitern musizierte. Drei Jahre später rief er im weststeirischen Deutschlandsberg das Jugendmusikfest ins Leben, bei dem er Kinder im Komponieren unterwies.

Henze: "Wie hieß doch dieser (Henze-O-Ton:) Dschass-Pianist in Deutschlandsberg?"

STANDARD: Harald Neuwirth.

Henze: "Ach ja. Der wollte ursprünglich eigentlich gar nicht, dass seine Tochter (Olga) Musik lernt. Später sollte eine Oper von ihr bei der Münchner Musikbiennale (die Henze 1988 gründete und sieben Jahre lang leitete) gespielt werden. Sie wollte einen irischen Regisseur, ich aber hatte Peter Mussbach - ist doch auch kein schlechter Mann - vorgesehen. Da wurde sie richtig zornig, warf sich auf den Boden und schrie. Es war schrecklich. Und die Jelinek ist dabeigesessen. Aus dem Projekt ist natürlich nichts geworden."

Mittlerweile hat sich der "Herr Professor" nicht nur aus allen Funktionen zurückgezogen. Es scheint auch so, als würde er das politische Geschehen nur noch sehr selektiv wahrnehmen. Stellte er vor mehr als einem Jahrzehnt für die bevorstehende Wiedervereinigung Deutschlands noch eine analytisch messerscharfe, düstere Prognose, die in allen Details zutraf, so erklärt er sich nun im Hinblick auf die Osterweiterung der Europäischen Union "als Künstler, Musiker, Komponist" für nicht zuständig - "einfach zu wenig informiert".

Wohl liest er auf seinem Landgut in der Nähe von Rom täglich La Repubblica, und sein Kater, Fumo mit Namen, möchte im Fernsehen die Abendnachrichten sehen. Ihn selbst interessieren sie kaum. Beherrscht doch der jetzige "Bundeskanzler", wie er Berlusconi zu titulieren beliebt, die gesamten italienischen Medien.

Henze: "Ist das nicht schrecklich? Dieses Italien mit seiner lebendigen Demokratie, die ich so geliebt und bewundert habe. Und jetzt so etwas. Und die Intellektuellen, die früher tonangebend waren, stehen nun bleich da und müssen dem allen machtlos zusehen."

Henze überlässt das Zusehen lieber seinem Kater. Er selbst präferiert das Komponieren - zwischen dem Morgengrauen und elf Uhr. Dann gibt es, zur Belohnung gewissermaßen, einen Gin Tonic. Kann aber auch ein Wodka sein. Und den Whisky gibt es erst ab sechs Uhr abends.

Die Arbeit an seiner jüngsten Oper L'Úpupa und der Triumph der Sohnesliebe ist ihm schwer gefallen. Am Anfang war der Auftrag. Dann kam eine Thrombose am rechten Bein, die ihn zwang, drei Wochen lang das Bett zu hüten. Er vertrieb sich die Zeit mit dem Lesen. Märchen waren angesagt. Darunter auch syrische. Und eines hat ihn angemacht. Es handelt von einem alten Mann, der seine drei Söhne ausschickt, um den Glücksvogel zu suchen, der ihn verlassen hat. Zwei der Söhne drücken sich vor der Aufgabe. Nur einer kehrt nach mehreren Abenteuern mit dem Vogel und auch mit einer Braut zurück. Die beiden Brüder werfen ihn zunächst in einen Brunnen. Doch dann kehrt sich schließlich alles zum Guten. Und die zwei bösen Söhne werden verjagt.

Mag sein, dass diese Handlung auch gewisse autobiografische Züge hat. Ist Úpapa doch der Name von Henzes liebstem Vogel auf seinem italienischen Landgut, dem Wiedehopf. Könnte auch sein, dass dieser Vogel für die Muse steht, für die spontane Inspiration, um die der mittlerweile 78-jährige mitunter bangt.

Henze hat das poetische Libretto für diese zweite Oper, die er nach den 1966 uraufgeführten Bassariden für die Salzburger Festspiele schrieb, selbst verfasst. Nachdem er die Texte zu fünf Liedern mit Klavierbegleitung aus dem Arabischen ebenfalls selbst geschrieben hatte, fand er den Mut dazu. Anspielungen auf die Zauberflöte und Textzitate aus dem Tristan blinken auf. Nicht aber in der Musik.

Henze: "In die Musik darf nichts, was rundum passiert, Eingang finden. Man darf in der Kunst von allen Irritationen nichts merken. In meiner 10. Symphonie ist mir dies, so will es mir scheinen, am besten geglückt."

Da folgt Henze nichts anderem mehr als seiner Intuition. Und bei der Komposition seiner neuesten Oper hatte er stets den Klang der Wiener Philharmoniker im Ohr.

Henze: "Da kann man sagen was man will, die sind einfach das beste Orchester. Und jetzt bei den Proben höre ich, wie das alles unter der Leitung des ausgezeichneten Markus Stenz, der ja auch in München die Uraufführung von Venus und Adonis geleitet hat, so nach und nach Gestalt annimmt. Und oft denke ich mir: ,Und das soll ich geschrieben haben?' Immerhin liegt ja schon vieles drei Jahre zurück. Man entfernt sich von dem, was man gemacht hat. Es wird einem fremd, wiewohl man für das alles, was da jetzt erklingt, ganz eindeutig verantwortlich zeichnet.

Aber diese Musik hat viel Kraft. Manche werden sicher gedacht haben, der Alte bringt keine Noten mehr z'amm." (Peter Vujica/DER STANDARD; Printausgabe, 09.08.2003)

Hans Werner Henze, geboren 1926 in Gütersloh, Westfalen.

Studien bei Wolfgang Fortner und bei den Darmstädter Ferienkursen.

Engagierter Parteigänger der Linken während der 60er-Jahre.

Lebt seit 50 Jahren in Italien. Seine Werke, darunter 23 für das Musiktheater, zehn Symphonien, Lieder und Kammermusik, sind trotz hohen strukturellen Anspruchs von lyrischer Eindringlichkeit geprägt.

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